Die Politologen Claude Longchamp,
Anton Ladner, Hans Hirter und
neuerdings auch der Politgeograph
Michael Hermann: Alle sind sie seit
der Wahlschlappe der SP in Zürich in
den Medien präsent. Und verkünden
mehrheitlich die gleiche Weisheit:
Die SP müsse nach rechts rutschen.
So weit, so klar. Doch: Wie schaffen
diese Politikwissenschafter eigentlich
ihr Wissen? Ist es Meinungsforschung
oder Wissenschaft? Oder
gar Politik? Spannende Antworten
liefert das kürzlich erschienene Buch
«Konkurrierende Deutungen des
Sozialen»*, das die Berner Soziologieprofessorin
Claudia Honegger unter
anderem zusammen mit dem emeritierten
Lausanner Geschichtsprofessor
Hans-Ulrich Jost herausgab.
Auf starken 400 Seiten zeigen
die Autorinnen und Autoren anhand
einer beeindruckenden Fakten- und
Analysedichte, wie sich Geschichts-,
Sozial- und Wirtschaftswissenschaften
in der Schweiz entwickelt haben.
Und welche Rolle dabei Politik und
Wirtschaft spielten. Pikante Einsicht:
Den bürgerlichen Eliten passte mal
diese und mal jene Wissenschaft besser
ins politische Konzept. Das hatte
Auswirkungen auf die Verteilung der
Fördergelder. Das hatte aber auch
direkte Konsequenzen für die Forschung
selbst: Den «politisch genehmen
» Wissenschaften, die ihren Auftraggebern
jene Dienstleistungen
und jene Legitimation lieferten, die
diese verlangten, kam bei diesem
Kuschelkurs die Forschungsfreiheit
abhanden. So teilweise auch den
Politwissenschaften.
ANGST VOR DEM MARXISMUS
«Der Aufstieg der Politologie beruht
nicht zuletzt auf ihrer politischen
Dienstleistungsfunktion.» Für seine
provokative These, die bei den Politologen
garantiert für rote Ohren sorgen
wird, liefert Historiker Jost eine
fast nahtlose und erst noch süffig zu
lesende Beweisführung durch die
jüngste Vergangenheit von Sozialwissenschaften
und Geschichte. Jost verwebt
dabei Geschichten, politische
Wegmarken und ein Who is who zu
einem Polit- und Sittenteppich.
Das Bedürfnis der Politologen,
sich an Politik und Verwaltung anzulehnen,
existierte schon 1959 bei der
Gründung der Schweizerischen Vereinigung
für Politische Wissenschaft.
Unklarheit herrschte hingegen in Bezug
auf die wissenschaftliche Definition
der Disziplin. Dieser Kuschelkurs
war in der Schweiz während des
Kalten Krieges bitter nötig. Denn wie
die Soziologie, so stand auch die Politologie
bei den Bürgerlichen im Verdacht,
marxistisches Gedankengut
zu verbreiten. Die Rede war sogar von
«unschweizerischem Fremdkörper».
Als der erste Berner Professor für
Politikwissenschaften, Erich Gruner,
alles andere als ein Marxist, 1959
beim Bundesarchiv ein Gesuch um
Einsicht in die Generalstreikakten
stellte, wurde dieses abgelehnt. Begründung:
Eine Studie zu diesem
Thema könnte eine neue Klassenkampfatmosphäre
schaffen und
müsse aus staatspolitischen Gründen
unterbleiben.
Staatspolitisch erwünscht wurden
im Lauf der 70er Jahre hingegen
Wahl- und Abstimmungsprognosen.
In einem Testlauf liess FDP-Bundesrat
Georges-André Chevallaz 1976 deshalb
prüfen, welche Chancen seine
Finanzreform an der Urne haben
würde. Damit war der Grundstein für
die Vox-Analysen gelegt.
WER ZAHLT, BEFIEHLT
1977 wurde die Vox offiziell und mit
Unterstützung der Wirtschaftsförderung
aus der Taufe gehoben – das
führte prompt zu Konflikten. Zum
Beispiel bei der Abstimmung über
das Atomgesetz: Für die Durchführung
einer Untersuchung stellte
die Elektrizitätswirtschaft eine grössere
Geldsumme bereit. Der Präsident
der Gesellschaft für Sozialforschung,
so Historiker Jost, revanchierte
sich dafür mit der Streichung
gewisser Fragen, um nicht mit den
Auftraggebern in Konflikt zu geraten.
Trotz solchen Reibereien: Im
Windschatten der Vox konnte die
Politologie in der Schweiz endlich an
Boden gewinnen. 1970 gab es nur 8
Politologie-Lehrstühle an den Unis.
1990 waren es schon deren 23. Plötzlich
konnte die Politik die Politologie
gebrauchen. So waren statistisch und
politologisch abgestützte Studien
laut Jost sehr wichtig für die «wissenschaftliche
» Orchestrierung des
Rechtsrutsches.
Etwa die im Herbst 1980 publizierte
Studie zur Lage der Pensionierten:
Aus dem Bericht liess sich herauslesen,
dass ihr Durchschnittseinkommen
nur wesentlich unter
jenem der Gesamtbevölkerung liege.
Das traditionelle Bild der Alten als
Bedürftigen, seit dem Kampf um die
AHV dominierend, war damit vom
Tisch. Ebenso die Forderung nach
einer Erhöhung der Mindestrenten.
Unter politischen Druck kamen
die Politikwissenschaften auch
wegen des immer stärker werdenden
Einflusses neoliberaler Ökonomen
auf die Wissenschaftswelt. Unter der
Ägide des Basler Nationalökonomen
Silvio Borner lancierte die Gesellschaft
für Statistik und Volkswirtschaft
1978 das Thema «Effizienz im
öffentlichen Sektor», Stichwort «New
Public Management». Borner bezeichnete
die Schweiz als «Sanierungsfall
». Damit war der neoliberale
Kampf gegen das seit dem 19. Jahrhundert
dominierende Konzept des
Wohlfahrtsstaates eröffnet. Der
Siegeszug des Marktdenkens und die
ihn begleitenden Sparprogramme
hinterliessen ihre Spuren auch an
den Universitäten.
Arbeiten zu New Public Management
waren laut Jost auch bei den
Politologen ein Lieblingsthema. Und
regelmässig ist eine der Zielscheiben
der Kritik der moderne Sozialstaat.
Historiker Jost: «Diese Arbeiten zeichnen
sich oft durch einen platten
Funktionalismus aus, der möglicherweise
dem Geist der Klientel entspricht,
aber wissenschaftlich doch
nicht ganz zu befriedigen mag.» Und
was rät Politologe Ladner der SP ausser
einem Rechtsrutsch noch? Die
Debatte um das New Public Management
neu aufzunehmen.
Claudia Honegger, Hans-Ulrich Jost,
Susanne Burren, Pascal Jurt:
Konkurrierende Deutungen des Sozialen –
Geschichts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften
im Spannungsfeld von
Politik und Wissenschaft. Chronos-Verlag,
2007, 416 Seiten, Fr. 48.–.
work, 10.05.2007


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