Bei Erwerbsunfähigkeit haben Sie Anrecht auf eine IV-Rente. Und wenn diese nicht ausreicht, auf Ergänzungsleistungen. So gehen Sie vor. Von Sina Bühler | Foto: KEYSTONE

Seit mehr als 57 Jahren hat die Schweiz eine obligatorische Invalidenversicherung (IV). Wie die AHV gehört auch diese Sozialversicherung zur ersten Säule und funktioniert im Umlageverfahren. Das heisst: Das Geld, das in die IV fliesst, kommt nicht auf ein Sparkonto. Es wird direkt den aktuellen Rentnerinnen und Rentnern ausbezahlt. Um das zu finanzieren, zahlen die Erwerbstätigen und die Arbeitgeber je 1,4 Lohnprozente.



INVALIDITÄT: Können Sie wegen einer körperlichen Beeinträchtigung nicht mehr arbeiten, melden Sie sich bei der kantonalen IV-Stelle.

DER RENTENANSPRUCH
Anspruch auf eine Rente von der IV haben Sie, wenn die Versicherung Ihre gesundheitliche Beeinträchtigung als Unfähigkeit zur Erwerbsarbeit anerkennt, und zwar laut Bundgesetz «als bleibende oder zumindest längere Zeit andauernde Erwerbsunfähigkeit »: wenn Sie also aufgrund einer Beeinträchtigung Ihrer körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit nicht oder nur teilweise arbeiten können. Es spielt dabei keine Rolle, ob Sie diese Behinderung bereits bei Ihrer Geburt hatten oder ob sie die Folge einer Krankheit oder eines Unfalls ist.

DIE ANMELDUNG
Sie müssen sich selbst um die Anmeldung bei der IV kümmern. Sind Sie dazu nicht in der Lage, können dies Ihre gesetzlichen Vertreterinnen und Vertreter oder Personen, die Sie regelmässig betreuen oder unterstützen, an Ihrer Stelle tun.
Der erste Schritt ist der Besuch bei Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt, die Ihnen eine allfällige Arbeitsunfähigkeit bestätigen. Damit können Sie sich nun offiziell bei der IV anmelden: Unter rebrand.ly/anmeldung finden Sie die entsprechenden Formulare. Reichen Sie alle notwendigen Unterlagen sofort ein. Die Abklärung – die auch so schon sehr lange dauern kann – wird sonst nochmals verzögert.

DIE ABKLÄRUNG
Ob Sie Anspruch auf eine Rente haben, klärt Ihre kantonale IV-Stelle ab. Dazu wird sie Unterlagen von Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin und Ihrem Arbeitgeber verlangen. Sie überprüft ausserdem mit Fachleuten, welche Tätigkeiten Sie in Ihrem Arbeitsbereich zu erfüllen haben und ob eine allfällige Wiedereingliederung möglich ist.

DER ENTSCHEID
Bedenken Sie, dass für die IV nicht nur wichtig ist, ob Sie tatsächlich unter einer Beeinträchtigung leiden. Die Stelle will vor allem wissen, ob und wie viel Sie trotzdem arbeiten können. Die kantonale IV-Stelle stellt Ihnen noch vor dem definitiven Entscheid einen sogenannten Vorbescheid zu. Sobald Sie diesen bekommen, haben Sie und Ihre Versicherung 30 Tage Zeit, um dazu Stellung zu nehmen. Sofern Sie keine Ergänzungen oder Einwände haben, erlässt die Behörde eine Verfügung.

DER REKURS
Gegen eine Verfügung der IV können Sie beim kantonalen Versicherungsgericht Beschwerde einlegen. Das müssen Sie schriftlich und innerhalb von 30 Tagen tun.

DIE RENTE
Eine Rente erhalten Sie frühestens sechs Monate nach der Anmeldung. Die Höhe der IV-Rente wird durch drei Faktoren bestimmt: das bisherige Erwerbseinkommen, die Anzahl der Jahre, in denen Sie in die IV einbezahlt haben (Beitragsjahre) und der Grad Ihrer Invalidität. Sind Sie zu mindestens 40 Prozent beeinträchtigt, so bekommen Sie eine Viertelrente. Anspruch auf eine halbe Rente haben Sie bei einer Invalidität von 50 Prozent. Ab 60 Prozent bekommen Sie eine Dreiviertelrente, ab 70 Prozent eine volle Rente. Die genaueren Informationen finden Sie hier: rebrand.ly/iv-rente.

