Der Anruf kam spätabends. Am Telefon der (ehemalige) Vorsteher des Departements für auswärtige Angelegenheiten, Joseph Deiss. «Tu mir den Gefallen, geh nach Basel», drängte er mich. Also ging ich. Das war vor genau zehn Jahren. Die Uno war im Juni 1945 in San Francisco gegründet worden. Eine erste Abstimmung der Schweiz über ihre Mitgliedschaft war 1987 bachab gegangen. Der zweite Versuch fand endlich 2002 statt. Und wieder mobilisierte die isolationistische Rechte all ihre Kräfte, um die Ablehnung zu erzwingen. Der Beitritt musste von Volk und Kantonen, also einer doppelten Mehrheit, angenommen werden. Deiss hatte recht: Das Unterfangen war äusserst schwierig.

UNSINNIGE DEBATTE. Die Basler Turnhalle war berstend voll mit lauten, lärmenden SVP-Leuten. Nur in der ersten Reihe sassen einige verängstigte Menschen der «Vereinigung Schweiz- Uno». Christoph Blocher war in Hochform. Mit sichtlichem Vergnügen und viel rhetorischem Hokuspokus drosch er auf mich ein. Blocher: «Die Uno ist eine Weltmacht, sie will überall intervenieren, sie wird unser Land in unzählige Konflikte verwickeln. Schweizer Soldaten werden zu Hunderten als Blauhelme sterben.» Der Saal schauderte, applaudierte, lärmte. Blochers Tirade war natürlich unsinnig. Für Uno-Mitglieder besteht kein Rechtszwang, sich an Blauhelmeinsätzen zu beteiligen. Zehn Jahre nach der stürmischen Debatte in der Basler Turnhalle beschleicht mich jedoch ein seltsames Gefühl. Ich sage mir: Hätte Blocher doch recht behalten! Denn heute ist die «Weltmacht» Uno in einem jämmerlichen Zustand. Fast 100 000 Uno-Blauhelme stehen in Südlibanon, auf Zypern, in Kongo, an der äthiopisch- eritreischen Grenze und in vielen anderen Konfliktzonen der Welt – nur nicht in Syrien.

EINGESCHLOSSEN IN HOMS. Seit dem 15. März 2011 ist das syrische Volk, friedlich-demokratisch, gegen den Tyrannen Bashir al-Asad im Aufstand. Über 7000 Demonstranten – Frauen, Männer, Kinder – sind von Asads Schergen bereits umgebracht worden. Viele Tausende mehr sind in Gefängnissen verschwunden. Seit zwei Wochen werden die Städte Hamah, Homs und Daraa mit Panzern und schwerer Artillerie beschossen. Im sunnitischen Quartier Ben Amr in Homs sind derzeit über 30 000 Menschen eingeschlossen. Nahrung und Trinkwasser gehen zu Ende. Wer sich auf die Strasse wagt, wird von Scharfschützen ermordet. In den Unterständen werden Schwerverletzte zu Hunderten amputiert. Und die Welt schaut zu.
Für die Untätigkeit der Uno gibt es viele «Er- klärungen»: Russland unterhält seine einzige Marinebasis im Mittelmeer im syrischen Latakia.
China stützt Iran und folgerichtig dessen mörderische Verbündete in Damaskus. Aber keine noch so subtile geostrategische Analyse entschuldigt die Lähmung der Uno. Wo ist Hoffnung? «Wir, die Völker der Vereinten Nationen», beginnt die Uno-Charta. Es braucht einen Aufstand des Gewissens, damit die Uno endlich aus ihrem Komaschlaf erwacht.


Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Sein jüngstes Buch, «Der Hass auf den Westen», erschien auf deutsch im Herbst 2009.

work, 1.03.2012