Treffen will er sich mit uns am alten Busbahnhof von Tel Aviv. Just dort, wo ein Selbstmordattentäter sich und weitere elf Menschen im vergangenen April in den Tod gesprengt hatte. «Sehen sie», sagt Nikolai – der auch Dimitri heissen könnte – und zeigt nicht auf das zerbombte Restaurant, sondern auf ein Hochhaus, «dort habe ich die Glasfassade mit hochgezogen.» Nikolai kam vor eineinhalb Jahren nach Israel. Der 49-jährige Moldawier ist ein Bauarbeiter, wie Zehntausende andere in Israel – «ihr nennt uns doch Gastarbeiter», sagt er lächelnd zum Schweizer Journalisten. Nicht, dass er vom Fach wäre: Nikolai ist Ökonom mit abgeschlossenem Hochschulstudium. Seine Frau ist praktizierende Ärztin. Eine Tochter hat ihr Hochschulstudium eben abgeschlossen, die zweite möchte wie ihr Vater Wirtschaft studieren. «Ich muss ihre Ausbildung finanzieren, das ist meine Aufgabe als Vater meiner Töchter Tatjana und Svetlana.» Immer wieder wiederholt Nikolai die Namen seiner Töchter, als ob er sich selber Mut zuzusprechen versuche. Mut und einen starken Rücken muss haben, wer für umgerechnet 4.80 Franken Stundenlohn, dem Mindestsalär für Bauarbeiter, auf Israels Baustellen Schwerstarbeit verrichtet. «Ich habe halt etwas mehr arbeiten müssen», meint Nikolai. Müde sieht er aus, wenn er erzählt, wie er monatelang 270 Stunden arbeitete, 68 Stunden pro Woche. Noch in Moldawien musste Nikolai einem Agenten 4000 Dollar bezahlen, der ihm Visum und Flugticket besorgte. «Ob diese Form der Arbeitsvermittlung legal oder illegal ist, weiss ich nicht», sagt er. Ihn und die meisten der 234000 ausländischen Arbeiterinnen und Arbeiter in Israel kümmert’s kaum. Und ihn, den Moldawier, kontrolliert die Polizei kaum: «Ich habe eine weisse Haut, das macht weniger Probleme», sagt Nikolai.

POLITISCHES DRUCKMITTEL Sie sind ins verheissene Land gekommen auf der Suche nach einem Einkommen, mit dem sie ihre Familien in der fernen Heimat ernähren können. Geholt hat sie Israel als billige Arbeitskräfte, just als die Wirtschaft ins Stocken geriet. Während des Golfkriegs 1991 und der ersten palästinensischen Intifada (1987–1993) herrschte plötzlich akuter Mangel an Arbeitskräften auf dem Bau und in der Landwirtschaft. Denn den Palästinensern wurde die Einreise aus den besetzten Gebieten nach Israel verwehrt. Die Politiker holten in der Folge unkontrolliert Arbeitsmigranten ins Land. Bis ins Jahr 2001 ist ihre Zahl auf 300 000 gestiegen, 12,5 Prozent der gesamten Arbeiterschaft. Das entspricht mehr als dem doppelten durchschnittlichen Anteil im industrialisierten Westen. Die Arbeitsmigranten wurden so auch zum politischen Druckmittel gegen die dringend auf ihre Arbeit in Israel angewiesenen Palästinenser. Die Bilder seiner beiden Töchter hat Nikolai immer dabei, Trost- und Schmerzspender. Tränen fliessen, zu sehr erschüttert den moldawischen Hünen die Tatsache, dass er im Moment nicht für die Ausbildung seiner Töchter sorgen kann. Denn vor zwei Monaten wurde er von seinem israelischen Bauunternehmer von einem Tag auf den andern auf die Strasse gestellt – Auftragsflaute. Seither lebt Nikolai in einem Treppenaufgang, in einem Abbruchhaus irgendwo im Süden Tel Avivs, schläft unter einer Treppe auf einer Pritsche, die ihm ein rumänischer Gastarbeiter zur Verfügung gestellt hat. Nikolai wurde zum Illegalen, mit dem Verlust des Arbeitsplatzes besitzt er kein gültiges Arbeitsvisum mehr. Die meisten Arbeiter geraten nicht aus eigener Schuld in die Illegalität. In Israel war das Arbeitsvisum bis vor kurzem an den Arbeitgeber gekoppelt. Wer diesen wechselt, verliert automatisch das Anrecht auf sein Visum und wird zum illegalen Aufenthalter: Fünf chinesische Arbeiter waren über ein Jahr bei einem Bauunternehmen beschäftigt. Ihr Arbeitgeber verlängerte ihre Arbeitsbewilligungen nicht, um Steuern zu sparen, und bezahlte keinen Lohn mehr. Als die Chinesen protestierten, tauchte kurze Zeit später die Immigrationsbehörde auf und verhaftete die Arbeiter. M. G., eine Filipina, verliess ihre Stelle als Pflegerin eines älteren Mannes, nachdem sie nebst der Pflegearbeit auch noch das Haus von dessen Sohn hatte putzen müssen. Wissend, dass M. G. damit kein gültiges Visum mehr besass, überliess ihr die Hausherrin an der neuen Arbeitsstelle lediglich Essensreste. Ihre Wäsche durfte die Filipina nicht im Haus waschen. Als sie sich schlecht fühlte und zum Arzt wollte, verweigerte ihre Arbeitgeberin dies und informierte die Polizei. M. G. wurde verhaftet, das Verhalten der Hausherrin hatte keine Konsequenzen.

