Ulrike Herrmann ist gelernte Bankkauffrau. Sie studierte an der Freien Universität Berlin Geschichte und Philosophie. Herrmann schreibt für die «taz» und publiziert Bücher. Zum 150-Jahre-Jubiläum des «Kapitals» von Karl Marx schrieb sie unter anderem: «Marx war vom technischen Fortschritt fasziniert; selbst scheinbar kleinste Erfindungen begeisterten ihn: ‹Eine auf der Londoner Industrieausstellung von 1862 ausgestellte amerikanische Maschine zur Bereitung von Papiertüten schneidet das Papier, kleistert, faltet und vollendet 300 Stück per Minute.› Aber was trieb diese rastlose Dynamik im Kapitalismus an? Heute erscheint es uns selbstverständlich, dass Kapitalisten ständig investieren. Doch dieser permanente Verwertungsprozess war erklärungsbedürftig, und Marx erkannte als erster, dass die Technik dabei eine zentrale Rolle spielt. Sobald sie systematisch eingesetzt wird, entfaltet sie ihre eigene Logik.»

BABYMILCH. Peter Brabeck ist Österreicher. Er ist seit 1997 der starke Mann beim Multi Nestlé. Zuerst als CEO und seit 2005 auch als Verwaltungsratspräsident. Einst polemisierte die Drittweltbewegung gegen die Babymilch des Konzerns, der seinen Hauptsitz in Vevey VD hat: Nestlé tötet Babys. Der Multi Nestlé kauft weltweit – wo immer er es kann – Quellen auf. Und füllt das Quellwasser in PET-Flaschen ab. Dies führt zu Widerstand. Wegen sinkender Grundwasserspiegel. Und weil die Menschen mit kleinen und kleinsten Einkommen statt in Wasserversorgungen in Mineralwasser und PET-Flaschen investieren müssen. Brabeck hat versucht, dieser Kritik vorzubeugen, indem er immer wieder einen weltweiten Wassernotstand prophezeite. Die Schweiz hat gutes Trinkwasser. Und die Abwasseranlagen sind nicht schlecht. Auch wenn die grösseren jetzt für viel Geld nachgerüstet werden müssen. Die Fischer am Boden- und am Genfersee sind sauer, weil das Wasser zu wenig nährstoffreich ist. Und die Fische hungern. Und die Fischer folglich mit ihnen. Heute bezahlt ein Schweizer Haushalt im Durchschnitt pro Kubikmeter für den Bezug und die Reinigung des Trinkwassers 3 bis 4 Franken.

MEERWASSER. Es hat auf der Welt global gesehen nicht zu wenig, sondern eher etwas zu viel Wasser. Das Problem: 97 Prozent dieses Wassers ist Salzwasser. Wir Menschen können es nicht trinken, uns damit nicht duschen. Gleich geht es den Rindern, Schweinen und Hühnern. Und selbst Tomaten brauchen Süsswasser, bevor sie auf unseren Pizzas und in unseren Saucen landen. Israel produziert pro Jahr bereits mehr als 500 Millionen Kubikmeter Trinkwasser aus Meerwasser. Ist das viel? Es entspricht 27 Prozent des israelischen Trinkwasserverbrauchs. Es ist mehr Wasser, als die Schweiz in den beiden Stauseen Grande-Dixence und Mattmark zusammen speichern kann.

HAHNENBURGER. Die Produktion eines Kubikmeters kostet 50 Rappen. Das ist wenig für reiche Gesellschaften wie die Schweiz oder Israel. Und unbezahlbar viel für die Armenhäuser dieser Welt wie Bangladesh.
Was wir brauchen, sind weder mehr Papiertüten noch mehr Mineralwasser in PET-Flaschen, sondern frisches Trinkwasser für alle Menschen auf diesem Planeten. Und dies zu erschwinglichen Preisen für sie. Dank einem Marshallplan und regional selbstverwalteten Wasserversorgungsgesellschaften in der Logik des Service public.

work, 16.02.2017