Nicht Lenin brachte die Oktoberrevolution ins Rollen, sondern die Arbeiterinnen in Petrograd. Von Ralph Hug | Foto: Foto: Ullstein Bild - Heritage Images / Fine Art Images

Das gängige Bild der Oktoberrevolution sieht so aus: Massen von roten Garden stürmen mit Gewehren den Winterpalast des Zaren in Petrograd (heute St. Petersburg). Es stammt aus Nachinszenierungen, etwa aus Sergei Eisensteins berühmtem Filmepos «Oktober ». Doch so war es nicht. In Tat und Wahrheit gab es gar keinen Sturm an jenem 7. November 1917 (nach dem russischen Kalender der 25. Oktober). Der Umsturz ging fast kampflos über die Bühne.

GENIE DES AUGENBLICKS
Denn die Revolution war schon da: Krieg, Hunger und Chaos hatten das reaktionäre Zarenregime bis auf die Knochen diskreditiert. Nur ein Funke war noch nötig, um den Umsturz einzuleiten. Diesen letzten Funken lieferten die Arbeiterinnen von Petrograd im Februar 1917. Sie streikten, forderten Lebensmittel – und bald auch das Frauenstimmrecht. Da kam alles ins Rutschen. Arbeiter und Soldaten gingen auf die Strasse, Matrosen meuterten. Wenig später musste Zar Nikolaus II. abdanken. Die Februarrevolution hatte gesiegt.
Nicht «grosse» Männer standen am Anfang der russischen Revolution, sondern die «kleinen» Frauen. Die ersten Räte (Sowjets) kamen dank den Petrograder Büezerinnen an die Macht. Der spätere Revolutionsführer Lenin befand sich in jenen Tagen noch im Exil in Zürich. Bald aber kam sein unheimliches Gespür für Strategie und Taktik zur Geltung. Lenin kehrte im plombierten Eisenbahnwagen zurück. Im Gegensatz zu anderen linken Gruppen sah er den Zeitpunkt für die Machtergreifung gekommen: «Die Regierung wankt. Man muss ihr den Rest geben, koste es, was es wolle!» Vehement trieb er seine Getreuen zum Putsch.
Noch waren seine Bolschewiki eine Partei unter vielen. Lenin musste sich zeitweise tarnen. Er hatte falsche Papiere und trug Perücke. Mal verkleidete er sich als finnischer Eisenbahner, mal als lutherischer Pfarrer mit Brille. Während sich die Komitees stritten, arbeitete der schlaue Fuchs zielstrebig auf den Staatsstreich hin. Am 25. Oktober war dieser dann Tatsache. Historiker Manfred Hildermeier nennt Lenin das «Genie des Augenblicks».



STARKE STIMME: Die Emanzipation der Frauen war eine zentrale Forderung der Bolschewiken. (Werbeplakat von Alexander Rodtschenko für den russischen Staatsverlag Lengis, 1925)

IDEOLOGISCHER STREIT
Plötzlich war der Kommunismus an der Macht. Und erst noch in einem Riesenreich. Ein Schock fürs Bürgertum in ganz Europa. Denn bürgerlich-kapitalistische Macht herrschte bis dato unangefochten. Jetzt nicht mehr. Fünf Jahre später kam in Moskau Stalin ans Ruder. Und mit ihm ein Terrorsystem mit Schauprozessen, Gulags und Millionen von Opfern. Daran sei Lenin schuld: Er habe zuerst den sozialen Terror entfacht. Dies war und ist die Überzeugung aller Antikommunisten. Das Bild vom Dämon Lenin ist noch heute weit verbreitet. Laut NZZ hat der Bolschewiken-Chef das «Tor zur Hölle» aufgestossen.
Aufgeschlossene Historiker können diesem ideologischen Streit über die Logik des Terrors nichts mehr abgewinnen. Hans Ulrich Jost aus Lausanne meint: «Das ist Interpretationssache und auch unfruchtbar.» Denn wichtig ist, dass die russische Revolution trotz Putsch der Bolschewiki eine richtige Revolution war. Nämlich eine von unten. Das betont Eric Hobsbawm, Autor des grossen Werks «Das Zeitalter der Extreme». Marxist Hobsbawm (1917–2012) schreibt: «Russland war reif für eine Revolution.» Das Volk wollte Frieden und Brot, die Bauern wollten eigenes Land besitzen und den verhassten Adel los werden, der sie unterdrückte. Und alle zusammen hatten sie genug vom Schlachthaus Weltkrieg. Lenin verwandelte den anarchischen Volksaufstand in bolschewistische Macht. Das sei seine aussergewöhnliche Leistung gewesen, sagt Hobsbawm. Niemand sonst sei dazu imstande gewesen.

