Die Genfer Kantonspolizisten kamen im Mannschaftswagen. Bewaffnet. Sie stürmten die Grundschule des kleinen Dorfes Compesières GE und führten die vier Kinder einer grossbürgerlichen, traditionsreichen Genfer Familie ab. Es war der Morgen des 12. April 2012. Seither werden die vier Kinder (heute zwischen 9 und 14 Jahre alt) von der Kinderschutzbehörde (SPMI) verwahrt. Die Eltern haben nur ein Besuchsrecht: drei Stunden jeden Sonntag, Fahrtzeit inbegriffen. Zwei der Kinder haben Gesundheitsprobleme: Der Jüngste hat autistische Züge, der Mittlere sitzt als Folge einer genetischen Krankheit im Rollstuhl. Seit 2012 versuchen die Kinder, nach Hause zurückzukehren, und die Eltern versuchen, ihre Kinder zurückzubekommen. Umsonst.

«TOXISCH». In Compesières hatten die Eltern vom Schulleiter gefordert, dass ihr Kind im Rollstuhl einer Klasse im Erdgeschoss zugeteilt werde. Der Schulleiter weigerte sich. Die Eltern – der Vater Informatikchef einer Grossbank, die Mutter international tätige Finanzanalystin – reagierten wohl ungeschickt, mit einer gewissen Arroganz. Der Konflikt eskalierte. Die Kinderschutzbehörde mischte sich ein. Eine Psychiatrieexpertin schrieb ein Gutachten, das von allen aussenstehenden Beobachtern als total inkompetent betrachtet wird. Die Gerichte jedoch beriefen sich in zwei Instanzen darauf und entschieden: Die Kinder dürfen nicht zu den Eltern zurück. Der international bekannte Rechtsprofessor Jean Zermatten wurde konsultiert. Zermatten war lange Präsident des Komitees der Uno-Kinderschutzkonvention, welche die Schweiz 2014 unterzeichnet hatte. Die Rechtsbrüche durch die Genfer Behörden sind himmelschreiend. Im Gutachten wird die Familie als «toxisch», also als «giftig», bezeichnet. Von einer Gefährdung der Kinder ist nicht die Rede. Eine weitere flagrante Gesetzwidrigkeit: In zweiter Instanz zog das Obergericht dieselbe Gutachterin bei wie in der ersten Instanz. Dritter Gesetzesbruch: Laut Uno- Kinderschutzkonvention müssen behinderte Kinder besondere Betreuung erhalten, und ihre Eltern dürfen nicht ohne schwerwiegenden Grund ausgeschlossen werden. Und endlich: Keiner der Richter hat die Kinder selbst je angehört. Von den Verantwortlichen der Kinderschutzbehörde ganz zu schweigen: Sie haben die Kinder weder gesehen noch mit ihnen gesprochen.

BEHÖRDENWILLKÜR. Die SPMI ist eine chaotisch arbeitende Behörde. Sie hatte in den letzten fünf Jahren drei verschiedene Direktoren. Gegenwärtig ist die Leitung nicht besetzt. Und der Genfer Staatsrat nimmt seine Überwachungspflicht nicht wahr. Ein Dokumentarfilmer des Schweizer Fernsehens dreht zurzeit einen Film über den Fall. Er sprach auch mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga, die sich so klug und warmherzig für das Verhalten der Behörden gegenüber den Verdingkindern entschuldigt hatte. In Genf geht die Willkür der Behörden weiter.


Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Sein neuestes Buch, «Ändere die Welt!», ist im März 2015 auf deutsch erschienen.

work, 29.06.2016