Paris, 12. Februar 2008: Konferenz einiger Multis der Maschinenindustrie im Hauptquartier eines «champion nationale», einer Perle der französischen Industrie, die soeben durch den französischen Staat gerettet wurde und nun wieder auf Gewinnkurs ist. Der Gastgeber fragt maliziös, wieso denn ABBCEO Kindle den Hut genommen habe. Ein Topmanager der ABB meint: «Ach?» Und dann: «So, der hat den Hut genommen...» Er meint dies weder fragend noch überrascht. Er weiss von gar nichts.

ABTAUCHEN UND TEE TRINKEN In multinationalen Firmen ergänzt der Kern sich selbst. Ausser dem harten Kern erfährt die Führung die Neuigkeiten aus dem Betrieb deshalb meist von der Konkurrenz oder aus der Presse. Auch beim Abgang von Kindle ist es wie immer: Wenn der oberste Chef geht, passiert zunächst einmal gar nichts. Der Supertanker bleibt auf Kurs. Vorerst. Aber in welche Richtung wird die neue Führung das Ruder bewegen? Die Topmanager trinken erst mal Tee und gehen in Deckung. Vielleicht trifft es sie ja als nächste. Oder man steigt plötzlich auf. Doch auch da gilt: Besser mal abtauchen unters Pult, bis der neue Kurs steht.
Die ABB hat in den letzten Jahren mit Kindle viel Geld verdient. Und sie ist grüner geworden. Der neue Verhaltenskodex, ein Regelwerk zur Korruptionsbekämpfung, hat sein Gutes, vor allem für übermütige Kader. Und es sind viele neue Stellen entstanden. Das Arbeitsklima ist entspannt und produktiv. CEO Kindle war bodenständig mit einem Touch von Basisdemokratie, und er war vor allem vorsichtig, sehr vorsichtig. Diese Tugenden sind ihm nun zum Verhängnis geworden. Er ist nicht mehr der Richtige für eine Situation, die er selber mitgeschaffen hat. Wohin mit dem vielen Geld? In Firmenübernahmen?

SHOPPEN BIS ZUM UMFALLEN Ob sich bei der neuen ABB-Crew die Erinnerung an den Übernahme- Amoklauf des früheren ABB-Chefs Percy Barnevik hält? Der raffgierige Schwede kaufte in den 90er Jahren Firma um Firma ein. Ganz nach dem Motto: «Shop until you drop» (Shopen bis zum Umfallen). Gefallen ist dann nicht nur er, sondern Tausende Angestellte mit ihm. Nur hatten sie im Unterschied zu ihm nicht die Möglichkeit, beim Abgang noch tief in den Pensionsfonds zu langen.
Der ABB-Verwaltungsratspräsident von Grünberg hat beim deutschen Reifenhersteller Continental, wo er ebenfalls am Steuer sass, den Automobilinstrumentenhersteller VDO von Siemens dazugekauft. Das war eine sinnvolle Übernahme, weil sie Continental als Zuliefererin für die Autoindustrie gestärkt hat. Wird er nun so vernünftig bei ABB weitermachen? Oder werden Grossmannssucht und Shareholder-Value-Denken wieder Oberhand gewinnen? So wie zu Percy Barneviks Zeiten? Kurstreibende Finanzoperationen oder gezielter Ausbau der ABB Industriesegmente: das wird der Lackmustest sein. Man kann Herrn von Grünberg nur wünschen, dass er in eine paar Jahren nicht den ehemaligen russischen Premierminister und Gründer des weltgrössten Gaskonzerns Gasprom, Viktor Tschernomyrdin, zitieren muss, der sagte: «Wir wollten es besser machen. Herausgekommen ist es wie immer.»

work, 21.02.2008