Frankreich: Es gibt eine Alternative zum Brutalo-Kapitalismus
Der rote Mélenchon

Die französischen Sozialisten sind tot. Es leben der Linkspolitiker Mélenchon und seine Bewegung. In Marseille haben sie bei den Wahlen glatt 41 Prozent abgeräumt.

Vorwärts: Rund um den linken französischen Präsidentschaftskandidaten Jean-Luc Mélenchon formiert sich eine Massenbewegung. (Foto: Getty Images)

Der Tag nach der Wahl beginnt mit einem Kaffee. Auf der Terrasse begrüssen mich ein milder Morgen und die Nachbarin beim Sträuchergiessen. «Bonjour», strahlt die ältere Dame: «Haben Sie schon gehört? 41,33!!»

Pardon?

«Mélenchon hat hier bei uns im Stadtzentrum mehr als 41 Prozent der Stimmen abgeräumt.» Und im heissen 14. Arrondissement, wo der Front national regiert? «Mélenchon weit vor Le Pen! Jetzt muss er Bürgermeister von Marseille werden!»

«DU MELENCHONIANER!»

Vier Tage zuvor. «Fiskal Kombat» gespielt, das Videospiel der «Bewegung der Freien» («les insoumis»). Sie wollen den Linken Jean-Luc Mélenchon zum französischen Präsidenten machen. Es geht darum, «Oligarchen» einzufangen, etwa den Chef des Arbeitgeberverbandes, einen Waffenhändler, oder einen der 9 Milliardäre, die 90 Prozent der französischen Medien kontrollieren. Die Geldsäcke stossen Drohungen aus wie: «Du kannst mir gar nichts. Mein Geld ist in der Schweiz.» Hat man einen gepackt, schüttelt man ihn, und sein Geld fällt raus, in einen gemeinsamen Topf aller Spielenden, aus dem zum Beispiel ein höherer gesetzlicher Mindestlohn finanziert wird. Im wirklichen Leben liegt er heute bei 1153 Euro (rund 1250 Franken). Mélenchon hat versprochen, ihn massiv zu erhöhen.

«Du Mélenchonianer!» ruft der Mann vom Kiosk breit grinsend. Er vermutet, ich sei Anhänger von Mélenchon. Für ihn als Ex-Fremdenlegionär, sagt er, gebe es nur eine mögliche Wahl: «Marine.» Die Neofaschistin Marine Le Pen. «Bulldog» nennt er sie zärtlich. Oder «die Blonde». Sie liegt in den Umfragen vorne. Le Pen plant den Frexit, den Ausstieg Frankreichs aus der EU, und den Rauswurf der Muslime. Also das Ende Europas und den Bürgerkrieg. 53 Prozent der Polizisten und Militärs wählen Front national. Bedenklich, falls die Spannung weiter eskaliert.

Die Frau des Ex-Legionärs, die den Kiosk führt, hält es hingegen mit Mélenchon. «Keine Ahnung, was sie an diesem Typen findet», sagt er in einem Marseiller Slang, den man sonst nur noch in alten Filmen hört. «Aber soll sie doch machen, was sie will.» Sie lacht nicht.

Selfie mit Mélenchon: Der Linkspolitiker und seine «Mélenchonianer». (Foto: Keystone)

DIE SOZIS SIND TOT

«Du Mélenchonianer» («espèce de Mélenchoniste»!) ist hier in Marseille zum Gruss geworden, seit der Linkspolitiker mit einem gigantischen Meeting am alten Hafen die Stadt aufgemischt hat. Danach wechselten haufenweise Leute von Benoît Hamon, dem Kandidaten der grossen sozialistischen Partei, zu Mélenchon. In wenigen Wochen haben sich in ganz Frankreich beinahe 450 000 bei den «Freien» eingeschrieben. Hunderttausende gingen an ein Meeting. Auf dem Netz machen sie der Faschosphäre scharfe Konkurrenz. 3500 Unterstützergruppen in den Quartieren und Betrieben haben eine neuartige Struktur aufgebaut: halb Bewegung, halb Partei. Ganz in unserer Zeit und ziemlich wirkungsvoll.
Umso mehr, als die Sozis in Frankreich tot sind. Eine der beiden grossen Parteien, die Frankreich seit vierzig Jahren regiert, zerfällt in rasendem Tempo. In den Zeitungen steht die jüngste Wahlumfrage. Hamon wird kaum über 7,5 Prozent kommen.

Eigentlich ist er ein Mann mit einem soliden sozialdemokratischen Programm. Thomas Piketty, der Ökonom und Ungleichheitsforscher («Das Kapital im 21. Jahrhundert»), hat es für ihn entworfen. Nur sind die Sozis für viele längst unwählbar geworden. Weil die Arbeitslosigkeit bei zehn Prozent liegt. Weil sie mit dem Ausnahmezustand regieren. Weil sie ein Arbeitsgesetz, das die Arbeitenden schwer benachteiligt, ohne Parlamentsdiskussion und mit brutalen Polizeieinsätzen durchgesetzt haben. Gegen die Gewerkschaften. Und vor allem, weil sie längst ein neoliberales Programm fahren. Sie haben den Konzernen Dutzende Milliarden Steuern und Abgaben geschenkt – ohne Gegenleistung.