TUMULT
Die Weltrevolution, die Lenin unbescheiden verkündete, fiel allerdings ins Wasser. Aber durch Europa lief ein Beben. 1918 zerfiel die Habsburger Monarchie, durch Ost- und Mitteleuropa schwappte eine Woge von politischen Massenstreiks. In Deutschland rief die revolutionäre Linke Räterepubliken aus. Rechte Freikorps schlugen sie bald mit Gewalt nieder. In Bern zitterte der Bundesrat, obwohl für einen revolutionären Aufstand die Voraussetzungen fehlten. Jedoch gab es in Zürich einen blutigen Tumult. Am 15. November 1917 wollten junge Linke den Sieg der Oktoberrevolution feiern. Und der radikale Pazifist Max Daetwyler rief auf dem Helvetiaplatz zur Besetzung von zwei Fabriken auf, die Munitionsteile ans kriegführende Deutschland lieferten. Die Polizei griff ein. Vier Tote und vierzig Verletzte blieben zurück.
Die erste sozialistische Revolution fand in Russland statt, im rückständigsten Land Europas. Und nicht, wie Marx es gefordert hatte, in einem fortgeschrittenen Industriestaat wie Deutschland. Lenin erkannte dies und formulierte es in seinen «April-Thesen ». Damit verstörte er die eigenen Genossen. Aber er hatte eben recht. Die russische Revolution begründete ein Zeitalter der Umstürze auf der ganzen Welt – in Mexiko, China, Kuba, Iran, Ägypten, Portugal usw. Paradoxerweise rettete Lenins Revolution auch noch den Kapitalismus, den sie abschaffen wollte. Indem sie nämlich dem Westen ermöglichte, den Zweiten Weltkrieg gegen Hitlers Faschismus zu gewinnen. Hobsbawm sagt: «Sie gab dem Kapitalismus den Anstoss, sich selber zur reformieren.» Und so lebt der Kapitalismus immer noch.

DENKNETZ-TAGUNG: RUSSISCHE REVOLUTION
Das linke Denknetz veranstaltet eine Tagung zum 100. Jahrestag der russischen Revolution. Unter dem Titel Demokratie & Sozialismus beleuchtet sie die historischen Ereignisse und stellt in Podien und Workshops die Frage nach der Aktualität. Mit Boris Kagarlitzky, Bini Adamczak, Helmut Dahmer, Christoph Jünke, Renate Hürtgen, Gisela Notz, Bernhard Degen, Adrian Zimmermann, Urs Marti, Tamara Funiciello, Balthasar Glättli, Jo Lang. Freitag, 10., und Samstag, 11. November, Hotel Bern. Programm: www.denknetz.ch.

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Die Frau, die Lenin spielt: Ursina Lardi

Im Stück «Lenin» tritt die Schweizer Schauspielerin Ursina Lardi (46) als russischer Revolutionär auf. Wie macht sie das? Von Sabine Reber | Foto: KEYSTONE

work: Was ist das Schwierigste an der Lenin-Rolle?
Ursina Lardi: Für die einen ist Lenin ein Idol, für die anderen ein Massenmörder. Zwischen diesen beiden Extremen spannt sich die Figur auf. Viele haben eine Meinung zu Lenin, wenige ein fundiertes Wissen. Es ist also klar, dass ich, wenn ich Lenin spiele, mir wenige Freunde machen kann. Beide Lager sind entrüstet, fast alle wissen es besser. Das muss man dann aushalten und trotzdem versuchen, einen differenzierten Blick auf die Figur zu bekommen und diesen dann auf die Bühne zu bringen.

Als Frau eine solche Figur zu spielen, wie ist das?
Dass ich als Frau Lenin spiele, war kein Problem, sondern die Lösung. Es ist in diesem Fall sehr wichtig, dass die Entfernung des Schauspielers oder eben der Schauspielerin zur Figur gross ist. Es macht von Anfang an klar, dass es hier um eine Annäherung geht, um ein Nachdenken über Lenin und nicht darum, sich zu identifizieren, also auf irgendeine Weise den «wahren Lenin» darstellen zu wollen.



«KEIN PROBLEM, SONDERN DIE LÖSUNG»: Ursina Lardi spielt Lenin.

Wie sind Sie vorgegangen, als Sie sich in die Rolle Lenins hineingearbeitet haben?
Ich habe natürlich sehr viel gelesen, sowohl Texte über Lenin als auch von Lenin. Das ist sehr interessant, hilft aber auf der Bühne nicht wirklich weiter. Da geht es darum, konkret in den Situationen zu agieren, die das Stück bietet, und darauf zu bauen, dass dann die Figur entsteht. Ich habe mich aber nicht nur mit Lenin auseinandergesetzt, es ist auch unabhängig davon eine Studie über den Verfall und das Sterben eines Menschen. Da habe ich während der Proben versucht, so weit wie möglich zu gehen.

Was bedeutet Ihnen persönlich Lenin? Was die russische Revolution?
Für mich hat die Beschäftigung mit Lenin und der russischen Revolution viele Fragen aufgeworfen und wenige Antworten geliefert. «So wie es ist, kann es nicht bleiben», sagte Lenin. Ein damals wie heute sehr wahrer Satz. Er meinte damit ja nicht nur Russland, sondern die ganze Welt. Es ging um die Weltrevolution, nicht nur um die «Revolution in einem Land». Daraus wurde nichts. Die russische Revolution begann inmitten des Blutbades des Ersten Weltkriegs und endete im Blutbad des grossen stalinistischen Terrors, in Erstarrung und in Isolation. Ganze Heerscharen von Historikern haben die Gründe dieses Scheiterns analysiert. Wird es den kommenden Generationen gelingen, eine gerechtere, bessere Welt zu schaffen? Da möchte ich gerne Milo Rau, den Regisseur des Stückes, zitieren: «Ich mache mir keine Illusionen, aber Hoffnung schon.»

Milo Rau & Ensemble: Lenin, Schaubühne Berlin, Aufführungen bis 10. Dezember 2017.

rebrand.ly/leninberlin.

work, 2.11.2017