Als sich im Mai ein Genfer Ölhändler nach freien Tankerkapazitäten für einen asiatischen Kunden umschaute, hörte er überall nur: «Sorry, ausgebucht!» Er hätte es wissen müssen. Ein Teil der internationalen Tankerflotte dümpelt seit Monaten auf den Weltmeeren – bis zum Rand gefüllt mit den «Tränen des Teufels», wie die Araber das Öl nennen. Händler benutzen die Schiffe als schwimmende Lager. Sie warten darauf, dass der Preis noch weiter steigt. Manche dieser Ladungen haben schon über 40 Mal den Besitzer gewechselt.
Rund 70 Dollar kostet das Fass derzeit wieder. Das ist doppelt so viel wie im Winter. Im vorigen Sommer hatten es die Spekulanten über 140 Dollar getrieben und Milliarden eingestrichen. Nicht die Nachfrage bestimmt den Preis, sondern allein die Hebel der Trader. Zum Beispiel sogenannte Wash-Trades, fiktive Geschäfte, in denen ein Händler gleichzeitig kauft und verkauft. Illegal. Aber scheissegal: Die meisten von ihnen haben ohnehin noch nie ein Fass Öl aus der Nähe gesehen.

SPEKULATION UND HUNGER Mit Reis, Soja, Weizen und anderen Nahrungsmitteln verfahren sie gleich. Als 2008 irre Summen aus den Immobilien- und Finanzmärkten an die Rohstoffbörse in Chicago schwappten, lösten die explodierenden Preise in 37 Ländern Hungersnöte und Hungerrevolten aus. Staaten wurden destabilisiert, Millionen Bauern gaben auf und zogen in die Slums der Megastädte, was wiederum künftige Hungersnöte programmiert.
Kupfer, Nickel, Aluminium, Stahl, Zucker, Baumwolle, Kaffee: was immer handelbar ist, dient der Spekulation. Doch nichts hat die Bedeutung des Öls. Es ist, nach der Kohle, der Treibstoff einer Wirtschaftsform, die sich seit 500 Jahren die ganze Welt bis in die Mongolei und Feuerland untertan gemacht hat. Oft mit Gewalt.
Das Problem mit dem Kapitalismus ist nicht nur sein inneres Gesetz der stetigen Kapitalkonzentration. Diese bringt Konzerne hervor, die mehr Umsatz machen, als die 60 ärmsten Länder der Welt zusammen produzieren. Das Problem des Kapitalismus ist sein Grundprinzip: Er macht alles und alle zur Ware. Und die Ware hat einen Preis.

MARKT UND STAAT So sind Preis und Profit zum einzigen steuernden Element der Menschheit geworden. Sie allein bestimmen über Investitionen. Und nicht etwa die Bedürfnisse oder die Fertigkeiten der Menschen. Oder die Notwendigkeit, zum Beispiel Lebensmittel anzubauen. Preis und Profit allein entscheiden, ob Industrien zerstört, der Amazonas abgeholzt, Zehnjährige in Fabriken gezwungen, die Luft oder Flüsse vergiftet, genetisch manipulierte Pflanzen angebaut werden oder absurde Technologien wie die Atomenergie eingesetzt werden. Der Gewinn macht die Welt. Seine Prinzipien sind Raub und Plünderung, Konsum und Wachstum.
Lange gab es eine Gegenmacht: das Gemeinwesen. Staaten sorgten, wenigstens in manchen Gegenden, für Gesetz, Regeln, öffentlichen Dienst, Interessenausgleich, Umweltstandards, soziale Sicherheit und Chancen. Doch in den letzten 30 Jahren hat das Kapital diesen Gegenspieler zunehmend entmachtet. Die Staaten wurden dereguliert, privatisiert, verbankt (68 Milliarden für die UBS!).
Jetzt füllen die Studien über die ökologische Katastrophe Bibliotheken. Die Klimaerwärmung fordert schon 300000 Tote pro Jahr. Polkappen schmelzen. Sauberes Wasser wird knapp. Rohstoffe gehen aus. Die Zahl der Hungernden steigt gegen eine Milliarde. Städte ersticken am Müll. Neue Krankheiten raffen Millionen dahin, alte, heilbare Krankheiten sogar Dutzende von Millionen. Um Ressourcen werden immer mehr Kriege geführt. Ökologische Schäden zwingen halbe Kontinente zur Migration. Die Armut wächst.
SONNE UND WÜSTE Wird diese Produktionsweise nicht schnell gestoppt, kostet die Eindämmung der schlimmsten Folgen bald 20 oder mehr Billionen Dollar, wie die Vereinten Nationen errechnet haben. Die Wirtschaftsform, in deren Zentrum die Mehrung des Kapitals steht, zerstört Gesellschaften, Demokratie und Umwelt in gleicher Weise. Darum sind die schwimmenden Spekulationsreserven der Ölhändler ein Symbol. Sie zeigen das Ende des fossilen Kapitalismus an.
Jetzt hilft nur ein radikaler ökosozialer Umbau. Das Wort meint: Aufstand gegen das Preis-Profit- Prinzip. Die Rückgewinnung der Politik. Denn sonst machen nicht wir den ökologischen Umbau, sondern die Konzerne. So wie gerade in Deutschland mit der Operation «Desertec »: 20 deutsche Konzerne unter der Führung des Finanzmultis Münchner Rück planen in der Sahara für 600 Milliarden Franken grosse Solarkraftwerke, um Europas Haushalte mit afrikanischem Sonnenstrom zu versorgen. Bei 20 Prozent Verzinsung auf 600 Milliarden werden wir teuer blechen. Das wäre eigentlich ein sehr schönes internationales staatliches Kooperationsprojekt gewesen, zwischen EU, Algerien, Marokko, Mauretanien …

work, 18.06.2009