Der Nachtzug aus Paris kam um 6.30 Uhr im Genfer Bahnhof Cornavin an. Es gab damals, im Februar 1974, noch keinen TGV. Ein todmüder, freundlich lächelnder Exil-Portugiese kam mir in einem abgewetzten Mantel entgegen. Er fristete damals sein Dasein als Privatlehrer, in einer kärglichen Wohnung an der Rue de Rennes in Paris. Sein Name: Mário Soares.

HÖCHST VITAL. Im grossen Saal des Café Bagatelle fand abends ein Meeting statt, zu dem Portugiesen aus der ganzen Schweiz angereist kamen. Der plötzlich höchst vitale Privatlehrer hielt einen zweistündigen Vortrag über die Lage in Portugal, eine brillante, mitreissende geostrategische Analyse, der nochmals drei Stunden lebhaftester Diskussion folgten. An die Schlussbemerkung von Soares erinnere ich mich bis heute: «Geduld ist die grösste revolutionäre Tugend. Wir müssen geduldig sein. Noch unterstützen die Nato, die USA und Europa Marcello Caetano (den faschistischen portugiesischen Ministerpräsidenten, die Red.). Aber eines Tages, auch wenn der Tag noch weit entfernt liegt, werden wir siegen.» Zwei Monate später, am 25. April, erklang kurz nach Mitternacht im Rádio Renascença das – von der Regierung verbotene – Rebellenlied «Grândola, Vila Morena». Es war das Signal für den militärischen Staatsstreich. Sechs Stunden später war der faschistische «Estado Novo» besiegt, Portugal befreit. In den Kolonien Angola, Moçambique, São Tomé, Guinea-Bissau und Osttimor, wo Hunderttausende zwangsrekrutierter Portugiesen gegen einheimische Befreiungsbewegungen kämpften, wurde der Staatsstreich des Movimento das Forças Armadas enthusiastisch begrüsst.

FEURIGE REDEN. Am 28. April, wieder am frühen Morgen, stieg Mário Soares, von Paris kommend, aus dem Zug im Hauptbahnhof von Lissabon. Er wurde Aussenminister der neuen Regierung. Und blieb es die zwei nächsten, entscheidend wichtigen Jahre lang. António de Spínola, ein Kolonialgeneral aus Guinea-Bissau, wurde nach dem Militärputsch Präsident. Er wollte zwar den Regimewechsel, dabei aber nicht die Kolonien in Afrika und Asien aufgeben. In feurigen Reden mobilisierte Soares das arbeitende Volk. Im Januar 1975 unterschrieb es die Verträge von Alvor, einer kleinen Stadt an der Algarveküste. Sie brachten den portugiesischen Kolonien Freiheit und Souveränität. «Eine eiserne Faust in einem Samthandschuh » – so charakterisierte sein Freund Willy Brandt Mário Soares. Und tatsächlich war der Generalsekretär der sozialistischen Partei Portugals der Inbegriff des Portugiesischen: klug, energisch, unglaublich arbeitsam, von unbändiger Vitalität. Als Ministerpräsident führte er sein Land 1985 in die EU. Von 1986 bis 1996 war er Staatspräsident. Am 7. Januar 2017, wiederum frühmorgens, starb dieser aussergewöhnliche Mensch. Er wurde 92 Jahre alt. Ich werde ihn nie vergessen.


Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Sein neuestes Buch, «Ändere die Welt!», ist im März 2015 auf deutsch erschienen.

work, 16.02.2017