Die Ausgangslage der Lohnrunde hat sich seit dem Sommer geändert: zugunsten der Arbeitnehmenden. Noch klemmen viele Arbeitgeber. Von Clemens Studer | Foto: KEYSTONE

Bereits vor den Sommerferien eröffneten die Gewerkschaften die Lohnrunde 2017. Die dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund angeschlossenen Verbände verlangten Lohnerhöhungen von 1,5 bis 2 Prozent. Das tun sie immer noch – mit noch besseren Argumenten. Denn in den vergangenen Monaten hat sich die wirtschaftliche Lage deutlich verbessert. Zwei Beispiele:
- Wechselkurs: Der Franken ist zwar immer noch klar überbewertet, aber nicht mehr so übertrieben wie im Frühsommer. Damit hat sich die Margensituation verbessert. Wer seine Produkte in Euro oder Dollar verkauft, verdient umgerechnet in Franken mehr.
- Weltkonjunktur: Die Konjunktur in den Absatzländern läuft besser als noch vor einem halben Jahr. Entsprechend voll sind die Auftragsbücher vieler Industrieunternehmen, und auch die Logiernächte ausländischer Gäste im Tourismus steigen.



PLUS 1,5 PROZENT: Bei Givaudan ist der Lohnabschluss unter Dach.

«SPÜRBAR»
SGB-Chef Paul Rechsteiner sagt: «Die wirtschaftliche Erholung ist weitherum spürbar.» Und : «Deshalb braucht es nun auch spürbare Lohnerhöhungen für Arbeitnehmende mit unteren und mittleren Einkommen.» Denn bis jetzt haben vor allem die Kapitalbesitzenden profitiert: Der Aktienindex SMI ist dieses Jahr um rund 16 Prozent gestiegen, und im vergangenen Jahr hat das Vermögen der 300 Reichsten im Land um 60 Milliarden Franken zugenommen (siehe Box). Dazu Unia-Chefin Vania Alleva: «Jene, die durch ihre tägliche harte Arbeit den Aufschwung erst möglich gemacht haben, dürfen nicht leer ausgehen.» Denn diese Gefahr besteht tatsächlich. Drei Ursachen:
- Teuerung: Der Gewerkschaftsbund rechnet laut seinem Chefökonomen Daniel Lampart für nächstes Jahr mit einer Teuerung von 0,5 bis 1 Prozent.
- Krankenkassenprämien: Sie steigen auf nächstes Jahr im Durchschnitt um 4 Prozent. Für viele Versicherte sogar bis zu 6,4 Prozent.
- Pensionskassenbeiträge: Die Abzüge für das BVG steigen, weil die Pensionskassen ihre Versprechungen nicht mehr einhalten können. Allein diese drei Faktoren führen dazu, dass ohne substantielle Lohnerhöhungen die Arbeitnehmenden weniger im Portemonnaie haben. Vania Alleva: «Diese Entwicklung lässt viele Mütter und Väter ob ihrem Familienbudget verzweifeln. Sie haben immer weniger im Sack bei immer höheren Kosten. Diese Rechnung kann nicht aufgehen.»

ERSTE ABSCHLÜSSE
In den letzten Jahren haben sich die Lohnabschlüsse zunehmend vom Herbst in den Winter oder gar Frühling verschoben. Etliche Abschlüsse sind zwar bereits zustande gekommen, viele fehlen aber noch (etwa Metall- und Maschinenindustrie). Abgeschlossen sind zum Beispiel:
- Decken-/Innenausbausysteme: 50 bis 100 Franken höhere Mindestlöhne;
- Holzbau: 1 Prozent höhere Mindestlöhne;
- Gebäudetechnik: 0,6% generell, 0,4% individuell (noch nicht unterzeichnet);
- Metallbau: 0,6% generell, plafoniert bei 6500 Franken, 0,4% individuell (noch nicht unterzeichnet);
- Coop: Erhöhung der Lohnsumme um 1 Prozent, besserer Vaterschafts und Mutterschaftsurlaub;
- Coiffeurgewerbe: bis zu 200 Franken höhere Mindestlöhne für Gelernte, bis zu 480 Franken für Angelernte. Ausserdem profitieren ab nächstem Jahr auch Ungelernte vom GAV und sind damit durch Mindestlöhne geschützt;
- Feldschlösschen: plus 1,2 Prozent;
- Lindt & Sprüngli: plus 1 Prozent;
- Uhrenindustrie: plus 0,5 Prozent;
- Givaudan: plus 1,5 Prozent.
«Geradezu schäbig», so Paul Rechsteiner, benehmen sich die Baumeister. Dem heissen Lohnherbst folgt ein heisser Lohnwinter. Nicht nur auf dem Bau.

