Fünf Milliardäre besitzen 80 Prozent aller in Frankreich erscheinenden Zeitschriften und Zeitungen. Zwei Drittel aller privaten Fernsehund Radiosender werden ebenfalls von ihnen kontrolliert. Entsprechend ist dieser Tage die Berichterstattung über Lenin und die russische Oktoberrevolution vor 100 Jahren. So heisst es: «Lenin, der Erfinder des totalitären Staates». Oder: «Wladimir Iljitsch Uljanow Lenin, der erfolgreichste Terrorist der Weltgeschichte». Andere westeuropäische Medien stehen den französischen Diffamierungen nicht nach. So die «Rundschau» des Schweizer Fernsehens. Am Mittwoch, dem 25. Oktober, sagte ihr Chefredaktor tiefsinnig in die Kamera: «Der Putsch wird bis heute verklärt.»

ZUR ERINNERUNG. Was die Hellseher vom Zürcher Leutschenbach als «Putsch» bezeichnen, war eine Revolution, die die Welt grundlegend und für immer verändert hat. Im Februar 1917 streikten in Petrograd Hunderttausende Arbeiterinnen und Soldaten gegen den mörderischen Krieg und das soziale Elend. Zar Nikolaus II. wurde gestürzt. Die Macht gehörte fortan einem Rat von Soldaten und Arbeitern, dem «Sowjet von Petrograd». Lenins Leute, die «Bolschewiki», waren in der Minderheit, hatten aber eine klare Strategie. Sie forderten ei nen sofortigen Waffenstillstand, die Enteignung der Grossunternehmen, eine Agrarreform und, wenn nötig, den Sturz der Regierung des Sozialdemokraten Alexander Kerenski. Am 25. Oktober besetzten die bolschewistischen Milizen die strategischen Gebäude, Kreuzungen und Brücken der Stadt. Nach kurzen Kämpfen eroberten sie den Winterpalast, den Regierungssitz. Eine neue Regierung, der Rat der Volkskommissare, präsidiert vom 48jährigen Lenin, übernahm alle Macht. Völlig überarbeitet erlitt Lenin 1922 einen ersten Gehirnschlag. Die grossartige Krupskaja, seine Frau, war die einzige, die seine Worte von seinen Lippen lesen konnte. Sie brachte regelmässig Lenins Vorschläge, Kommentare, Kritiken ins Zentralkomitee. 1924 folge der zweite Gehirnschlag. Lenin starb. Gegen seinen zuvor geäusserten Willen übernahm Stalin, ein junger Posträuber aus Georgien, die Führung des Komitees. Er entwickelte sich zum Massenmörder schlimmster Sorte.

SIEG ÜBER DIE NAZIS. Die heute lebenden Westeuropäerinnen und Westeuropäer verdanken den sowjetischen Völkern unendlich viel. Über 6 Millionen starben bei ihrem Sieg über die Nazihorden. In der Dritten Welt gibt es wohl keine nationale Befreiungsbewegung, die ihr kolonisiertes Land ohne sowjetische Waffen und diplomatische Unterstützung hätte befreien können. Geschichtswissenschaft ist eine komplexe, schwierige Tätigkeit. Aber der pathologische Massenmörder Stalin sollte nicht 100 Jahre danach das Bild Lenins, des führenden Kopfes der russischen Revolution, entstellen.

Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Sein neuestes Buch, «Der schmale Grat der Hoffnung», ist im März 2017 auf deutsch erschienen.

work, 2.11.2017