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Urs Enz: «Vieles ist Beziehungsarbeit»

Luca Hubschmied

Sozialpädagoge Urs Enz hilft seinen Klienten weiter. Mal ist er ihr Steuer­experte, ­mal ihr Putzmann, mal ihre Klagemauer. Vor allem aber ist er ein Mensch, dem sie vertrauen.

OFFENES OHR: Sozialpädagoge Urs Enz (48) unterstützt in Biel Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Die eigene Lebenserfahrung hilft ihm, den Klienten verständnisvoll zu begegnen. (Fotos: Peter Mosimann)

Das stattliche Haus fällt keineswegs ab gegenüber den Nachbarhäusern in der kleinen Gasse im Zentrum von Biel. Es wirkt gepflegt, die Fassade ist frisch gestrichen. Wer ein klischiertes Bild von Sozialwohnungen hat, wird hier eines Besseren belehrt.

Der Sozialarbeiter Urs Enz besucht seinen ersten Klienten des Tages. Sportlichen Schrittes geht er vier Stockwerke durch das nüchterne Treppenhaus nach oben. Enz arbeitet für den Bieler Verein Casanostra, der Wohnraum für sozial und finanziell benachteiligte Personen anbietet und sie in ihrer Wohnsituation professionell betreut. Nach kurzem Klingeln lässt uns Max Karstedt * herein. In der Einzimmerwohnung sind die Rollläden heruntergelassen. Der Fernseher läuft, die Luft ist erfüllt vom Rauch selbstgedrehter Zigaretten.

Etwa alle drei Wochen schaut Urs Enz bei Karstedt vorbei. Während wir auf dem Bett sitzen und er den Fernseher leiser stellt, berichtet Karstedt über seine Erfahrungen, sowohl mit Casanostra als auch mit Urs Enz: «Ein Sozialarbeiter muss nicht mein bester Freund sein, aber ein Kollege.» Mit der Wohnung ist er zufrieden, aber die regelmässige Betreuung empfindet er manchmal als lästige Kontrolle.

TIPPS UND TATEN. Urs Enz arbeitet seit zehn Jahren für den Bieler Verein. Mal hilft er, eine Steuererklärung auszufüllen, mal, ein Haushaltsbudget zu erstellen, oder er vereinbart mit den Klienten Ziele, wie sie ihre Wohnung sauber und ordentlich halten. Wenn das nicht funktioniert, legt Enz auch selbst Hand an und hilft beim Putzen oder Aufräumen. Bei Familien oder Alleinerziehenden gibt er Erziehungstipps, bei Einzelpersonen versucht er, etwas gegen ihre soziale Isolation zu tun. Etwa gleich viel Zeit wie der Wohnbegleitung widmet Urs Enz der Bewirtschaftung der Immobilien des Vereins.

PRÄGENDE ERLEBNISSE. Ursprünglich hatte Urs Enz Koch gelernt. Aus sportlichen Gründen hängte er die Kochschürze jedoch an den Nagel. «Damals fuhr ich Töffrennen», erzählt Enz. «Diese fanden meist am Wochenende statt, was sich mit den Arbeitszeiten als Koch nicht gut vertrug.» Noch heute ist er leidenschaftlicher Motorradfahrer. Wenn er nicht arbeitet, sitzt er auf seiner ­Kawasaki 450.

Für die Arbeit muss er aber die breiten Reifen gegen schmalere tauschen. Die Mitarbeitenden von Casanostra sind mit dem Fahrrad unterwegs. Eine lange Tradition, geprägt vom Gründer und heutigen Geschäftsführer Casanostras, dem grünen Stadtrat Fritz Freuler. So erreichen die Mitarbeitenden pedalend die über 140 Wohneinheiten, die dem Verein zur Verfügung stehen, 90 davon im Eigentum. Nach der kurzen Laufbahn in der Küche arbeitete Enz temporär, mal als Glaser, mal als Dachdecker. Dann nahm er eine Anstellung in einer Wiedereingliederungsstätte an und absolvierte berufsbegleitend die Ausbildung zum Sozialpädagogen.

