Seit meiner Gymnasialzeit lese ich Rudyard
Kipling, einen der faszinierendsten Dichter, die
das britische Imperium in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Sein
Vater war Direktor des Museums von Lahore im
heutigen Pakistan. Der
junge Kipling verbrachte
seine Schulferien
stets im Hochland von
Peshawar. Nicht weit
davon verlief die Grenze
zwischen der damaligen britischen Kolonie und
dem Gebiet der afghanischen Völker.
ANGST UND WAHNSINN. Eines der berühmtesten
Gedichte Kiplings heisst «Einsamkeit». Er
beschreibt darin die nächtliche Panik eines britischen
Soldaten. Er ist der letzte Überlebende in
den Ruinen eines Vorpostens im Gebirge hoch
über Jalalabad. Die afghanischen Aufständischen,
unsichtbar und doch allgegenwärtig wie
Gespenster, schleichen um die Ruinen. Verzweiflung,
Angst schütteln den Soldaten. Als der Morgen
kommt, stürzt er sich, getrieben vom Wahnsinn,
in die Tiefe. Die 85000 Nato-Soldaten, die
gegenwärtig in Afghanistan stehen, sind noch
bei Verstand. Aber die Angst, dass nach acht
Jahren Krieg ihre Feinde – die Taliban – stärker
sind als je zuvor, beherrscht ihre Nächte.
In London geschahen daher vergangene Woche
aussergewöhnliche Dinge: Premierminister
Gordon Brown, dessen Armee allein im vergangenen
Jahr über hundert Tote zu beklagen
hatte, eröffnete am 28. Januar eine Konferenz
mit 70 Delegationen von Regierungen und
internationalen Organisationen. Ihr gemeinsames
Ziel: irgendwie den Krieg zu beenden.
«Man schliesst den Frieden nicht mit seinen
Freunden», sagte US-Aussenministerin Hillary
Clinton. Der afghanische Präsident Hamid Karzai
verkündete die Einberufung einer Generalversammlung
der Stammesältesten des ganzen
Landes, um über den Abzug der fremden Truppen
zu diskutieren. Und Kai Eide, der Sonderbeauftragte
des Uno-Generalsekretärs für
Afghanistan, traf sich zu Geheimverhandlungen
mit Vertretern der pakistanischen Taliban.
So deutet alles darauf hin, dass Kiplings erschütternde
Vision der Einsamkeit des fremden
Eindringlings in Afghanistan heute wahrhaftiger
ist denn je. Die Taliban sollen an der Regierung
beteiligt und ihre Soldaten in die afghanische
Armee eingegliedert werden. Radikaler
könnte eine Kehrtwende – oder besser: das Eingeständnis
des totalen Misserfolges der westlichen
Strategie – nicht sein.
DIE KEHRTWENDE. Hinter der Kehrtwende der
Nato steht noch ein anderer Grund: Vergangenes
Jahr überstieg die Anbaufläche des Mohns
200000 Hektaren. Im Jahr 2000 waren es nach
dem Verbot des Mohnanbaus durch die damalige
Taliban-Regierung 185 Hektaren! Karzai
und seine korrupten Kumpane wurden zu Milliardären
dank ihrem weltweiten Heroinhandel.
Frieden in Afghanistan? Seit Jahrhunderten
herrschen dort reaktionäre Feudalherren. Bevor
ihre soziale, finanzielle und ideologische
Macht über die ausgebeuteten Bauern nicht gebrochen
ist, werden noch so viele Konferenzen
dem Land keinen Frieden bringen.
Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden
Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor.
Sein jüngstes Buch, «Der Hass auf den Westen», erschien
auf deutsch im Herbst 2009.
work, 4.02.2010



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