Der Franken ist im Vergleich zum Euro heute klar überbewertet. Um das zu sehen, muss man kein Ökonom sein. Man sieht es bereits, wenn man die Preise in der Schweiz und in Deutschland vergleicht. Doch wie stark ist der Franken überbewertet?

PREISVERGLEICH. Um das zu beurteilen, machen Ökonomen einen Preisvergleich mit dem Ausland. Sind die Preise im In- und Ausland in Franken umgerechnet gleich hoch, ist der Franken fair bewertet. Das heisst dann Kaufkraftparität. Doch das Problem liegt wie immer im Detail: Viele Produkte kann man gar nicht mit über die Grenze nehmen. So zum Beispiel Wohnungen (Mieten). Auf gewissen Produkten (Lebensmitteln) müssen hohe Zölle bezahlt werden. Und die indirekten Steuern wie die Mehrwertsteuer sind je nach Land verschieden. Vergleicht man alle Waren und Dienstleistungen, müsste der Franken-Euro- Kurs zwischen Fr. 1.88 und 1.97 liegen, damit die Preise im In- und Ausland gleich sind. Das hat zu einem grossen Teil mit den Mieten zu tun, die in der dichtbesiedelten Schweiz deutlich höher sind. Beschränkt man sich auf international handelbare Güter, liegt der «faire» Kurs tiefer – je nach Produktegruppe des Bundesamtes für Statistik zwischen Fr. 1.41 (z. B. Möbel) und Fr. 1.64 pro Euro (elektrotechnische und optische Geräte). Bei diesen Vergleichen sind aber beispielsweise Mehrwertsteuerunterschiede nach wie vor enthalten.
Auch die Löhne können verglichen werden. Wobei hier die unterschiedlichen Sozialversicherungssysteme die Resultate verzerren können. Daher sollte man ähnliche Länder vergleichen. Auch wegen der Wirtschaftsstruktur. Stellt man beispielsweise die Löhne in der deutschen Industrie den Schweizer Industrielöhnen gegenüber, so würde der «faire» Franken-Euro- Kurs bei Fr. 1.47 liegen. Der Franken liegt heute aber bei Fr. 1.20 pro Euro, entsprechend dem Kursziel der Nationalbank. Der Franken ist also viel zu stark. Wenn die Nationalbank das nicht korrigiert, wird dies auf Preise und Löhne drücken. Passt sich der Franken nämlich nicht an, müssen sich die Preise anpassen: Schweizer Firmen verlieren Kundschaft, bis ihre Preise umgerechnet gleich hoch sind wie jene im Ausland. Das würde den Druck auf Löhne und Beschäftigung erhöhen.


Daniel Lampart ist Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB).

work, 4.04.2012