Donnerstag, 3. November, in Paris. Gegen Mitternacht. Ich gehe auf dem vom Regen durchnässten Trottoir des Boulevard St-Germain. Auf der Höhe des Cafés Les Deux Magots. Plötzlich ertönt hinter mir eine Stimme: «Ziegler, como vai?» Ich drehe mich um. Vor mir steht Fernando Henrique Cardoso, der ehemalige Präsident von Brasilien.

FREMDER FREUND. Meine Beziehungen zu ihm sind vielfältig und widersprüchlich. Anfang der 1970er Jahre lebte er mit seiner Frau Ruth im Exil in Paris. Die seit 1964 in Brasília herrschenden Militärs hatten ihn vertrieben. Der weltbekannte Sozialwissenschafter war Gastprofessor der Universität Paris-Vincennes. Ich sass als unbekannter junger Soziologe in seinen Seminarien.
März 2002: Im Präsidentenpalast von Brasília empfängt mich Fernando Henrique. Er ist seit 1995 Staatspräsident, ich ein kleiner Sonderberichterstatter der Uno für das Recht auf Nahrung. Der Bericht meiner Brasilienmission sollte verheerend für seine Regierung ausfallen: 32 Prozent der fast 200 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer waren trotz bescheidenen Reformen immer noch permanent schwerst unterernährt. Lange Zeit hielt mich Cardoso für einen «Verräter». Doch die nächtliche Zufallsbegegnung in Paris war herzlich und für mich hochinteressant. Ein riesiger Korruptionsskandal erschüttert Brasilien seit fast drei Jahren: der Skandal Petrobas. Die mächtige staatliche Erdölgesellschaft wurde von Angehörigen der politischen Elite systematisch geplündert. Mit aktiver Hilfe von Schweizer Banken. Gegenwärtig sind in Brasilien 62 Prozesse im Gang, in denen es auch um Schweizer Bankinstitute geht. Über 800 Millionen Franken Korruptionsgelder wurden von Bern bereits bei 42 in der Schweiz tätigen Instituten beschlagnahmt. (Davon sind bisher lediglich 25 Millionen nach Brasilien zurück transferiert worden.) Bei der Bank Julius Bär in Zürich wurden mehrere Dutzend Millionen Franken Schwarzgeld auf Konten von Eduardo da Cunha und seiner Gattin entdeckt. Der Mann war bis vor kurzem Parlamentspräsident in Brasília. Jetzt sitzt er im Gefängnis Santa Catarina.

EIN IRRTUM. Fernando Henrique fragt mich: «Es gibt doch ein Gesetz gegen Geldwäsche bei euch, wie wurden die Banker bestraft?» Meine Antwort: «Gar nicht. Die Finanzmogule erfreuen sich permanenter Straffreiheit. Julius Bär und Co. sind unantastbar.» Einen bescheidenen Lichtblick gibt es trotzdem. Eine der Hauptadressen für die brasilianischen Halunken ist die Bank Lombard Odier. Ihr Chef ist Patrick Odier, der bis September Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung war. Der Westschweizer Presse gestand Odier mit calvinistischem Tremolo in der Stimme: «Die Annahme der brasilianischen Gelder war ein Irrtum.»


Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Sein neuestes Buch, «Ändere die Welt!», ist im März 2015 auf deutsch erschienen.

work, 17.11.2016