Die beiden Herren standen frierend an einem feuchten Herbstnachmittag vor meiner Haustür in Russin GE. Ich hatte wieder einmal ein Rendez-vous vergessen und kam unbesorgt im Trainingsanzug vom Joggen in den Weinbergen. Bastian Obermayer und Frederik Obermaier von der «Süddeutschen Zeitung» waren damals, im Herbst letzten Jahres, noch nicht weltberühmt. Sie hatten mein Buch «Ändere die Welt!» gelesen. Nun befragten sie mich nach meiner Meinung zu den Offshore-Gesellschaften und was dagegen zu tun wäre. Ich hatte an diesem Tag keine Ahnung, welch explosives dokumentarisches Material die beiden gerade bearbeiteten.

DAS SCHATTENUNIVERSUM. Wenig später explodierte der Skandal um das wohl «bestgehütete Geheimnis der Welt» (Titel der französischen Ausgabe ihres Buches): das Schattenuniversum der Anwaltskanzlei Mossack Fonseca aus Panama. Mit den von ihr verwalteten Offshore-Gesellschaften garantierte sie Tausenden von Mafiafürsten, Terrorchefs, Steuerbetrügern, Waffenhändlern und Drogenmogulen absolute Anonymität und effiziente Wäsche der kriminellen Profite. Ein bis heute unbekannter Whistleblower, der sich John Doe nennt, hatte den beiden jungen Münchner Journalisten rund 8 Millionen Dokumente übermittelt. Zusammen mit über hundert hochkarätigen Kolleginnen und Kollegen aus 12 Ländern durchleuchteten sie mit unglaublicher Energie und Klugheit diese Schattenwelt. Davon erzählen sie in ihrem diesen Frühsommer erschienenen, brillant geschriebenen Buch «Panama-Papers. Die Geschichte einer weltweiten Enthüllung» (Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln). Die beiden Autoren haben amtierende Staatschefs zu Fall gebracht (Beispiel: Island), die hochkriminelle Umgebung zeitgenössischer Autokraten ausgeleuchtet (Wladimir Putin) und Dutzende von willigen Komplizen dieser Halunken ins Rampenlicht gezerrt.

SCHRECKLICHE KLIENTEN. Zum Beispiel Rechtsanwalt Christoph Zollinger. Er war der Vertreter der Panama-Ganoven in der Schweiz. Unter seinen Klienten befanden sich der syrische Diktator Bashar al-Asad und eine ganze Riege seiner engsten Kumpane. Hin und wieder hatten selbst die Mossack-Fonseca-Chefs Skrupel. Besonders bei Rami Makhlouf, dem Cousin des syrischen Gewaltherrschers und «Financier des Regimes» («New York Times»). Mossack Fonseca wollte sich von diesem schrecklichen Klienten und seinen Millionen trennen. Zollinger protestierte mit einem E-Mail vom 17. Februar 2011. Resultat: Makhlouf bleibt geschätzter Kunde der Kanzlei.
Das panamaische Schattenreich ist eines von vielen. Und es funktioniert weiter. Wird die unerhört eindrückliche Arbeit der beiden Journalisten und ihrer vielen Kolleginnen und Kollegen die Welt von diesen Gaunern befreien? Nichts ist sicher. Eines ist zu wünschen: dass dieses grossartige, erschreckende Buch den Weg ins kollektive Bewusstsein finde.


Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Sein neuestes Buch, «Ändere die Welt!», ist im März 2015 auf deutsch erschienen.

work, 18.08.2016