Das tunesische Djerba ist die schönste Insel, die ich kenne. Orangenhaine und Palmenalleen säumen den weissen Sandstrand. Eine uralte, multikulturelle Gesellschaft aus Arabern, Juden, Berbern lebt hier ihre unerhört reichen Traditionen. Touristen gibt es seit einem Terroranschlag vor 15 Jahren nur noch wenige. Dafür prassen und prahlen in leeren Hotelpalästen die internationalen Mafiafürsten.

MAFIA KALKULIERT. Jeden Morgen fahren sie in ihren gepanzerten Landrovern los, entlang der Küste, bis in die wenige Autostunden entfernten libyschen Hafenstädte Sabrata und Leptis Magna. Dort warten verängstigte Flüchtlingsfamilien aus Syrien, Afghanistan und Schwarzafrika. Zweitausend Dollar pro Person ist der Mindestpreis für die Überfahrt nach Sizilien. Bewaffnete Söldner der Mafiafürsten ziehen das Geld ein und treiben die Flüchtlinge auf Gummiboote. Einer von ihnen wird in der Bedienung des Motors unterrichtet. Dann beginnt die Todesfahrt.
Nur ein Beispiel: Am 30. April kreuzte morgens das Rettungsschiff «La Prudence» der Ärzte ohne Grenzen 42 Seemeilen vor der libyschen Küste ein zehn Meter langes, leeres Gummiboot. Wenig später zog die Besatzung drei Leichen aus dem Wasser. Von den etwa 130 weiteren Passagieren fand sie keine Spur. Die Herren der Verbrecherkartelle, die das Geschäft mit dem Tod betreiben, haben in letzter Zeit ihr Vorgehen rationalisiert. Sie geben den Flüchtlingsbooten Benzin nur noch für die Reise bis zu den Grenzen der Territorialgewässer, also für 12 Seemeilen. Dann sollten die hilfl os im Meer treibenden Menschen von den Rettungsschiffen der italienischen Marine und verschiedener Nichtregierungsorganisationen aufgelesen werden, was offensichtlich lange nicht immer geschieht.

EUROPA KALKULIERT. Zwischen dem 1. Januar und dem 1. April dieses Jahres wurden nach Angaben des Uno-Flüchtlingskommissariats 36 882 Flüchtlinge gerettet und 1073 Leichen aus dem Meer gefischt. Wie viele Menschen in diesen drei Monaten tatsächlich ertrunken sind, ist unbekannt. Die Uno schätzt: es waren über 11 000. Die Mafiabanden könnten von den EUStaaten durch eine gezielte Polizeiaktion problemlos zerschlagen werden. Genau so, wie vor zehn Jahren die somalischen Piratenkartelle an den Küsten des Roten Meeres durch die Operation Atlanta zerschlagen wurden. Doch Europa tut nichts. Die Betonköpfe in Brüssel setzen auf Abschreckung. Sie meinen, je mehr Flüchtlinge ertränken, desto mehr würden auf die lebensgefährliche Überfahrt nach Europa verzichten.
Mit diesem kriminellen Kalkül verweigern die EU-Staaten die elementare Hilfspflicht für Menschen in Todesgefahr. Aber sie schrecken keinen Flüchtling ab: Wessen Kinder von Bomben oder Hungertod direkt gefährdet sind, der oder die flieht um jeden Preis und geht jedes Risiko ein.


Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor.
Sein neuestes Buch, «Der schmale Grat der Hoffnung», ist im März 2017 auf deutsch erschienen.

work, 15.06.2017