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Tobit Brüllmann: «Ich sehe jeden Abend, was ich gemacht habe»

Corinne Riedener

Tobit Brüllmann bewegt sich zwischen Juso und Badewannen. Der 18jährige Degersheimer ist im letzten Lehrjahr zum Sanitär­installateur, Unia-Mitglied und in einem marxistischen Lesezirkel.

Zwischen Lavabos und Sozialismus: Tobit Brüllmann (18) lernt Sanitärinstallateur
und liest marxistische Theorie. (Foto: Daniel Ammann)

Der Baulärm ist schon von weitem zu hören. Vor einem Mehrfamilienhaus im thurgauischen Eschlikon stehen zwei Kleinbusse der Osterwalder Haustechnik AG, daneben ein staubiger Container mit Bauschutt. Drinnen sind die Wände mit Plastic verkleidet. Aus jedem der vier Stockwerke dringt ein anderes Geräusch; unten wird gebohrt, oben gespitzt, im Treppenhaus läuft laute Musik aus einem verdreckten Radio.

In einer Vierzimmerwohnung im ersten Stock treffen wir Tobit Brüllmann. Der Sanitärinstallateur im dritten Lehrjahr ist gerade dabei, die Verkleidung eines WC-Spülkastens mit Gips auszufugen. Die Zeit ist knapp, denn die Bewohnerinnen und Bewohner der insgesamt acht Wohnungen verzichten schon seit einigen Tagen auf ihre Bäder und Toiletten. Sie müssen auf ein Chemie-Klo oder auf die Gästetoilette ausweichen.

ABWECHSLUNG. Das ist nicht immer so. «Wir haben mal grössere und mal kleinere Baustellen», erzählt Tobit, während er frische Gipsmasse anrührt. «Im Moment arbeiten wir an einem Einzelumbauprojekt in Degersheim SG, an diesem Mehrfami­lienhaus in Eschlikon und an drei Blöcken in Flawil SG.» Der 18jährige weiss also nie so genau, wo er seinen nächsten Arbeitstag verbringt. Für gewöhnlich irgendwo im Dreieck Flawil – Winterthur – Thurgau.

Jeden Morgen um sieben treffen sich die Mitarbeiter der Osterwalder Haustechnik AG in deren Hauptsitz in Flawil, wo der Tag besprochen und alles vorbereitet wird. Den Tag verbringt Tobit für gewöhnlich auf einer der aktuellen Baustellen, ausser am Mittwoch, dann ist er in der Berufsschule. Kurz vor Feierabend, also zwischen fünf und halb sechs, geht es dann von der Baustelle wieder «zrugg id Bude» nach Flawil. Manchmal auch etwas früher oder später, je nach Tagesverlauf und Auftragslage.

DICHTEN: Ein Badezimmer ohne Wasser ist kein Badezimmer. Ein Badezimmer mit Wasser am falschen Ort ist aber auch keines. Exaktes Arbeiten ist wichtig.

Bald müsste er die Autoprüfung machen, aber Tobits Lust dazu hält sich noch
einigermassen in Grenzen, wie er zugibt. Doch in seinem Job bleibt ihm kaum eine Wahl, also muss er sich langsam mit dem Gedanken anfreunden. Einen finanziellen Zustupf seitens der Firma bekommt er dafür nicht – wieso eigentlich? Es wäre doch nur fair, wenn die Autoprüfung für Auszubildende in Bau-, Montage- und Aussendienstberufen vom Chef zumindest mitbezahlt würde, oder nicht? «Diese Initiative würde ich sofort unterschreiben», nickt Tobit.

Sein Beruf sei sehr vielseitig, sagt er. Vier Tage pro Woche ist er am Gipsen und Verputzen, am Montieren von Siphons und Spiegelschränken, am Schweissen und Bohren. Er schliesst Wasser- und Abwasserleitungen an oder baut Badewannen, Lavabos und andere sanitäre Anlagen ein. «Ich mag das», sagt er. «Jeden Abend kann ich zurückschauen und sehe, was ich den Tag über gemacht habe.»

CHRAMPFER. Nach der Realschule wollte Tobit eigentlich Fachangestellter Gesundheit werden, in einen sozialen Beruf gehen wie seine Schwestern. Er entschied sich dann aber doch zum Schnuppern als Maurer. Das war ihm etwas zu eintönig. Und das «Stromer»-Dasein war ihm zu kompliziert. Sanitärinstallateur zu sein gefällt ­Tobit vor allem, weil es ein handwerklicher Beruf ist. «Ich bin nicht gern am Computer. Den ganzen Tag herumsitzen ist einfach nicht mein Ding», sagt er. «Mir gefällt das ‹Chrampfen›. Keine Ahnung, ob ich für immer auf dem Bau bleibe. So weit denke ich nicht voraus.»

Vor zwei Jahren ist Tobit den Juso beigetreten, seit etwa einem halben Jahr ist er auch bei der Gewerkschaft. «Ich bin der Zweitjüngste in unserem zehnköpfigen Lesekreis, dem quasi linken revolutionären Flügel der Juso St. Gallen», erzählt er. Da seien auch zwei andere von der Unia dabei, die hätten ihn darauf gebracht. Der Gewerkschaft zahle er 22 Franken im Monat. «Das ist sehr fair, wenn man bedenkt, welche Unterstützung man dadurch im Arbeitsleben hat. Als Arbeiter ist man immer einem Chef unterstellt, egal in welchem Beruf. Der Chef kann voll und ganz über seine Untergebenen bestimmen, das will ich nicht, zudem ist es verwerflich aus einer marxistischen Sichtweise.»

DAGEGENHALTEN. Zwischendurch hört er wegen seines politischen Engagements auch mal blöde Sprüche, aber das ist Tobit egal. Nachteile hatte er deswegen bisher nie. Wesentlich mehr Mühe macht ihm der weitverbreitete nationalistische Unterton auf dem Bau. «Man hört da zwar keine offen rassistischen oder rechtsextremen Parolen», sagt er, «dafür aber immer wieder Musik, die meiner Meinung nach nicht gespielt werden dürfte: von rechten Rockbands wie Frei.Wild oder Stahlgewitter. Dem muss man Paroli bieten.»


Tobit Brüllmann: Duschen-Sänger

Tobit Brüllmann ist in Degersheim SG geboren und aufgewachsen. In seiner Freizeit liest und diskutiert er oft linke Theorien, daneben hat er noch allerhand weitere Hobbies, zum Beispiel Musik­machen. «Ich kann vieles, aber nichts richtig», sagt er lachend. «Aber ich bin professioneller Duschen-Sänger.»

WERTE. Seine Eltern hätten ihn «nicht im klassischen Sinne politisch erzogen», sagt Tobit. «Sie haben mir und meinen zwei älteren Schwestern keine Parolen beigebracht, dafür aber Werte, die sich mit der Zeit als links entpuppten.» Im dritten Lehrjahr verdient er monatlich knapp 1100 Franken.

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