Das «Massaker» oder das «Blutbad», wie wir die Massenentlassung auf der Redaktion des «Tages- Anzeigers» (TA) in angstvoller Erwartung wechselweise bezeichneten, hatte sich seit langem abgezeichnet. Bereits im letzten Herbst kündigte Chefredaktor Peter Hartmeier seinen Abgang an. Bis im Sommer sollte ein neuer, schlankerer, besserer «Tages-Anzeiger» unter neuer Führung entstehen. Entlassungen auf der Redaktion mit 230 Vollzeitstellen seien unumgänglich.
Von da an gab es viele Kündigungen, die Abgänge blieben unersetzt. Die Stimmung unter den Verbliebenen war durchzogen. Zwar war ich als Inlandredaktor nach sechs unersetzten Abgängen im Ressort einigermassen sicher, nicht entlassen zu werden. Für viele andere galt das nicht. Als ich für eine Chefredaktoren- Wettbörse Einsätze akquirierte, um so dagegen zu protestieren, dass monatelang nicht entschieden wurde, kam ich flach heraus. «Ich geb dir sicher nichts. Ich finde die ganze Situation nicht so lustig wie du, geh weg», sagte ein älterer Kollege. Seine Sorge war berechtigt. Er ist am Donnerstag letzter Woche mit vielen anderen entlassen worden.

WAS HEISST TIEFROT? Zwei Wochen zuvor war der «Doomday », wie wir ihn nannten. Die gesamte Redaktion wurde zur Mitarbeiterinformation im Untergeschoss des Medienhauses bestellt. Verlagsmanager Rolf Bollmann kündete den Abbau von 50 Vollzeitstellen in der Redaktion und deren 7 im Druck an. Man müsse die Kosten massiv senken, ansonsten man bereits im kommenden Jahr in «tiefrote Zahlen» gerate. Was «tiefrot» wirklich heisst, sagte trotz mehrfachem Nachfragen durch die Personalkommission (Peko) des TA niemand. Nach Ablauf der Konsultationsfrist von sieben Arbeitstagen würde so oder so mit dem Entlassen begonnen werden.
Die Personalkommission versuchte Vorschläge zu machen, um Kündigungen zu vermeiden, beispielsweise durch Pensenreduktionen. Doch sie stand auf verlorenem Posten. Wichtige Informationen wurden ihr vorenthalten, ihre Arbeit so sabotiert. Sie erfuhr beispielsweise nicht, in welchen Ressorts wie viele Stellen abgebaut werden mussten. Unter diesen Voraussetzungen war es unmöglich, Vorschläge für gezielte Pensenreduktionen zu machen. Die Peko protestierte mehrfach gegen die Entlassungen. Es gehe nicht an,
> den Aktionären über 40 Millionen Dividende zu zahlen,
> für 220 Millionen den Verlag Edipresse zu kaufen,
> ein neues Medienhaus zu bauen
und gleichzeitig beim TA eine «Massenentlassung auf Vorrat » durchzuziehen. Umso weniger gehe das, als es der «Tages-Anzeiger» gewesen sei, der mit seinen früheren Gewinnen die finanzielle Basis geschaffen habe, damit die Tamedia expandieren konnte.

FEUERN IM AKKORD. Die Proteste nützten nichts. Am Tag vor Ablauf der Konsultationsfrist briefte die Personalabteilung die Ressortleiter in einer Sitzung, damit das Feuern im Akkord überhaupt wie geplant zu bewältigen war. Sie mussten sämtlichen Mitarbeitern ein Einzelgespräch ankünden. Eine Massnahme, die den Entlassenen eine gewisse Anonymität sicherte und die Angst gleichmässig auf alle verteilte.
Mittwoch, Donnerstag und Freitag stellten die Ressortleiter zusammen mit der Personalabteilung querbeet 52 Menschen auf die Strasse. Familienväter, Sekretärinnen mit 25 Dienstjahren, den Präsidenten der Personalkommission, unbequeme Mitarbeiter. «Wir sind uns der Tragweite dieses Entscheides bewusst», hiess es in den Kündigungsschreiben lapidar. 36 weiteren Mitarbeitern wurden zum Teil happige Pensenreduktionen aufgezwungen. Unterschreiben oder per Ende August aus dem Unternehmen ausscheiden, so die Alternativen.
Abends nach den Entlassungen traf sich die Redaktion jeweils zum Trinken. Einige leerten still Bier um Bier in sich hinein. Andere mussten sich Mut antrinken, um ihre Ehefrauen oder -männer zu informieren. Diejenigen, die ihren Job noch haben, tranken auch und fragten dann typischerweise: «Und? Was hast du jetzt vor?» Keiner wusste eine Antwort.»


Maurice Thiriet ist seit einem Jahr Inlandredaktor beim «Tages- Anzeiger» und arbeitete davor für «20 Minuten» Online.

work, 4.06.2009