DIE FRÜHERFASSUNG
Wenn Sie bereits länger oder immer wieder arbeitsunfähig sind, können Sie sich zur «Früherfassung » bei der IV anmelden. Dies können Sie selber oder Ihre Firma, Ihre Ärztin oder Ihr Arzt, die Versicherung oder Familienangehörige tun. Eine Früherfassung ist noch nicht die eigentliche Anmeldung. Die frühzeitige Meldung soll Ihnen und Ihrem Unternehmen jedoch dabei helfen, dass Sie erwerbstätig bleiben können. Beispielsweise, indem Ihr Arbeitsplatz oder Ihre Arbeitszeiten an Ihre Beeinträchtigung angepasst werden. Stellt die Versicherung fest, dass zusätzliche Massnahmen notwendig sind oder dass Sie Anspruch auf eine Rente haben, werden Sie aufgefordert, sich bei der IV anzumelden. IV-Rentnerinnen und -Rentner mit Kindern unter 18 Jahren oder Kindern unter 25 Jahren, die noch in Ausbildung sind, haben übrigens Anspruch auf Kinderrenten.

DIE ERGÄNZUNGSLEISTUNGEN
Reicht die Rente nicht zum Leben aus, können Sie Ergänzungsleistungen (EL) beantragen. Die ELStellen befi nden sich in der Regel bei den kantonalen Ausgleichskassen. Für IV-Bezügerinnen sind diese Zahlungen besonders wichtig: Es gehören nämlich nicht nur Beiträge an Lebensunterhalt und Miete dazu, sondern auch die Erstattung von gewissen Krankheitsund Behinderungskosten. Dies gilt beispielsweise für Transport, Spitex oder medizinische Hilfsmittel. Infos zu den Ergänzungsleistungen finden Sie hier: rebrand.ly/el

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WORKTIPP

DIE UNIA HILFT
Nicht nur das Arbeitsleben, auch die Sozialversicherungen gehören zum Aufgabengebiet einer Gewerkschaft. Falls Sie Mühe mit der Anmeldung bei der IV haben oder mit einem Entscheid nicht einverstanden sind, bekommen Sie Hilfe bei Ihrem zuständigen Unia-Sekretariat. Die Adressen finden Sie unter www.unia.ch.

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HILFE IM ALLTAG

Wenn Sie eine Beeinträchtigung haben, aber genügend selbständig sind, um zu Hause zu leben, haben Sie vielleicht Anspruch auf einen Assistenzbeitrag. Diese Leistung wurde 2012 im Rahmen einer IV-Revision eingeführt um Menschen mit einer Behinderung ein selbstbestimmteres Leben zu ermöglichen.
Die Bedingungen, um einen solchen Beitrag zu erhalten: Sie müssen mindestens 10 Stunden in der Woche erwerbstätig sein oder eine Ausbildung absolvieren. Ausserdem müssen Sie eine Hilflosenentschädigung beziehen. Das ist eine Leistung zur IV und AHV für Personen, die bei alltäglichen Dingen wie Essen, Ankleiden, Sitzen und Körperpfl ege die Hilfe anderer Menschen benötigen. rebrand.ly/hilflose

ARBEITGEBER. Über den Assistenzbeitrag werden IVRentnerinnen und Rentner zu Arbeitgebern für jene Menschen, die Ihnen im Alltag helfen. Diese Personen dürfen allerdings weder in direkter Linie mit Ihnen verwandt noch verheiratet sein oder in einer eingetragenen Partnerschaft leben. Über den Assistenzbeitrag können Sie einen Stundenlohn bezahlen, der Fr. 32.90 für wenig qualifizierte und Fr. 49.40 für hochqualifizierte Leistungen beträgt. Auch Nachtzuschläge sind vorgesehen. Den Assistenzbeitrag erhalten Sie monatlich, wenn Sie die Stundenabrechnung Ihrer Angestellten einreichen. Zudem benötigen die Assistenten einen Arbeits vertrag. Darin werden Lohn, Ferienanspruch, Kündigungsfrist und so weiter festgelegt. Genaueres finden Sie unter: rebrand.ly/assistenz .

work, 30.11.2017