Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier hat zusammen mit ihrem Team einen wissenschaftlichen Durchbruch geschafft: die Gentech-Schere. Und setzt damit eine Revolution in Gang, vor der sie sich selber etwas fürchtet.

Im französischen Wahlkampf berief sich die Chefi n des Front national, Marine Le Pen, auf das christliche Abendland. Genau wie SVP-Politiker Oskar Freysinger im Wallis. Die Antwort des linken Herausforderers von Le Pen, Jean-Luc Mélenchons: «Lassen Sie uns endlich mit Ihrem religiösen Quatsch in Ruhe.»
Umso mehr, als fast niemand mehr weiss, wie der Gott der Machos, gemäss der Bibel, Adam aus Lehm formte, ihm das Leben einhauchte und aus seiner männlichen Rippe seine Eva schuf.



Petrischale: Wenn die Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier auf ihre Forschungsergebnisse schaut, sieht sie eine revolutionäre Gentech-Schere – und grossen Bedarf an einer Ethikdebatte. Foto: MPI /HALLBAUER & FIORETTI

ESOTERIK AUF ÜBERHOLSPUR. Traditionelle Religionen haben auf den Märkten des Irrationalen und Tröstenden zurzeit etwas Mühe. Der Absatz des legalen, staatlich geförderten «Opiums des Volkes» kämpft mit Absatzschwierigkeiten. Esoterik in all ihren Spielformen ist auf der Überholspur. Besser wird es nicht.
Jetzt hat die Biologin Emmanuelle Charpentier mit ihrem Team einen wissenschaftlichen Durchbruch geschafft: die Gentech-Schere. Sie beschreibt die Funktionsweise ihrer «Crispr-Cas9»-Erfindung so: Sie «funktioniert wie ein GPSSystem für DNA. Die Technik erlaubt es, die einzelnen Bausteine des Erbgutstranges zu finden, herauszuschneiden und durch andere zu ersetzen.»
Viele gehen davon aus, dass die erst 48jährige schon bald einmal den Nobelpreis erhalten wird, weil sie eine Revolution in Gang gesetzt hat, deren Verlauf und deren Folgen niemand abschätzen kann.

Charpentier sieht, wen erstaunt es, riesige brachliegende Potentiale.
Beispiel 1: Mit ihrer Genschere könne man Hefen und Bakterien absehbar so umbauen, dass sie effizient und umweltfreundlich Biotreibstoffe produzieren würden.

Beispiel 2: Medizinerinnen und Mediziner bekommen im Kampf gegen Erbkrankheiten ein Instrument, das gezielt und effi zient eingesetzt werden kann.

Beispiel 3: Falls wir die Klimakatastrophe nicht aufhalten wollen, können wir wenigstens wichtige Nutzpfl anzen gegen Wärme und Trockenheit wenig aufwendig resistenter machen.

INNOVATION UND STAAT. Vielleicht werden Forscherinnen und Forscher bald einmal auch dank Charpentier das menschliche Immunsystem so umprogrammieren, dass dieses Krebszellen angreift und nicht umgekehrt. Charpentier, die seit 2015 neu Direktorin im Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie ist, möchte in den kommenden Jahren neue Antibiotika entwickeln, gegen die es keine Resistenzen gibt.
Weil alle die Gentech-Schere vor allen andern erfunden haben wollen und weil das wirtschaftliche Potential dieser Erfindung unendlich gross zu sein scheint, tobt weltweit der Kampf der Patente. Forscherin Charpentier ist fasziniert von ihrer Erfindung, und gleichzeitig hat sie etwas Angst vor der Zukunft: «Die Gentechnik soll Patienten heilen, aber nicht den Menschen an sich verändern. Wir brauchen deshalb eine weltweite Ethikdebatte.»
Gerade weil die Gentech-Scheren-Technik relativ einfach einzusetzen ist, drohen Gefahren. Falls es nicht zu einer weltweiten Regulierung des Anwendungsbereichs kommt.
Die bittere Erfahrung lehrt: Die Menschheit wird nur aus Erfahrungen klug. Das war schon beim Abholzen der Wälder so. Wir brauchen mehr Innovation und mehr Staat zugleich.

LINK ZUM THEMA:

goo.gl/cMV6Zn
Ein interessantes und aufschlussreiches Interview der deutschen TAZ mit der Nobelpreis-Kandidatin. Die Zeitung schliesst nicht aus, dass Madame Charpentier als Grundlagenforscherin Kohle macht. Ganz im Gegensatz zu anderen.



work, 27.04.2017