WEITERLESEN
Die Einschätzungen von Unia-Chefin Vania Alleva:
rebrand.ly/alleva

Die Analyse von SGB-Chefökonom Daniel Lampart:
rebrand.ly/lampart

Die Ausführungen von SGB-Präsident Paul Rechsteiner:
rebrand.ly/rechsteiner

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Die Reichsten:
Das Kapital zockt ab

60 Milliarden reicher sind die reichsten 300 Menschen in der Schweiz im vergangenen Jahr geworden, wie die Recherchen des Wirtschaftsmagazins «Bilanz» zeigen. Während Lohnabhängige unter steigenden Krankenkassenprämien, höheren Pensionskassenabzügen und stagnierenden Löhnen ächzen, steigern die Kapitalbesitzenden ihre Profite immer schamloser.

138 MILLIARDÄRE. Total besitzen die 300 Reichsten in der Schweiz 674 Milliarden Franken. Das ist mehr, als die Hälfte aller Menschen weltweit besitzt (409 Milliarden USDollar). 138 Milliardäre leben in der Schweiz – weltweit sind es 2046. Das heisst: jeder 15. Milliardär lebt in der Schweiz. Die Liste der Obszönität:
rebrand.ly/reichste

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Bauarbeiter wollen endlich Zahltag
Was im Baunebengewerbe geht, geht auch im Bauhauptgewerbe

Die Baumeister bocken, doch die Bauleute lassen nicht locker: «Wir wollen endlich Zahltag!» Von Ralph Hug | Foto: UNIA

Im November verliessen die Baumeister nach drei ergebnislosen Runden den Verhandlungstisch. Sie sperren sich hartnäckig gegen eine Lohnerhöhung. Dabei brummt’s im Bauhauptgewerbe wie nie, und die Aussichten sind rosig. Im Hochbau erarbeitet jeder Bauarbeiter 9000 Franken Gewinn pro Jahr.
Die Arroganz der Baumeister kommt bei den Unia-Bauleuten nicht gut an. An der letzten Berufskonferenz in Bern bekräftigten die 160 Kollegen einmütig: «Wir wollen endlich Zahltag!» Die Forderung lautet 150 Franken mehr Lohn pro Monat für die beiden nächsten Jahre. Die Bauleute machten ihren Ärger über die renitenten Chefs gut sichtbar: Sie deponierten alte Schaufeln und Pickel am Sitz des Baumeisterverbands (SBV). Und an der Fassade prangte plötzlich eine grosse Unia- Fahne. So rot war der SBV noch nie.



PROTEST: Bauleute deponieren alte Werkzeuge am Sitz des Baumeisterverbandes.

MICKRIG. Seit drei Jahren gab es auf dem Bau keine Lohnerhöhung mehr. Schon fast zynisch wirkt die Begründung des SBV: Wegen der «unsicheren Marktaussichten» und der «ständig abnehmenden Margen» bestehe kein weiterer Spielraum für Lohnerhöhungen. Die Chefs hatten zuvor mit einer Erhöhung der Mindestlöhne um 0,3 Prozent ein inakzeptabel mickriges Angebot gemacht.
Unia-Chefin Vania Alleva hält dagegen: «Alle Mitarbeitenden müssen am Aufschwung finanziell teilhaben!» Was im Baunebengewerbe geht, muss auch im Bauhauptgewerbe gehen: Dort gibt es zum Beispiel für die Holzbauer und die Gebäudetechniker 1 Prozent und für die Innenausbauer 50 bis 100 Franken mehr Lohn.
Die Unia verlangt, dass die Baumeister an den Verhandlungstisch zurückkehren und ihre Verweigerungshaltung endlich aufgeben. Serge Gnos, Co-Leiter Sektor Bau bei der Unia, sagt: «Ohne Lohnerhöhung gibt es keinen neuen Landesmantelvertrag.» Der geltende Vertrag läuft Ende 2018 aus.

work, 30.11.2017