Das «Arabesque» ist das beste und preiswerteste
arabische Restaurant in Genf. Wenn immer der
exilierte erste algerische Staatschef Ahmed Ben
Bella mit seinem alten Peugeot aus dem benachbarten
Waadtländer Weindorf Begnins nach
Genf kam, versammelte er seine Freunde in dem
Lokal. Im «Arabesque» habe ich mehr über die
afrikanische Geschichte der letzten 50 Jahre
gelernt als in jeder Bibliothek.
LEHRER. Der am 11. April verstorbene Ben Bella
war bis vor kurzem von unglaublicher Vitalität,
menschlicher Grosszügigkeit und Gedächtnisstärke.
Welcher französische Agent hatte den
Kameruner Freiheitshelden Felix Moumié
1960
in Genf vergiftet?
Warum hat
Gamal Abd
al-Nasser die
Luftbrücke zu
den kongolesischen
Rebellen über das sudanesische Juba eingerichtet?
Wie hat Che Guevara 1963 die Guerrilla-
Front im Ostkongo aufgebaut? Ben Bella erklärte
mit faszinierenden Details fast alle Mysterien
der jüngeren afrikanischen Geschichte.
Geboren 1916 in Maghnia, emigrierte Ben Bella
als Gastarbeiter nach Marseille. Bei Olympique
Marseille wurde er 1939 Berufsfussballer. Der
nationalistische Feuerkopf wird zwangsrekrutiert
und einer Sondereinheit zugeteilt. 1943:
Nach der Schlacht von Monte Cassino heftet ihm
General de Gaulle, der Chef der freien Franzosen,
die Tapferkeitsmedaille an die Uniformweste.
1945: Am 8. Mai, als in Paris die Friedensglocken
läuten, demonstrieren unbewaffnete Algerier in
ihrem Land für die Autonomie. In Sétif lässt
General Raymond Duval 45 000 Männer, Frauen
und Kinder umbringen. Mit sechs Genossen
gründet Ben Bella die OS (Organisation Spéciale)
aus der später die FLN (Front de Libération
Nationale) hervorgeht.
Allerheiligen 1954: Der bewaffnete Aufstand
Algeriens beginnt. Acht Jahre und zwei Millionen
Opfer später endet er mit dem Sieg der
Freiheitskämpfer. Ben Bella wird erster algerischer
Staatschef – und macht aus Algier die
Hauptstadt aller afrikanischen und mittelöstlichen
Befreiungsbewegungen. 1965: Verteidigungsminister
Houari Boumedienne stürzt den
Präsidenten. Es folgen 18 Jahre Haft.
DER«GRÖSSTE»ALGERIER. Ben Bella war ein
tiefgläubiger Muslim ohne jeden Dogmatismus
und – was an ein Wunder grenzt – frei von
persönlichem Hass. Als er in Algier befreit
wurde, kam er mit Frau und den zwei Töchtern
nach Begnins, als Dauergast des Schweizer Weinbauern
und Trotzkisten Noé Graff.
Von 1990 bis 2000 erlebte Algerien einen fürchterlichen
Bürgerkrieg. 2000: Ben Bella wurde
Präsident der nationalen Versöhnungskommission.
Präsident Abd al-Aziz Bouteflika, der 1965
auf Seiten Boumediennes gestanden hatte,
bezeichnete ihn als «grössten Algerier».
Ahmed Ben Bella, den seine Landsleute liebevoll
«Sid Ahmed» (Herr Ahmed) nannten, war einer
der vier, fünf eindrücklichsten, sympathischsten
Menschen, die ich in meinem bisherigen Leben
kennengelernt habe.
Und noch eins: Der Schweizer Bundesrat hat Ben
Bella viele Male um Kontakte, Intervention und
Hilfe ersucht. Immer hat er der Schweiz geholfen.
Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden
Ausschusses
des Uno-Menschenrechtsrates und Autor.
Sein jüngstes Buch, «Der Hass auf den Westen», erschien auf
deutsch im Herbst 2009.
work, 26.04.2012



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