ZUM BEISPIEL ELVIRA Am 30.März dieses Jahres hielt Israels oberstes Gericht in einem letztinstanzlichen Grundsatzentscheid fest, dass die gesetzlich festgeschriebene Bindung des Arbeitsvisums an den Arbeitgeber aufgehoben werden müsse. «Es gibt keine andere Möglichkeit als die sehr unangenehme und schmerzliche Schlussfolgerung, dass die Bindungsklausel eine moderne Form der Sklaverei geschaffen hat», hält das oberste Gericht in seiner Urteilsbegründung fest. Harte Richterworte, die sich freilich vielerorts bestätigen lassen. Israel wird von mies bezahlten Ausländern gebaut. Seit dem Ausbruch des palästinensischen Aufstands, der Intifada, arbeiten kaum mehr Palästinenser auf Israels Baustellen. Chinesen (siehe nebenan), Türken, Rumänen und Arbeiter aus anderen osteuropäischen Ländern ersetzen sie. Filipinas sind vor allem in betreuungs- und pflegebedürftigen israelischen Familien engagiert – oder hoffen zumindest darauf. Zum Beispiel Elvira. Die damals 28-jährige Filipina wurde 1990 von ihrem Agenten zu einem pflegebedürftigen Mann mit einem schulpflichtigen Jungen in Tel Aviv geschickt. Rasch fühlte sich die junge Filipina überfordert mit der hygienischen Betreuung des Mannes, vor allem Waschen und Duschen wurde zum Spiessrutenlauf für sie. Zudem wünschte der pflegebedürftige Hausherr, dass Elvira sich auch um die Hausaufgaben seines Sohnes kümmere. Statt einer Haushaltshilfe fand sie sich ungewollt in der Rolle einer billigen Ersatzfrau und -mutter wieder. Nach sechs Monaten ohne freien Arbeitstag und mit einem Monatssalär von umgerechnet 700 Franken hielt sie die Anzüglichkeiten nicht mehr aus. Sie verliess ihren Job – seither lebt sie illegal in Israel. Seit 15 Jahren in der Illegalität; ein krasser, aber kein Ausnahmefall. Jährlich legt die Immigrationsbehörde Ausschaffungsquoten fest. So sollten im Jahr 2004 nicht weniger als 100000 Immigranten ausgeschafft werden, 2005 immer noch 70000. Im laufenden Jahr sollen es 25000 Ausschaffungen werden. Diese Quoten werden zwar nie erreicht: 2004 wurden je nach Quelle bis zu 21000, 2005 noch 6500 Arbeiter ausgeschafft. Die Angst, gefasst zu werden, geht aber dennoch um bei den ausländischen Arbeitern. Die Betroffenen haben längst ein ausgeklügeltes «Ihr kriegt mich nicht»-System entwickelt, um im Katz-und-Maus-Spiel mit der Immigrationspolizei zu überleben. Heute ist Elvira 45 Jahre alt. Sie und Emanuel (44) können ihre 8- und 6-jährigen Jungen Joseph und Joeel nicht bei einer Krankenkasse versichern. Dazu reicht das Geld nicht. Von den durchschnittlich 750 Franken, die die beiden mit Gelegenheitsjobs verdienen, gehen 380 Franken für die Miete ihrer Eineinhalbzimmerwohnung drauf. Manchmal, wenn’s ganz knapp wird, vermieten sie ein Bett an andere ausländische Arbeiter – eines der Betten ihrer Kinder.

VON WOHNUNG ZU WOHNUNG Elvira und Emanuel wussten genau, dass sie sofort ausgeschafft würden, sollten sie erwischt werden – ob mit legalem oder illegalem Status. Denn wer als Arbeitsmigrantin oder -migrant einen ausländischen Partner heiratet, dessen Arbeitsbewilligung wird nicht erneuert. Auch ausländische Arbeiterinnen mit gültigen Papieren, die in Israel ein Kind zur Welt bringen, müssen das Land innert dreier Monate nach der Geburt verlassen. Diese Regelung gilt auch, wenn der Arbeitgeber die Migrantin weiterbeschäftigen möchte. Also zogen Elvira und Emanuel von Wohnung zu Wohnung, bis die Kinder drei und vier Jahre alt waren, aus Furcht, von der Polizei gefasst zu werden. Vor einem Jahr wurde Emanuel dennoch verhaftet. Da er die momentane Bleibe nie mit seinem Pass verlässt, konnte er nicht sofort ausgeschafft werden. Als er den Beamten dann auch Nach sechs Monaten ohne freien Arbeitstag und mit einem Monatssalär von 700 Franken verliess M.G. ihren Job. Seit Nikolai von seinem Arbeitgeber wegen Flaute entlassen wurde, schläft er unter einer Treppe auf der Pritsche. noch von seinen zwei minderjährigen Kindern erzählte, setzten sie ihm eine Ausreisefrist von zwei Wochen. Emanuel hielt sich an die Frist: Zwei Wochen nach seiner Verhaftung präsentierte er sich bei der Immigrationspolizei, zusammen mit seinen Kindern, worauf ihn die Beamten einstweilen verschonten. Mittlerweile geht Emanuel meist nur noch mit einem seiner Söhne zur Arbeit, «dann lassen sie dich in Ruhe». Sie, das sind Polizisten der Immigrationsbehörde.


André Marty arbeitet und lebt als freier Journalist in Tel Aviv.

work, 15.06.2006