Stellen Sie sich vor: Sie könnten Ihrem Ersparten über 5000 Franken einen fiktiven Zins anrechnen. Und könnten diesen Betrag dann vom steuerbaren Einkommen abziehen. Als Normalverdienende können Sie davon nur träumen. Grosskonzerne hingegen sollen diese Möglichkeit schon bald erhalten, mit der Unternehmenssteuerreform III (USR III). Zusätzlich zu weitreichenden Steuersenkungen und weiteren Instrumenten zur Steuervermeidung, versteht sich. Mit dem sogenannten Eigenkapitalzinsabzug könnten Konzerne einen Zins auf «überschüssigem» Eigenkapital, den sie gar nie bezahlt haben, von ihren Steuern abziehen. Zum Beispiel könnte ein Rohstoffhändler auf 20 Prozent eines Kredits, den er einer Tochterfirma im zentralafrikanischen Kamerun gewährt, 5 Prozent Zinsen geltend machen. Das Abstruse: Der Rohstoffhändler vergibt den Kredit und zahlt keinen Rappen, sondern erhält Zinsen von der Tochterfirma. Der Abzug ist nicht nur widersinnig. Er kostet die öffentliche Hand auch Hunderte Millionen, wenn nicht gar Milliarden. Der Bund geht zwar von «nur» 600 Millionen Franken jährlich aus. Allerdings sind grosse Fragezeichen angebracht. Bisher wurde nicht definiert, wie viel Eigenkapital als «überschüssig» gilt. Eine grosszügige Definition ist wahrscheinlich und könnte grössere Löcher ins Budget reissen. Zudem schätzte nicht die Verwaltung die Ausfälle, sondern der Steuerberatungskonzern Pricewaterhouse Coopers (PwC). Er gehört neben Grossfirmen und Aktionären zu den Hauptnutzniessern des Eigenkapitalzinsabzugs. Um den Abzug richtig vorzunehmen, braucht es Fachwissen. Firmen werden dieses teuer von Beratern wie PwC einkaufen müssen.

MITTELSTAND. Der Abzug öffnet Missbrauch Tür und Tor. Multis erhalten ein neues Instrument, um Briefkastenfirmen zu eröffnen und Steuern zu umgehen. Ähnliche internationale Probleme für die Schweiz zeichnen sich ab, wie sie durch die Statusgesellschaften – international tätige Spezialgesellschaften – entstanden sind und eigentlich mit der USR III hätten gelöst werden sollen. Schliesslich werden reiche Privatpersonen auf Kosten des Mittelstands noch einfacher Steuern umgehen. Sie können ihr Privatvermögen in eine Vermögensverwaltungsgesellschaft auslagern und dort fiktive Zinsen abziehen.


David Gallusser ist Unia-Mitglied und Ökonom

work, 19.01.2017