Präsident François Hollande ist bei den Wahlen erst gar nicht mehr angetreten. Jetzt lynchen Hollande und die anderen Parteielefanten ihren Kandidaten Hamon öffentlich. Sie setzen auf Emmanuel Macron, den Aufsteiger.

EIN LINKES PROGRAMM

Sarahs Augenentzündung ist akut schlimmer geworden. Die Pollen, vermute ich. Der Stress, sagt ihr Arzt, die Wahlen: «Sie wollen nicht sehen, was da vor Ihren Augen geschieht.» Auf der Place de Stalingrad prügeln sich Besoffene und Obdachlose in wechselnden Fraktionen. Wir sind 4 Tage vor der Präsidentschaftswahl. Die Polizei schaut zu, schaltet zwischendurch die Sirene ihres Wagens ein, was die Schlägereien für ein paar Minuten abflauen lässt. Es ist sehr viel Polizei auf den Strassen und dazu die grimmigen Viererpatrouillen der Armee, das Sturmgewehr durchgeladen. Die Anspannung ist mit Händen zu greifen. Am frühen Abend Besuch von Paolo. Er ist Chefökonom bei einem Versicherungskonzern. Wir nehmen uns die fünfeinhalb Stunden Video vor, in denen Mélenchon und seine «Freien» ihr Programm beziffern. Paolo ist ein Mann von bissigem Geist. Am Ende sind wir sprachlos erschöpft: Das ist das beste kapitalismuskritische, ökologische, die Armut bekämpfende und demokratische Programm, das uns je zu Ohren kam. Extrem detailliert und genau gerechnet, dokumentiert und gegengecheckt.

Paolo sagt perplex: «D’accord … Darauf haben wir 40 Jahre lang gewartet. Alle sagten: T. I. N. A. There is no alternative zum Finanzkapitalismus. Doch hier ist sie. Es gibt wieder ein linkes Projekt.»

Was wir erst später erfahren: An diesem Abend hat ein Mann, Karim Cheurfi (39), auf den Champs-Elysées einen Polizisten erschossen. Der IS hat sofort die Verantwortung übernommen. Dabei aber einen falschen Attentäter genannt. Le Pen und der Kandidat der bürgerlichen Rechten, François Fillon, laufen am Fernsehen Amok. Le Pen verlangt die sofortige Schliessung der Grenzen. Ein Witz: Cheurfi ist Franzose und lebte immer in Frankreich. Fillon lässt seinem Islamhass freien Lauf. Er behauptet live, dass es an mehreren Orten in Paris noch andere Attentate gegeben habe.

Die Polizei aber weiss von nichts. Am nächsten Morgen sprechen ihn Journalisten darauf an. Sie haben recherchiert: Es gab keine weiteren Attentate. Fillon aber imitiert Donald Trump und beharrt auf der Fake-Nachricht.

NEUE ZEITEN

Es ist Sonntag, Wahltag. Der Fernseher ist entstaubt. Ein bunter Haufen richtet sich davor ein. Ein junger Kadermann der Grünen. Eine Lehrerin, die Hamon wählt. Die polnische Mutter des Grünen, die Mélenchon wählte. Zwei Anhänger Macrons, beide bei der Stadt Marseille im Brot. In der Küche gesteht einer der beiden, dass er in letzter Minute zu Mélenchon gewechselt habe. Um 20 Uhr die Resultate. Macron (24%) und Le Pen (21,3%) sind vorne. Stichwahl ist am 7. Mai. Die Sozis gehen mit 6,4 Prozent unter. Fillon und die Rechte sind weg vom Fenster. Beide grossen Parteien gescheitert. Alexis Corbière, der Sprecher Mélenchons, konstatiert sec: «Eine alte Welt bricht zusammen.» Emmanuel Macron, der neue Favorit, hat nicht einmal eine eigene Partei. Der Banker verdankt seinen Aufstieg dem Finanzkapital und Hollande. Macron hat das neoliberale Programm der Sozialisten geschrieben und als Wirtschaftsminister auch umgesetzt. Und Mélenchon? Er holte 7 Millionen Stimmen. Die grosse Überraschung. Ein Kapitalismuskritiker hätte es fast in die Stichwahl geschafft. 600 000 Stimmen fehlten, bei 48 Millionen Wahlberechtigten. Nochmals Corbière: «Eine neue Kraft ist entstanden. Im Juni wählen wir ein neues Parlament.»

Klare Kante: Mélanchon mobilisierte Millionen Menschen (im Bild: Marseille. Foto: Getty)

Mélenchon selbst zeigt später Charakterschwäche. Fürchterlich enttäuscht und pikiert, verpasst er es, seine «Freien» zu feiern. Diese Bewegung ist grösser als er. Könnte sein, dass sie ihm das bald zu verstehen gibt: Wir leben in neuen Zeiten.

Der Rest des Abends dreht sich um eine einzige Frage: Was muss man tun, um Le Pen zu verhindern? Macron gibt sich triumphierend. Gefährlich. Er hat noch nicht Mass genommen an den Nöten der französischen Gesellschaft. Nun erscheint er als das, was er wirklich ist: der Mann des Establishments. Das extreme Kapital gegen die extreme Rechte. Ob das reicht, die braune Katastrophe Le Pen zu verhindern?

Schreibe einen Kommentar

Bitte fülle alle mit * gekennzeichneten Felder aus.