Die Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer sollen sich «sprachlich entkolonialisieren». Im work-Interview erklärt der Berner Schriftsteller Beat Sterchi seine These. Interview: Sabine Reber, Foto: Alexander Egger)

Wo ihr hetzt und hastet tun wir jufeln,
anstatt meckern tun wir moffeln.
Die Pfannen sind bei uns auch Töpfe
und die Gringen, das sind die Köpfe.
Der Schnupfen heisst bei uns oft Pfnüsel
und das Ekelpaket, das ist der Grüsel.

Wo Ihr springt da tun wir gumpen,
das Taschentuch heisst der Nasenlumpen.
Verdammt heisst Gopferdeckel,
und der Schweinehund Schafseckel.
Haut d’Schnurre heisst halt den Mund! Und der Gauner ist der Lumpenhund.

work: Beat Sterchi, Sie haben Ihr Plädoyer für die Mundart auf hochdeutsch geschrieben. Und auch ich werde unser Gespräch auf hochdeutsch übersetzen, obwohl wir zusammen Mundart reden. In Mundart zu schreiben befremdet uns. Warum ist das eigentlich so?
Beat Sterchi:
I chönnti das gar nid! Wir haben diese Kultur schlicht nicht. Es existiert auch kein dialektübergreifendes schriftliches Mundart-Deutsch. Darum schreibe ich ein Buch lieber auf hochdeutsch. Beim Spoken-Word-Projekt «Bern ist überall» oder beim Theater ist es anders, diese Texte schreibe ich auf berndeutsch. Das ist gesprochene Sprache für die Bühne. Und selbstverständlich sprechen wir miteinander Mundart. Das ist unsere Sprache, in der wir uns wohl fühlen.

Wir Deutschschweizer haben nicht nur Mühe, Mundart zu schreiben, wir haben gleichzeitig auch Mühe, Hochdeutsch zu sprechen. Woher unser Geknorze mit der Sprache?
Es sind eben zwei verschiedene Sprachen. Mundart ist unsere Muttersprache. Das Hochdeutsche lernen wir in der Schule als Fremdsprache dazu. Für viele Deutschschweizer ist Hochdeutsch mit schlechten Noten und Komplexen verbunden. Um das zu ändern, plädiere ich für die Aufwertung der Alltagssprache.

Möchten Sie denn die Mundart als fünfte Landessprache in die Verfassung schreiben? Das wäre zu überlegen. Aber erst einmal müssen wir anerkennen, dass wir Deutschschweizer grundsätzlich zweisprachig sind, und diese Tatsache nicht als Handicap, sondern als kulturellen Mehrwert begreifen. Stattdessen verdrängen wir das Problem und reden unseren Kindern ein, sie könnten nicht gut Deutsch.

Wenn wir die Mundart als Landessprache definieren, müssten wir aber auch überlegen, welchen Stellenwert andeder Verfassung geschützt wird.re Sprachen haben. Mehr Menschen in der Schweiz sprechen Portugiesisch, Spanisch oder Albanisch als Rätoromanisch, das von
Ja, die legendäre Viersprachigkeit der Schweiz ist weltfremd und von gestern. Alle Sprachen sind grundsätzlich gleich wichtig. Wir sollten die Vielfalt und die enorme Sprachkompetenz in unserem Land als Kapital anerkennen und fördern. Sie ist ein enormer Reichtum, und sie ist wichtig für eine lebendige Demokratie. Wenn sich das etablierte Amerika vermehrt für andere Sprachen und Kulturen interessieren würde, wäre Trump vermutlich nicht gewählt worden. Jede Sprache ist eine Brücke zur Welt. Wenn nur eine Sprache vorherrscht, ist die Weltsicht stark verengt. In totalitären Regimen werden die Menschen gezwungen, nur eine Sprache zu sprechen.

Wer sich sprachlich nicht so gut ausdrücken kann, kann auch schlechter widersprechen oder für seine Rechte kämpfen. Klar, das ist natürlich gäbig, wenn viele Leute nicht so gut schreiben können oder jedenfalls meinen, es nicht so gut zu können. Sonst schreiben sie noch Leserbriefe oder politische Manifeste.

Anderseits halten die Politikerinnen und Politiker der SVP ihre Reden in Dialekt, um Volksnähe vorzugeben. Ich lasse mir die Mundart sicher nicht von denen vermiesen! Die Besinnung auf meine eigentliche Muttersprache hat damit nichts zu tun. Ich orientiere mich dabei nicht an der Politik, sondern an meinen eigenen Bedürfnissen.

Aber es fällt schon auf: Wenn es in der Welt etwas ungemütlich wird, wenden sich die Leute nach innen. Daher der Mundartboom …
Nun, ich plädiere nicht für sprachlichen Heimatschutz. Die eigene Sprache zu sprechen, das hat etwas Emanzipatorisches. In der spanischen Region Katalonien sprechen die Katalanen heute mit grösster Selbstverständlichkeit Katalanisch und Spanisch nebeneinander. Das war der Anfang ihrer Autonomie.

Aber die Rechten verstehen Mundart als Trend zurück zur Scholle. Frauen an den Herd, das ganze reaktionäre Programm inklusive.

Das sehe ich nicht so. Mundart ist grundsätzlich sozial und demokratisch. Wenn wir in unserer Muttersprache reden, kann jeder mitschnure und gleichwertig seinen Senf dazugeben. Sobald man aber ins Hochdeutsche wechselt, reden nur noch die, die etwas länger zur Schule gegangen sind.
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Beat Sterchi: Mut zur Mündigkeit. Vom Lesen und Schreiben in der Schweiz. Langenthal (Edition ADHOC) 2016.

work, 17.11.2016