Es war ein Frühlingsmorgen 2003. Zwischen dem Orient-Hotel in Ostjerusalem, wo wir wohnten, und dem Stadtrand des dreissig Kilometer entfernten Ramallah passierten wir fünf israelische Sperren. Mit erhobenen Händen, die Uno-Passierscheine schwenkend, ging unser Sicherheitsoffi zier jeweils auf die blutjungen israelischen Soldaten zu und verhandelte mit ihnen. Dann zog unser Konvoi weiter, vorbei an endlosen Schlangen in der Hitze wartender palästinensischer Frauen und Kinder.

ARAFATS TRAUM. Von der einst stolzen Mukhata, dem Komplex aus osmanischer Zeit, in dem die palästinensische Regierung sitzt, stand damals nach israelischen Bombardements nur noch ein schiefes Gebäude, umgeben von Schutthaufen und Gräben. Im ersten Stock empfing uns Yasir Arafat zum Mittagessen. Wie es seine Art war, redete Arafat einleitend lang, klug, mit vielen historischen Referenzen. Zum Schluss fragte ich, was die meisten meiner linken israelischen Freunde für eine Gewissheit halten: «Elf Prozent des ursprünglichen Palästina sind heute noch in palästinensischer Hand. Der Rest sind Israel, Kolonien der Siedler, Militärzonen. Glauben Sie nicht, dass ein binationaler Staat die einzige Lösung wäre?»
In den Augen des sonst so freundlichen Arafat blitzte der Zorn. «Niemals. Wir wollen die Unabhängigkeit, auch wenn sie nur eine Viertelstunde dauern sollte. Danach ist alles möglich. Ein binationaler Staat, eine Föderation mit Israel, alles. Aber zuerst wollen wir unseren souveränen Staat.» Arafat starb ein Jahr später. Sein Biograph Amnon Kapeliouk vermutete, dass er vergiftet wurde.
Arafats Traum soll am 20. September in Erfüllung gehen. Die Uno-Generalversammlung befi ndet dann über ein Gesuch aus der Mukhata: die Aufnahme eines palästinensischen Staates in die Völkergemeinschaft. Das Vorhaben wird am US-amerikanischen Veto scheitern. Wie mein israelischer Freund, der Schriftsteller Michel Warshawski, sagt: «Die amerikanische Aussenpolitik wird in Tel Aviv gemacht.» Ohne Zustimmung des Sicherheitsrats aber gibt es keine Uno-Mitgliedschaft. Doch die Generalversammlung kann Staaten anerkennen. Diese sind dann zwar nicht Vollmitglied, können aber in allen Unterorganisationen der Uno Einsitz nehmen und von den Programmen profi tieren.

ENDLICH PÄSSE. Für die Palästinenser wird die Anerkennung Erleichterung und Hoffnung bringen: International anerkannte Pässe, vor allem für die 4,5 Millionen Flüchtlinge, die in den Nachbarstaaten leben; diplomatische Vertretungen aus fünf Kontinenten im besetzten Ramallah; Druck auf die israelische Kolonialmacht, endlich die Besetzung und den fortlaufenden Land- und Wasserraub zu beenden. Die Schweizer Aussenpolitik steht auf dem Prüfstand. Würde sich Bern der Stimme enthalten oder gar gegen die Anerkennung stimmen, wäre das eine Schande für uns alle.


Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Sein jüngstes Buch, «Der Hass auf den Westen», erschien auf deutsch im Herbst 2009.

work, 8.09.2011