EIN GROSSER SCHRITT: Fabian Verratti * (Mitte rechts, Name von der Redaktion geändert) hat den Absprung ins selbständige Wohnen geschafft. Urs Enz besucht ihn in der neuen Wohnung und darf auch einen Blick auf den Kleintierstall werfen. Danach geht’s zum Rapport.

Auf diesen Wechsel angesprochen, zögert der sonst sehr kommunikativ und souverän auftretende Sozialarbeiter. «Ich hatte nicht gerade eine einfache Jugend», erklärt er, «ich habe selbst viele prägende Situationen erlebt und kam bereits früh mit dem Gesetz in Konflikt. Meine Erfahrungen haben in mir den Wunsch gestärkt, etwas Sinnvolles zu tun. Manchmal helfen mir meine eigenen Erlebnisse von früher, um Menschen in ähnlichen Situationen zu verstehen und ihnen zu helfen.» In seinem Berufsalltag spiele sich ein Grossteil im zwischenmenschlichen Bereich ab, erklärt Enz: «Grundsätzlich ist vieles Beziehungsarbeit, das ist mein wichtigstes Werkzeug.»

Wie dies auch aussehen kann, sehen wir beim nächsten Besuch. Fabian Verratti * begrüsst uns in seiner neuen Wohnung im ersten Stock eines kleinen Häuserblocks. An den Wänden hängen AC/DC-Poster, Urs Enz grinst und zeigt auf den Kaninchenstall an der Wand: «Das Kaninchen und die Meerschweinchen kenne ich noch aus der alten Wohnung.»

Zehn Jahre lang wohnte Verratti in einer Wohnung von Casanostra. Nun lebt er selbständig, ohne die regelmässigen Besuche seines Sozialarbeiters.

ABSCHIED. Heute sind wir hier, weil Enz sich von Fabian Verratti verabschieden will. Wer sich jahrelang alle paar Wochen begegnet, entwickelt unweigerlich eine Beziehung. Das merkt man, auch Verratti wird etwas sentimental: «Ich vermisse Herrn Enz schon, das ist kein Geheimnis. Ich hoffe, wir bleiben in Kontakt.»

Die Arbeit bei Casanostra habe ihn viel gelehrt, erläutert Enz: «Ich selbst bin auch gereift, beruflich wie persönlich.» Dabei erlebe er viele gute, aber natürlich auch schwierige Momente. «Viele stellen sich vor, als Sozialarbeiter sei alles schön und locker. Dabei ist es täglich harte Arbeit, mit Menschen ihre kleineren und grösseren Probleme anzupacken.»


Urs Enz: Von Beruf zu Beruf

Urs Enz lernte als Erstausbildung Koch, arbeitete drei Jahre auf dem Beruf und dann zehn Jahre lang temporär auf dem Bau. Danach wechselte Enz in den sozialen Bereich. Berufsbegleitend machte er die Ausbildung zum Sozial­pädagogen HFS. Bei Casanostra absolviert er momentan die Ausbildung zum Immobilienbewirtschafter. Enz wohnt in Oensingen SO in einer Dreieinhalbzimmerwohnung. Beim Bieler Verein Casanostra ist er zu 80 Prozent angestellt und verdient rund 6000 Franken.

TÖFFLIBUEB. Urs Enz war stets fasziniert von schnellen Zwei­rädern. Schon als Kind frisierten er und sein Bruder ihre Töffli, vom ersten Lohn kauften sich die beiden eine Töffausrüstung. Mit 20 Jahren wurde er Rennfahrer, fuhr an Schweizer Meisterschaften und verschiedenen Rennen im In- und Ausland. 1993 erlitt er einen Unfall und beendete seine Karriere.

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