«Ich schäme mich», sagte der Bischof. «Alle Priester schämen sich. Ich verstehe nicht, was in den Köpfen dieser Vergewaltiger, die so viel Leid verursacht haben, vorgegangen ist.» («Le Matin», 27. 1. 2016) Monseigneur Charles Morerod, der Bischof von Freiburg, Lausanne und Genf, ist ein ausserordentlich kluger und mutiger Mensch. Er ist nicht im Klerikalsumpf von Freiburg gross geworden. Als Jean-Louis Claude von der Ernennung Morerods erfuhr, reiste er nach Freiburg. Claude, heute 74 Jahre alt, wurde im offiziellen katholischen Waisenhaus, dem Institut Marini in Montet FR, während Jahren vom Direktor, seinen Adlaten, von Priestern vergewaltigt. Wehrte er sich, wurde er geschlagen, erhielt kein Essen. Das Institut beherbergte Hunderte von Jungen und Mädchen. Verdingkinder und Waisen. Die Kinder ärmster Freiburger und Greyerzer Bauern wurden dort zwangsweise von den Kantonsund Gemeindebehörden eingeliefert. Viele von ihnen erlebten die Hölle.

NIEMAND HALF. Ein halbes Jahrhundert funktionierte das Institut Marini. In dieser Zeit weigerten sich die jeweiligen Bischöfe, irgendeine Klage entgegenzunehmen. Kein einziger der klerikalen Verbrecher wurde je bestraft. Jean-Louis Claude sass Bischof Morerod gegenüber und erzählte. Morerod sagte im erwähnten «Le Matin»-Interview: «Ich glaubte Jean-Louis sofort.» Der Bischof bestellte eine Untersuchungskommission. Diese lieferte einen Bericht von 120 Seiten ab. Die Aussagen von Claude wurden vollumfänglich bestätigt. Die gefolterten und regelmässig vergewaltigten Kinder hatten keine Möglichkeit, sich zu wehren. Keine Vormundschaftsbehörde hörte ihnen zu. Ein Kind wurde ermordet, von wem, konnte die Kommission nicht ermitteln. In einigen Dutzend anderen Waisenhäusern und «Erziehungsanstalten» – katholischen, protestantischen, staatlichen – in der Innerschweiz, der Ostschweiz und der Romandie wurden Kinder regelmässig misshandelt. Die Zwangseinweisung von Verdingkindern endete erst in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts.

ENTSCHÄDIGUNG. Dank dem Einsatz von SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga und von Guido Fluri, einem ehemaligen Zwangsplacierten, stimmte der Nationalrat am 25. April einer Regelung zu: Die Opfer der behördlichen oder kirchlichen Willkür werden entschädigt (mit maximal 25 000 Franken). Der Bund spricht dazu einen Kredit von 300 Millionen Franken. Eine umfassende Untersuchung über die horrenden Verbrechen wird schweizweit durchgeführt. Geld kann unsägliches Leid, zerstörte Leben nicht wiedergutmachen. Aber es ist eine Schuldanerkennung und eine Entschuldigung. Gegen die Berner Regelung stimmte am 25. April nur die SVP-Fraktion. Sie hat neue Schande auf sich geladen.


Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Sein neuestes Buch, «Ändere die Welt!», ist im März 2015 auf deutsch erschienen.

work, 4.05.2016