Barbara Lechner: «Am Berg und im OP braucht’s gute Nerven»

Auf dem Hasliberg aufgewachsen, kennt sie die Berner Alpen wie ihre Hosentasche. Barbara Lechner hat Anästhesiepflege-Expertin gelernt und arbeitet seit fünf Jahren als selbständige Bergführerin.

Hoch hinaus: Barbara Lechner (42) ist Gipfel­stürmerin und Anästhesiepflegerin. (Fotos: Franziska Scheidegger)

«Eins, zwei, Attack! Nimm einen grossen Schritt, hier, und jetzt halt dich mit der linken Hand am Vorsprung über dir, sehr gut, und nun mit der rechten Hand den Stamm der kleinen Arve greifen, sehr gut …» Souverän lotst die Bergführerin mit Diplom vom internationalen Bergführerverband IVBV die Fotografin Franziska Scheidegger den Kalkfelsen hoch. «Jetzt einen Schritt auf den Vorsprung hier, sehr gut, und dann mit dem anderen Fuss auf die Wurzel da vorn …» Mit zwei, drei geschickten Handgriffen sitzen die Knoten, das Seil strafft sich, schon ist die Fotografin auf dem Gipfel des Kalkfelsens gesichert. Nun zeigt Barbara Lechner, was sie draufhat. Mit Helm und Klettergestältli ausgerüstet, mehrere Meter Seilverkürzung locker um die Schulter geschlungen, klettert sie wie ein Wiesel an dem senkrechten Felsen herum, als wäre sie in dieser Vertikalen schon immer zu Hause gewesen.

VORBILD VATER. Praktisch ist sie das auch. Schon ihr Vater war ein begnadeter Kletterer, «er hat viele Routen eröffnet», sagt sie nicht ohne Stolz, und erzählt, wie sie ihn als Kind oft auf Touren begleitet hat. Da sei ein Urvertrauen gewachsen, in sich selber und in die Natur, «das ist mein natürliches Umfeld hier. Aber ich bin dafür dann gestresst, wenn ich in die Stadt muss. Wenn viele Menschen auf einem Haufen sind, dann habe ich Mühe.»

Und nein, sie habe nicht ihr Hobby zum Beruf gemacht, das sagt die leidenschaftliche Bergführerin ganz bestimmt: «Es ist gewiss nicht mein Hobby, viermal die Woche auf den Mönch zu klettern und nur 250 Höhenmeter in der Stunde zu gehen!» Vielmehr habe sie ihre Passion für die Natur und die Berge zum Beruf gemacht: «Diese Leidenschaft möchte ich mit meinen Gästen teilen.» Aber ein Traumberuf? Nein! Sie sei als Bergführerin stark in der Realität verwurzelt und sicher nicht am Träumen, und zudem sei diese Arbeit seelisch und körperlich sehr anstrengend, «immer voll konzentriert sein, stets Rucksack und Material tragen, frühmorgens aus der Hütte raus und acht oder auch mal zehn Stunden gehen, und manchmal ist es dann auch gar nicht so lustig, im Vollschiff zu einer Hütte zu laufen …» Jedoch gebe es viele traumhaft schöne Momente.

SCHNELLE FREIZEIT. Und was macht die Bergführerin in der Freizeit, wenn sie nicht Gäste auf Gipfel führt oder Gletscher­touren leitet? Die Antwort: «Im Sommer klettern, im Winter Skitouren!» Wenn sie privat mit ihrem Lebenspartner – auch er ist Bergführer – und anderen Kollegen unterwegs sei, dann sei das Tempo ein anderes, dann schafften sie im Minimum 400 Höhenmeter in der Stunde. Und vor ­allem erkunden sie dann neue ­Routen, bewegen sich abseits der ­bekannten Gipfel. Beruflich ist ­Lechner hauptsächlich im Jungfrau­gebiet unterwegs sowie in Zermatt, denn «je nach Wetterlage ist es praktisch, wenn ich mit meinen Gästen ins Wallis ausweichen kann. Und klar, manche wollen halt einfach aufs Matterhorn.» Das könne sie gut nachvollziehen, obwohl sie selber manche weniger bekannten Routen interessanter findet. Den Mythos mit den 4000ern relativiert sie: «Das Breithorn in Zermatt ist so einfach, dort kommt man im Prinzip auch mit dem Bike rauf. Aber wenn ich sage, wir waren am Schneestock-Ostgrat, dann weiss kaum jemand, wie schwierig das ist. Das macht dann für manche Leute nicht so viel Eindruck wie das Matterhorn.»

Am Seil: Zum Pickel ein Seil: Wenn es so einfach wäre! Beim Bergsteigen unterscheidet man zum Beispiel Ein- und Zweifach-, Halb- und Zwillings- und Statikseile sowie Reepschnüre.

IMPROVISIEREN. Flink klettern und souverän mit Menschen umgehen können reicht natürlich nicht, um als selbständige Bergführerin Erfolg zu ­haben. Es brauche auch Improvi­sationstalent und organisatorische Fähigkeiten, sagt Lechner. Wenn Touren wegen schlechten Wetters abgesagt werden müssen, verdient sie nichts. Also versucht sie jeweils, eine Alternative vorzuschlagen. Wenn aber das Wetter über längere Zeit schlecht sei, dann werde es problematisch. Man müsse sich immer wieder was einfallen lassen.

IM OPERATIONSSAAL. In der Zwischensaison arbeitet Lechner jeweils für einige Monate in ihrem ersten Beruf, als Anästhesieexpertin im Spital von Interlaken. Sie erzählt, im OP gefalle es ihr, denn da wisse man auch nie im voraus, was passiere, von einer Minute zur anderen könne es ernst werden. Sie sei halt eine, die in Stresssituationen gut reagiere und nicht gleich den Kopf verliere. Lechner: «Am Berg muss man ja auch gute Nerven haben! Manchmal kommt es ganz anders als erwartet, und dann gilt es das Beste aus der Situation zu machen.» Im Spital seien natürlich immer noch die Ärzte da, aber am Berg müsse sie ganz alleine entscheiden, «manchmal ist das schon hart, einem Gast zu sagen, das geht nicht, das ist zu schwierig für dich!».


Barbara Lechner: Die Hochmutige

Barbara Lechner, Jahrgang 1975, besuchte die Schule auf dem Hasliberg und in Meiringen. Nach einem Welschlandjahr («Dort hatte ich mega Heimweh!») und einem Praktikum im Spital von Locarno liess sie sich zur Pflegefachfrau und dann zur diplomierten Anästhesieexpertin NDS HF ausbilden. Daneben wurde sie Skilehrerin/Schnee­sport­lehrerin mit eidg. Fachausweis. Ab dem Jahr 2000 nahm sie im Winter jeweils unbezahlten Urlaub, um in der Skischule Hasliberg zu arbeiten. Daneben Ausbildung zur Bergführerin. Seit 2012 ist sie als selbständige Bergführerin tätig. Lechner ist aktives Mitglied im lokalen, nationalen und internationalen Bergführerverband.

GIPFELTARIFE. Der Lohn von Barbara Lechner richtet sich nach Saison, Wetter und Auftragslage. Für ihre Touren rechnet sie nach den Tarifen des SBV ab, mit 645 Franken pro Tag plus Spesen. Für bekannte Routen gibt es ausserdem festgelegte Gipfeltarife. Die meisten Gäste sind in Gruppen unterwegs und teilen sich die Kosten. So ist eine einfache Gletschertour schon ab 150 Franken zu haben.

www.alpinesaison.ch

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