Das internationale Hauptquartier der Ärzte ohne Grenzen liegt an der Ecke Rue de Lausanne und Rue du Prieuré in Genf. Vielleicht dreissig Meter von meinem Büro entfernt. In der Mittagspause begegnen mir im Restaurant Drake Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger aus allen Nationen, die auf der Durchreise zum Rapport in Genf sind. Ärzte ohne Grenzen ist eine unerhört eindrückliche und effiziente Freiwilligenorganisation. Zwei französische Mediziner hatten sie 1970 gegründet. Das erste Einsatzgebiet war das westnigerianische Biafra, in dem seit 1967 Krieg herrschte. Die vierjährigen Kämpfe forderten über zwei Millionen Schwerverletzte und Tote. Ärzte ohne Grenzen rettete Hunderte und setzte die Arbeit auf vielen anderen Schlachtfeldern fort. Seit jetzt 46 Jahren. Mit ungeheurer Energie und Opferbereitschaft. Die Märtyrerliste der Organisation ist lang.

VERZWEIFELTE HELFER. Vor einigen Tagen sass ich am Mittagstisch mit Freiwilligen zusammen, die gerade drei Monate Einsatz hinter sich hatten. Sie hatten auf einem Schiff namens «Dignity» (Würde) gearbeitet, das 400 in Seenot geratene Flüchtlinge aufnehmen kann und vor der libyschen Küste kreuzt. Sie waren verzweifelt. «Zu oft kommen wir zu spät», sagte ihr Chef, ein junger Holländer. Seit Jahresbeginn sind nach Angaben des Uno-Hochkommissariats für Flüchtlinge 3205 Kinder, Frauen und Männer im Mittelmeer ertrunken. Der Holländer sagte: «In Wirklichkeit sind es wohl dreimal so viele.» Gesunkene Flüchtlingsschiffe, in denen Hunderte begraben liegen, werden nur ausnahmsweise gehoben. Am 18. August berichtete der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi von einer Hub-Aktion: Die italienische Marine hatte ein gesunkenes Schiff geborgen, in dessen verschlossenem Maschinenraum Taucher 857 Leichen fanden. In der Uno-Konvention von 1998, dem Römer Statut, das den Internationalen Strafgerichtshof begründete, wird unter den Verbrechen gegen die Menschheit die «unterlassene Hilfeleistung an Menschen in Not» aufgeführt. Die dumpfen Bürokraten der EU-Kommission in Brüssel begehen genau dieses Delikt. Jeden Tag und jede Nacht.

BRÜSSEL SCHAUT ZU. Die Schlepperbanden, die in Libyen operieren, könnten militärisch ohne grosse Probleme ausgeschaltet werden. Auf nordafrikanischem Boden könnte die EU Registrierzentren errichten, die Asylgesuche von Flüchtlingen prüfen. Auch die Ärzte ohne Grenzen fordern das seit langem. Doch in Brüssel herrscht – verschwiegen, aber systematisch praktiziert – die Abschreckungstheorie: Je mehr Flüchtlinge ertrinken, desto weniger versuchen die Überfahrt. Eine mörderische Überlegung. Die Unia hat den Ärzten ohne Grenzen die stattliche Summe von 20 000 Franken überwiesen. Präsidentin Vania Alleva erklärte im work, warum: «Die europäische Abschottungspolitik ist absolut mörderisch, und wir sind Teil davon.»


Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Sein aktuellstes Buch heisst «Ändere die Welt!».

work, 15.09.2016