Die gegenwärtige Krise wird immer wieder als «Männerkrise» bezeichnet. Tatsächlich ist die Arbeitslosigkeit bei den Männern bisher stärker gestiegen als bei den Frauen. Das ist nicht überraschend. Denn Branchen mit hohem Männeranteil wie zum Beispiel die MEM-Industrie sind stark von der Krise betroffen. Wirtschaftszweige wie das Gesundheitswesen, in denen deutlich mehr Frauen arbeiten, verzeichneten hingegen ein Beschäftigungswachstum.

KONJUNKTURPUFFER. Doch ein Blick in die Branchen zeigt auch: In den sogenannten Krisenbranchen schnitten die Frauen beschäftigungsmässig schlechter ab als die Männer. Sie sind zwar weniger zahlreich, doch ihre Stellen wurden rascher abgebaut. Das war auch in der MEM-Industrie der Fall. Das Beschäftigungswachstum der Frauen war vor der Krise zwar stärker, doch nun gehören sie in der Krise zu den ersten, welche die Stellen verlieren. Offenbar werden die Frauen auch heute noch als «Konjunkturpuffer » gesehen. Das steht im Gegensatz zu dem, was ab den 1990er Jahren behauptet wurde.
Gründe, warum die Frauen stärker von den Konjunkturschwankungen betroffen sind, gibt es zahlreiche: 60 Prozent der Männer haben eine Vorgesetztenfunktion, bei den Frauen sind es hingegen nur 40 Prozent. Frauen haben häufiger befristete Stellen, und sie arbeiten mehr auf Abruf als Männer. Einzig bei der Temporärarbeit sind die Männer zahlreicher. Mit den unsichereren Anstellungsbedingungen sind die Frauen die ersten, die in einer Rezession ihr Pensum anpassen müssen oder die Stelle ganz verlieren. In nächster Zeit ist die Gefahr gross, dass die Arbeitslosigkeit vor allem bei den Frauen anzusteigen beginnt.

FRAUENBERUFE. Die geplanten Sparmassnahmen bei Bund, Kantonen und Gemeinden werden vor allem die Bereiche Gesundheit, Soziales und Unterricht treffen. Hier sind deutlich mehr Frauen als Männer tätig. Die steigenden Krankenkassenprämien und die Leistungskürzungen bei der Arbeitslosenversicherung werden Kaufkraft kosten. Das werden der Detailhandel und gewisse Dienstleistungsbranchen (Coiffeusen u. a.) merken. Ein Grund mehr, die unsinnige Spar- und Abschöpfungspolitik zu stoppen.


Daniel Lampart ist Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB).

work, 17.06.2010