Teuflischer Druck, klamme Finger und unanständige Löhne: So musste Maria B.* in St. Gallen Zalando-Retouren bearbeiten. Von Christian Egg Foto: KEYSTONE

Die Zalando-Pakete kommen aus Deutschland. Doch der Onlineriese beschäftigt auch Arbeiterinnen in der Schweiz. In St. Gallen liess er die Firma MS Direct jene Kleider reinigen und sortieren, die die Schweizer Kundschaft zurückschickt. Maria B. arbeitete ein Jahr dort und erinnert sich:
Es war eine Lagerhalle mit Betonboden, wir mussten die ganze Zeit stehen. Und wir froren. Im Winter gab es Durchzug, weil die Tore für die Lastwagen immer offen stehen mussten. Wir hatten zwar vier Heizlüfter, aber in Betrieb waren immer nur zwei. Wir arbeiteten alle mit Winterschuhen und Handschuhen. Einmal reklamierten wir wegen der Kälte bei den Chefs, wir sagten, wir würden die ganze Zeit frieren, aber das interessierte die nicht.



ZALANDO: Der zweitgrösste Onlinehändler im Land nach Digitec.

GAS GEBEN! Mit einem Kleiderroller mussten wir alle Artikel reinigen, um Haare und Staub zu entfernen. Dann die Kleider korrekt zusammenfalten und in Säcke verpacken. 45 Kleidungsstücke pro Stunde war die Vorgabe. Das macht 80 Sekunden pro Stück. Das Computersystem misst laufend, wer wie schnell ist. Alle zwei Stunden kam die Schichtleiterin zu mir und sagte: ‹Dein Durchschnitt ist unter 45 pro Stunde, du musst mehr Gas geben!› Wenn ich auf die Toilette musste, fiel mein Schnitt noch tiefer. Da fing ich an, während der Arbeit weniger zu trinken, damit ich nicht mehr so oft aufs WC muss. Manchmal gab es eine Kontrolle von Zalando. Unser Chef sagte dann jeweils: ‹Morgen arbeitet ihr langsam und genau.› Kaum waren die Kontrolleure weg, hiess es wieder: ‹So, Gas geben, hopp!›

AUF ABRUF. Am Anfang war mein Stundenlohn 16 Franken 50, später 17 Franken. Brutto. Macht pro Monat nicht einmal 2900 Franken. Und auch das nur theoretisch. Immer wieder hiess es: ‹Wir haben zu wenig Arbeit, du musst morgen und übermorgen nicht kommen.› Wir waren wie auf dem Schleudersitz: Gibt es morgen Arbeit oder nicht? Manchmal betrug mein Monatslohn nur 2000 Franken.
Wir waren etwa 120 Angestellte in zwei Schichten, vor allem ausländische Frauen. Ausser den Chefs waren alle im Stundenlohn angestellt. Und alle, soviel ich weiss, nur mit auf drei Monate befristeten Verträgen, die sie dann wieder verlängerten. Oder eben auch nicht. Dann stand man auf der Strasse.»

Name der Redaktion bekannt.*

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Zalando Umsatz fett, Infos mager

Zalando operiert in 15 europäischen Ländern. Jeden siebten Franken erwirtschaftet der Modegigant in der Schweiz: Von umgerechnet 3,9 Milliarden Franken Umsatz im letzten Jahr erzielte er 534 Millionen in der Schweiz. Damit ist Zalando der zweitgrösste Onlinehändler im Land nach Digitec.

KEINE AUSKUNFT. In mehreren Zentren in der Schweiz lässt Zalando Rücksendungen verarbeiten. Angestellt sind die Beschäftigten aber bei Subunternehmen wie MS Direct. Auf Fragen von work reagiert Zalando zugeknöpft: Wo die Modekette in der Schweiz arbeiten lässt oder wie viele Mitarbeitende sie hat, gibt sie nicht bekannt. Klar ist: der Betrieb, in dem Maria B. angestellt war, zügelte kürzlich von St. Gallen nach Arbon TG. Die Unia weiss von zwei weiteren Standorten in Frauenfeld und Rothrist AG.

«EINSTIEGSLOHN». Die MS Direct schreibt, der Stundenlohn von 17 Franken sei «als Einstiegslohn zu verstehen». Zusammen mit Ferien- und Feiertagszuschlägen kämen die Mitarbeitenden auf einen Brutto- Monatslohn von «gegen 3400 Franken ». Im neuen Standort Arbon hätten zudem alle Beschäftigten einen unbefristeten Arbeitsvertrag. (che)

work, 30.11.2017