In diesem Monat jährt sich zum 15. Mal der Uno-Beitritt der Schweiz. Am Anfang stand dabei ein geheimes Treffen in Bern. Es war ein lauer Frühlingsmorgen im Jahr 2000. Die beiden Herren waren unruhig. Seit geraumer Zeit schon warteten sie in einem diskreten Sitzungszimmer im Westfl ügel des Bundeshauses. Ihr Gast hatte Verspätung. Endlich meldete der Weibel, die schwarze Limousine mit dem blauen Uno-Wimpel sei soeben vorgefahren. Bundespräsident Adolf Ogi und Aussenminister Joseph Deiss begrüssten Kofi Annan aufs herzlichste. Der Uno-Generalsekretär war als Freund gekommen.

EIN FREUND DER SCHWEIZ. Das Gesprächsthema war äusserst heikel und verlangte höchste Diskretion: Auf Initiative von Ogi und Deiss hatte der Bundesrat beschlossen, innert absehbarer Frist eine neue Uno-Abstimmung zu wagen. Das Volk hatte den Beitritt der Schweiz zur Weltorganisation 1987 massiv abgelehnt. Ogi und Deiss wussten: Christoph Blocher und seine SVP würden auch diesmal mit dem Hammerargument mobilisieren, dass der Uno-Beitritt die Neutralität verletze. Ogi und Deiss wollten deshalb vom Generalsekretär das Versprechen einer öffentlichen Erklärung, wonach die Uno die schweizerische Neutralität anerkennen und respektieren werde. Das Ansinnen war grotesk: Es gibt keinen bedingten Uno-Beitritt. Die beiden Bundesräte verlangten von Kofi Annan einen klaren Machtmissbrauch. Ein Generalsekretär kann keinen eingeschränkten Beitritt autorisieren.
Trotzdem – oh Wunder – kam im Bundeshaus West der Deal zustande! Annan und mehrere westliche Regierungen wollten seit langem den Uno-Beitritt der Schweiz. Seit 1946 genoss sie als erster Staat in der Geschichte der Weltorganisation Beobachterstatus, hatte aber kein Stimmrecht. Kam hinzu und wichtiger noch: Kofi Annan kannte und liebte die Schweiz. In jungen Jahren hatte er hier 18 Jahre gelebt, zuerst als Student, dann als Beamter des Hochkommissariats für Flüchtlinge.

HELVETISCHE STIMMUNG. Visionär und analytisch gescheit hatten Ogi und Deiss die helvetische Stimmung eingeschätzt. Christoph Blocher stritt zwar wie ein Löwe gegen das «Uno-Abenteuer». Aber diesmal verlor er. Am 3. März 2002 stimmten 54,6 Prozent der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger für den Beitritt. Ein halbes Jahr später, am 11. September, wehte eine frische Brise vom Atlantik herüber. Vor dem Uno-Hauptsitz in New York wurde die Schweizer Fahne gehisst, für das neue, das 190. Mitglied der Vereinten Nationen. In stummer Ergriffenheit standen Ogi und Deiss vor dem Fahnenwald.
Seither zeichnet sich die Schweiz als einer der aktivsten, kreativsten und prestigereichsten Staaten der Weltorganisation aus. Ihre Uno- Diplomatie verdient volle Unterstützung.


Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Sein neuestes Buch, «Der schmale Grat der Hoffnung», ist im März 2017 im Bertelsmann-Verlag erschienen.

work, 14.09.2017