Trotz Lenin und Trotzki, den Stein ins Rollen brachten die Frauen. Sie griffen auch zu den Waffen. Von Ralph Hug (Plakat: Getty Images / Fotos: Deutsches Historisches Museum Berlin, Sputnik)

Lenin, Trotzki, Sinowjew, Radek – bekannte Namen aus der russischen Oktoberrevolution. Und alles Männer. Auch der Sturm aufs Winterpalais in St. Petersburg war Männersache. Bajonette, Kanonen, Pulverdampf. Doch was taten die Frauen? Die Namen wichtiger Revolutionärinnen wie Alexandra Kollontai, Clara Zetkin, Nadeschda Krupskaja, Vera Figner gehen oft vergessen. Ebenso der Protest der Textilarbeiterinnen. Er gab den Anstoss zum folgenreichen Umsturz der Geschichte. Tausende gingen im Februar 1917 im Arbeiterquartier Wyborg von St. Petersburg bei klirrender Kälte auf die Strasse: «Weg mit dem Hunger! Weg mit dem Krieg!» Die Mehrheit in den Fabriken waren damals Frauen, denn die Männer lagen alle an der Front im Schützengraben.
Bald lautete die Parole «Nieder mit dem Zaren!», der Protest wurde zum Generalstreik. Polizei und berittene Kosaken fuhren auf. Ein Augenzeuge schildert, was dann geschah: «Die Arbeiterinnen übernahmen die Führung, kreisten die Kosaken ein und riefen ihnen zu, auch sie hätten Mütter, Brüder und Kinder, die hungerten: ‹Legt die Bajonette weg, kommt mit uns!›» Am 15. März 1917 dankte Zar Nikolaus II. ab und floh mit seinem Hofstaat in einem Sonderzug. Textilarbeiterinnen als Vorhut der Revolution: Das kam nicht von ungefähr. Lange vorher rebellierten Russinnen gegen die zaristischen Gesetze, die extrem patriarchalisch und frauenfeindlich waren. Frauen durften nicht einmal studieren. Daher gingen bildungshungrige Töchter aus dem Adel und dem Bürgertum ins Ausland. Vorzugsweise in die Schweiz. Im Wintersemester 1906 / 07 gab es hierzulande mehr als 1500 russische Studentinnen. Die allererste Frau, die in Zürich promovierte, war im Jahr 1867 die Russin Nadeschda Suslowa. Mit 24 Jahren war sie die erste Ärztin in der Schweiz und in Russland.



«Arbeiterinnen, greift zum Gewehr»:
Kommunistisches Propagandaposter aus dem Jahr 1920.

ALEXANDRA KOLLONTAI
Auch Alexandra Kollontai (1872–1952) flüchtete vor einer Zwangsheirat nach Zürich. Die Tochter eines russischen Generals und einer Finnin wollte frei sein. Sie studierte Sozial- und Wirtschaftswissenschaften und wurde eine engagierte Kommunistin. 1917 trat sie ins Exekutivkomitee des Petrograder Sowjets ein, das Rätegremium, das die Stadt regierte. Lenin berief sie nach dem Sieg der Bolschewiki in die Leitung des neuen Ministeriums für Volkswohlfahrt. Kollontai, geschieden und alleinerziehende Mutter, wurde so die erste Ministerin der Welt. Sehr zum Missfallen der Männerdiplomatie. Der US-Botschafter kabelte nach Washington: «Es wird berichtet, dass der Petrograder Rat der Arbeiter und Soldaten ein Kabinett ernannt hat mit Lenin als Premier, Trotzki als Aussenminister und Madame oder Mademoiselle Kollontai als Erziehungsminister. Widerlich!»
Kollontai wurde Botschafterin der jungen Sowjetunion in Norwegen und damit die erste akkreditierte Diplomatin der Geschichte. Als emanzipierte Frau vertrat sie eine freie Sexualmoral. Ihre Devise: «Nicht die sexuellen Beziehungen bestimmen das moralische Ansehen der Frau, sondern ihr Wert im Arbeitsleben, bei der gesellschaftlich nützlichen Arbeit.» Das machte sie zum Schreck aller Patriarchen. Weil sie auch gerne schöne Kleider und Schmuck trug, geriet sie im eigenen Lager unter Beschuss. Doch für sie war klar: «Ohne Sozialismus keine Befreiung der Frau – und ohne Befreiung der Frau kein Sozialismus.» Unter Kollontai erliess die junge Sowjetunion die fortschrittlichsten Gesetze der Welt: Gleichberechtigung der Geschlechter, Lohngleichheit, Recht auf Scheidung und Abtreibung, 16 Wochen Mutterschaftsurlaub und Gratis-Krippen für Kinder.



Alexandra Kollontai, erste Ministerin und akkreditierte Diplomatin der Welt.

