Der gewerkschaftliche Organisationsgrad, also der Anteil der gewerkschaftlich Organisierten an der Gesamtzahl der Arbeitnehmenden, ist ein wichtiger Gradmesser für die Organisationsmacht und damit die Stärke der Gewerkschaften in einem Land.
Im Vergleich zu 1980 haben Mitgliederzahlen und Organisationsgrad in allen europäischen Ländern abgenommen. Nur in wenigen Ländern war der Rückgang geringfügig, so etwa in Schweden, das hier stellvertretend für die anderen nordischen Staaten mit ähnlicher Entwicklung steht. In den meisten Staaten hat sich der Organisationsgrad fast halbiert, in der Schweiz ging er um einen Drittel zurück.
Die grossen Mitgliederverluste erfolgten fast ausschliesslich vor der Wirtschaftskrise von 2007, also in den 1980er und 1990er Jahren. Seither hat sich der Organisationsgrad in den meisten Ländern auf einem tiefen Niveau stabilisiert. In Italien und Spanien nahm er sogar zu, so dass auch schon von einem «Revival» der Gewerkschaften gesprochen wurde.

MEHR GAV. Die Stärke der Gewerkschaften misst sich nicht nur an der Organisationsmacht, sondern auch an ihrer «institutionellen» Macht, das heisst an ihrem Einfluss auf Gesetzgebung und Politik. Und hier schneiden die Gewerkschaften weit besser ab. Dies zeigt sich etwa darin, dass in den meisten westeuropäischen Ländern heute gleich viel oder sogar mehr Arbeitnehmende durch Gesamtarbeitsverträge (GAV) und Mindestlöhne geschützt sind als 1980. Dies geschah auf politischem Weg über eine gesetzliche Allgemeinverbindlichkeit der GAV in der Schweiz. Etwa infolge der flankierenden Massnahmen oder durch die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns wie in Deutschland. Dies trifft nicht für die von der Schuldenkrise besonders betroffenen Länder Portugal, Spanien und Griechenland sowie einige mittel- und osteuropäische Staaten zu, wo es zu teilweise dramatischen Verschlechterungen der Arbeitsrechte und des sozialen Schutzes kam.

LANGFRISTIG. Der Einfluss der Gewerkschaften auf Institutionen und die Gesetzgebung kann langfristig kaum gesichert werden, wenn es nicht gelingt, den Organisationsgrad zu erhöhen und so Aktionfähigkeit und Einfluss in den Betrieben sicherzustellen.

Hans Baumann ist Ökonom und Publizist.

work, 29.06.2017