Ausgezeichnetes Essen, grossartige Weine, hochinteressante Gesellschaft: Solche Abende erlebt man selten. Für mich war so ein Abend kürzlich ein Sonntag im französischen Ornex, nahe der Schweizer Grenze. Meine Frau Erica und ich waren eingeladen im schönen Haus von Professor Heiner Flassbeck. Ehemaliger Chefökonom der Uno-Spezialorganisation für Handel und Entwicklung, ehemaliger Staatssekretär im deutschen Finanzministerium, ist Flassbeck einer der einflussreichsten und klügsten Ökonomen Europas. Und dazu noch ein hervorragender Koch und Gastgeber.

EUROPAS ZUSTAND. Das Gespräch ging über den Zustand Europas und insbesondere über die fürchterliche Tragödie der Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan.
Plötzlich sagte Flassbeck: «Etwas ganz Neues, Schlimmes geschieht heute auf unserem Kontinent, in unseren Demokratien. Bis anhin, über Generationen hinweg, gab es Debatten, Streit der Ideen, auch Klassenkampf. Vor ein paar Jahren noch hätte eine Tragödie wie die syrische heftige Aufregung, Schuldzuweisungen und Konflikte in der öffentlichen Meinung verursacht. Doch heute? Nichts mehr davon. Die Devise heisst: Wegschauen.»
Flassbeck hat recht. Die totale Indifferenz, mit der die Öffentlichkeit den Verbrechen der Europäischen Union begegnet, ist erschreckend. 1951 unterschrieben die allermeisten Staaten, darunter die heutigen EU-Mitglieder, die Uno-Flüchtlingskonvention. Diese schafft ein universelles Menschenrecht: das Recht auf Asyl. Wer in seinem Heimatland wegen seiner Religion, seiner ethnischen Herkunft oder seiner politischen Überzeugung verfolgt wird, hat das absolute Recht, in einem anderen Land um Schutz nachzusuchen. Die EU-Kommission hat dieses Recht liquidiert. Die Hälfte der 22 Millionen Syrerinnen und Syrer – Menschen wie du und ich – sind vor Kriegsgreueln, Bomben, Folter auf der Flucht. Entweder fliehen sie innerhalb Syriens oder in die Nachbarstaaten.

ERDOGANS ERPRESSUNG. Stacheldraht, Mauern, Polizeihunde blockieren den Weg nach Europa. An der mazedonisch-griechischen Grenze hungern und frieren Zehntausende. Kinder, Frauen und Männer. Ihre Zelte sind vom Wind zerrissen.
Im korrupten Reich von Sultan Erdogan vegetieren 2,7 Millionen Flüchtlinge. Vielleicht zehn Prozent von ihnen finden Aufnahme in Flüchtlingslagern. Die übrigen versuchen, im Untergrund in den Städten zu überleben. Neuerdings wird auf Flüchtlinge, die im türkischen Grenzgebiet Schutz suchen, geschossen. Wahrscheinlich von Erdogans Militär, sagen Menschenrechtsorganisationen. Er will Europa erpressen.
Bislang gelingt es ihm nicht. Die versprochenen 6 Milliarden Euro sind bisher in Ankara nicht angekommen, und auch die Visumsfreiheit gibt es noch nicht. Flassbeck urteilt richtig: Eine Zivilisation geht zugrunde, wenn sie selber die Grundrechte liquidiert, auf denen sie basiert. Wenn Hunger und Elend wüten und sie einfach wegschaut.


Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Sein neuestes Buch, «Ändere die Welt!», ist im März 2015 auf deutsch erschienen.

work, 19.05.2016