FIGNER UND BOSCH
Das Frauenstimmrecht hatten die Russinnen kurz vor der Oktoberrevolution erkämpft, dank der Sozialrevolutionärin Vera Figner (1852–1942). Die Tochter aus adligem Haus lebte einige Jahre im Exil am Genfersee. Nach der Februarrevolution drängte sie die bürgerliche Übergangsregierung dazu, den Frauen das Wahlrecht einzuräumen. Russland war damit eines der ersten Länder der Welt mit Frauenstimmrecht. Gut ein halbes Jahrhundert früher als die Vorzeigedemokratie Schweiz. Unter Stalin war es dann aber schnell vorbei mit der Emanzipation. Der Diktator hatte lieber schaffige Stahlarbeiterinnen als aufmüpfige Emanzen. Schon in den 1930er Jahren sass das Patriarchat wieder fest im Sattel.
Ein Opfer des Stalinismus wurde Jewgenija Bosch (1879–1925), eine bolschewistische Aktivistin und Politikerin. Manche betrachten sie als die erste Ministerpräsidentin eines Landes, weil sie 1918 die provisorische Regierung der Ukraine anführte. Als Anhängerin von Trotzki geriet sie mehr und mehr auf Kollisionskurs zu Diktator Stalin. Von Tuberkulose und einem Herzinfarkt gezeichnet, beging sie 1925 Selbstmord. Ihr Leben und Wirken ist bis heute verkannt.



Clara Zetkin, «Erfinderin» des Weltfrauentags am 8. März.

CLARA ZETKIN
Viel mehr Erfolg hatte Clara Zetkin (1857 bis 1933). Die berühmte deutsche Feministin, Kommunistin und Pazfistin gab während 25 Jahren die sozialdemokratische Frauenzeitung «Die Gleichheit» heraus. Sie setzte sich für das Recht der Frauen auf Erwerbstätigkeit und für ihre gewerkschaftliche Organisierung ein. Und war auch die «Erfinderin» des Weltfrauentags am 8. März. Zetkin propagierte die These, dass eine wirkliche Befreiung der Frau nur in einer sozialistischen Gesellschaft stattfinden könne. Ihre berühmteste Äusserung war gegen die bürgerlichen Reformerinnen gerichtet. So sagte sie im Jahr 1889: «Das Stimmrecht ohne ökonomische Freiheit ist nicht mehr und nicht weniger als ein Wechsel, der keinen Kurs hat.» Der Sozialismus und der Feminismus gehörten für Clara Zetkin untrennbar zusammen. Aber nach ihrer Logik hatte die Abschaffung des Kapitalismus Priorität vor der Befreiung der Frauen.

NADESCHA KRUPSKAJA
So war die russische Revolution viel weiblicher als bekannt. Auch in ihren Wurzeln. Lenins Frau Nadeschda Krupskaja (1869 bis 1939) hatte die Russinnen bereits im Jahr 1900 mit der Broschüre «Die Frau und Arbeiterin» mobilisiert. 1914 war sie die Gründerin der Frauenzeitung «Rabotniza» (Die werktätige Frau).
Die Französin Inès Armand (1874 bis 1920) agitierte an der Seite Lenins, den sie in Paris kennengelernt hatte. 1920 leitete sie im Zentralkomitee die Frauensektion. Die sowjetischen Künstler, die das Bild der heroischen Revolution in der ganzen Welt verbreiteten, setzten stark auf Frauenfiguren.
Der Filmer Sergei Eisenstein benützt eine junge Mutter als Symbol für das geknechtete russische Volk. In der berühmten Szene in «Panzerkreuzer Potemkin» (1925) rollt ein Kinderwagen unter den Schüssen der zaristischen Soldaten schutzlos die Treppe in Odessa hinab. Und im Film «Die Mutter» von Wsewolod Pudowkin wird eine Büezerin aus dem Arbeiterviertel von St. Petersburg zur Bannerträgerin der Revolution. Die Frau einmal als beklagenswertes Opfer, dann wieder als grossartige Heldin – nur als ganz normale Akteurin der Geschichte bleibt sie noch zu entdecken.

AUSSTELLUNG IN ZÜRICH
Zum 100-Jahr-Jubiläum der russischen Oktoberrevolution zeigt das Landesmuseum in Zürich (gleich neben dem Hauptbahnhof) die grosse Ausstellung 1917 Revolution. Russland und die Schweiz. Bis im Juni gibt es Führungen und Vorträge. Am 6. Mai (13.30–15 Uhr) zeigt Historikerin Ekaterina Emeliantseva Koller speziell die Rolle der Frauen auf. Sie hält vom 26. April bis zum 17. Mai auch eine Vortragsreihe an der Volkshochschule Zürich.
Der Historiker und work- Autor Christian Koller schildert am 1. Juni den Aufenthalt Lenins in der Schweiz. Kinos in Bern, St. Gallen und Luzern zeigen Filme der russischen Avantgarde. Zur Ausstellung sind zwei Kataloge erschienen, mit zahlreichen Abbildungen und Essays zur historischen Bedeutung der Oktoberrevolution.

Infos auf:
www.landesmuseum.ch
www.revolution-1917.ch


work, 30.03.2017