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Diana Fedzioryna: «Ich erkenne Kunden schon am Fahrzeug»

Christina Scheidegger

Verkäuferin und Serviceangestellte: Nur ein Job aufs Mal wäre Diana Fedzioryna zu langweilig. Deshalb macht sie auch zwei Fachausweise zur gleichen Zeit.

Diana Fedzioryna (28) hat einen scharfen Blick für Autos. (Foto: Nikolaus Loretan)

Das Wallis, irgendwo an der Kantonsstrasse zwischen Visp und Brig. Die Agip-Tankstelle Eyholz liegt etwas ab vom Schuss, aber trotzdem genau am richtigen Ort. Diana Fedzioryna erklärt: «Wenn die Leute hier auf die Autobahn fahren, dann können sie bis zum Simplon nirgendwo mehr tanken.»

Die junge Frau arbeitet als Verkäuferin an der Tankstelle. Und als Bäckerin. Und im Service. Alles zu gleichen Teilen, sagt die aufgestellte Frau mit den grünen Augen. Morgens um fünf Uhr, wenn die Frühschicht beginnt, heizt Fedzioryna als erstes den Ofen vor. Bäckt Brot und Gipfeli auf, streicht Sandwiches. Sie sortiert die neuen Zeitungen und Zeitschriften, stellt Wasser bei den Tanksäulen auf und öffnet die Schränke mit dem Öl und dem Scheibenwischerwasser

Der Auto-Blick. Es ist wenig Zeit und viel zu tun, bevor die Tankstelle um 6 Uhr geöffnet wird und die ersten Kundinnen und Kunden für ihren Morgenkafi anhalten. Die meisten sind Stammgäste, sagt Fedzioryna: «Ich erkenne sie schon an ihren Autos. » Noch bevor sie die Tankstelle betreten, macht sie für jeden den richtigen Kaffee parat. xxDie junge Frau hat den Auto-Blick: «Mein Neffe war als Bub ein totaler Auto- Fan. Er hat mich immer nach den Marken gefragt. Deshalb habe ich sie auswendig gelernt. » Aufgewachsen ist Fedzioryna in Polen, 2009 kam sie für einen Sommerjob während des Studiums in die Schweiz. Und ist im Wallis hängengeblieben, zuerst in der Gastronomie, seit drei Jahren arbeitet sie an der Tankstelle.

Eigentlich wäre sie gerne Polizistin geworden, erzählt Diana Fedzioryna. In der Schweiz ist das für sie kaum möglich. Maximal 35 Jahre alt darf sie für die Polizeischule sein. Und um die zu machen, braucht sie den Schweizer Pass. Das wird eng. Trotzdem sieht sie für sich hier beruflich die besseren Chancen: «In Polen arbeiten die Leute jeden Tag und können davon knapp die Miete und die Rechnungen bezahlen. Übrig bleibt Ende Monat nichts.» Das sei in der Schweiz anders.

Frauenprotest. Die Lage in ihrer Heimat verfolgt sie aber aufmerksam. Und regt sich teilweise schrecklich über die Politik der konservativen Regierung auf. Umso mehr freute sie sich über die grossen Frauenproteste Ende des letzten Jahres. Die Frauen gingen auf die Strasse, um gegen die Verschärfung des ohnehin schon restriktiven Abtreibungsgesetzes zu protestieren. «Es macht mich froh, dass die Frauen jetzt endlich für sich entdeckt haben, dass sie etwas bewegen können», sagt sie. Gerne wäre sie am Women’s March Mitte März in Zürich dabei gewesen, eine Erkältung machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Sie schmunzelt und sagt: «Aber den Pussyhat habe ich zu Hause. Nach 12 Jahren habe ich wieder mit dem Stricken angefangen.»

Die Verkäuferin. Diana Fedzioryna kümmert sich gerne. Um ihre Gäste im Tankstellen-Bistro, auch um ihre Freundinnen und Freunde. Weniger um sich selbst. Doch sie habe gelernt, dass das auf Dauer nicht gehe, sagt die 28jährige: «Man kann nicht nur Schwierigkeiten von anderen mittragen und die eigenen Probleme ganz alleine lösen. » Auch deshalb ist sie in der Unia mit dabei. xxFür mehr privates Engagement bleibt ihr neben dem Job keine Zeit. Sie arbeitet 100 Prozent und macht ausserdem eine Ausbildung, für zwei Fachausweise gleichzeitig: Marketingfachfrau und Verkaufsfachfrau. Dafür geht sie einen Nachmittag pro Woche in die Schule nach Thun, einmal im Monat einen ganzen Samstag. Daneben lernt sie 8 bis 10 Stunden pro Woche zu Hause.

Am liebsten mag sie, wenn’s in der Ausbildung ums Verkaufen geht. Das ist an der Tankstelle nicht anders. Die Augen leuchten, wenn sie davon erzählt, wie sie es liebe, ein Produkt speziell zu arrangieren: «So, dass es fast von selbst zum Kunden sagt: ‹Du musst mich kaufen.› Und wenn ich jemanden beraten kann und sehe, dass ich geholfen habe, macht mir das grosse Freude.»

Sowieso ist es der Kontakt mit den Menschen, der ihr an ihrer Stelle gefällt. Die zunehmende Automatisierung macht ihr keine Sorgen. Es sei einfach ein anderes Gefühl, ob man sich den Kaffee am Automaten selber rauslasse oder ob ein Mensch diesen persönlich an den Tisch bringe und sich die Zeit nehme für ein kurzes Gespräch: «Wir schenken den Menschen unsere Aufmerksamkeit. Deshalb kommen auch die Stammgäste immer wieder.»

Dreikampf: Magazine einräumen, Benzin einkassieren, Kaffee einschenken. (Fotos: Nikolaus Loretan)


Diana Fedzioryna: Die Mini-Fahrerin

Diana Fedzioryna (* 1988) wächst in Polen mit fünf Geschwistern auf. 2009 sucht sie einen Saisonjob in der Schweiz und findet ihn in einem kleinen Walliser Hotel. Bis 2014 kommt sie regelmässig für Sommer- und Wintersaison zurück, bis sie wegen Problemen mit ihrer Chefin die Stelle aufgibt. Über ihren Schwiegervater findet sie den Job an der Tankstelle. Dort arbeitet sie heute 100 Prozent und ist im Stundenlohn angestellt. Mit allen Abzügen verdient sie 22 Franken pro Stunde brutto, wie alle anderen Angestellten der Tankstelle auch.

Unterwegs. Zur Arbeit fährt sie meist mit ihrem Mini. Fedzioryna: «Den gebe ich nicht wieder her.» In die Schule nach Thun nimmt sie aber den Zug. Im August 2018 wird sie die Ausbildung als Verkaufsfachfrau / Marketingfachfrau voraussichtlich abschliessen. Danach würde sie gerne als Verkäuferin im Aussendienst arbeiten. Diana Fedzioryna wohnt mit ihrem Freund in Glis VS.

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