Zu den bizarrsten Versammlungen, denen ich in meiner achtjährigen Amtszeit als Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung beigewohnt habe, gehören die «Pledging Conferences». «To pledge» bedeutet auf deutsch «versprechen». An grossen, rechteckigen Konferenztischen im Uno-Wolkenkratzer am New Yorker East River oder im Genfer Völkerbundpalast sitzen auf der einen Seite die Diplomaten der Industriestaaten, in den obligaten dunkelblauen, massgeschneiderten Anzügen. Auf der anderen Seite die Programmverantwortlichen der Uno-Spezialorganisationen.

GESPENSTISCHE KONFERENZ. Die Uno-Leute beschreiben eine anstehende Katastrophe und errechnen die nötigen Finanzbeiträge, die sie für Hilfsprogramme unbedingt benötigen. Die Diplomaten hören zu, stellen Fragen und «versprechen» im Namen ihrer Regierungen, so und so viel Geld für dieses oder jenes Hilfsprogramm zu überweisen.
So eine gespenstische «Pledging Conference» fand Ende März in Genf statt. Es ging um vier Länder, in denen eine fürchterliche Hungersnot wütet: der Südsudan, Nordkenia, Somalia, Jemen. 46 Millionen Menschen drohen zu sterben. Für die humanitäre Soforthilfe verlangte das Uno-Welternährungsprogramm 4 Milliarden Dollar. Es erhielt von den Indus triestaaten Versprechen über gerade mal 247 Millionen. Seitdem wird gestorben, im Südsudan, in dem durch saudische Bomben zerstörten Jemen, in der Wüste Somalias und in den völlig ausgetrockneten Savannen des nördlichen Kenia. Es sterben Menschen wie du und ich. Was uns von ihnen trennt, ist nur der Zufall der Geburt. Warum verweigern die Industriestaaten ihre Hilfe? Die französische Botschafterin brachte es in Genf auf den Punkt: Frankreich habe sechs Millionen Arbeitslose, eine Budgetkrise und leere Kassen. Die Bankenrettung mit Milliarden Euro hat den Staatshaushalt mancher europäischer Staaten ruiniert. Darum sterben jetzt die Afrikanerinnen und Afrikaner.

WAFFEN- UND ÖLGESCHÄFTE. Für die Tragödie sind noch andere verantwortlich. In Jemen führt Saudiarabien einen Vernichtungskrieg gegen die aufständische schiitische Bevölkerung. Frankreichs Ex-Präsident François Hollande hatte 2015 mit den saudischen Finsterlingen einen Vertrag über die Lieferung von hochmodernem Kriegsgerät abgeschlossen. Umfang: 18 Milliarden Euro. Im Südsudan bekämpfen sich die Stammesfürsten der Dinka und der Nuer. Die Uno entsandte Blauhelme, um das Gemetzel zu stoppen. Aber China verhinderte mit seinem Veto im Sicherheitsrat, dass die Uno-Truppen ein Mandat zum bewaffneten Eingreifen erhielten. Warum? Weil 11 Prozent des von China importierten Erdöls aus der Region kommen.
Was können wir Schweizerinnen und Schweizer tun? Druck auf den Bundesrat ausüben, damit er die Beiträge an das Welternährungsprogramm sofort massiv erhöht. Wenn möglich, selbst Geld spenden. Jeder Franken bedeutet, dass ein Kind einen Tag länger leben kann.


Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Sein neuestes Buch, «Der schmale Grat der Hoffnung», ist im März 2017 auf deutsch erschienen.

work, 1.06.2017