Die digitalisierte Wirtschaft fasziniert. Doch sie hebt den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit nicht auf. Im Gegenteil! Von Oliver Fahrni (Foto: Getty, Postauto.ch / ZVG)

Sie denken, Sie reden gerade mit einer besonders kompetenten und netten Frau über Ihre Internetprobleme? Kann sein, Sie irren, und am anderen Ende der Hotline spricht ein Roboter. Sie würden das merken, sagen Sie? Kaum. Spracherkennung und künstliche Intelligenz haben rasende Fortschritte gemacht. Swisscom führt solche Chatbots gerade ein. Banken und Versicherungen haben es schon getan.
Maschine ersetzt lebendige Arbeit. Darum geht es fast immer beim digitalen Umbau der Wirtschaft. Kürzlich stellte die Firma Apis Cor in nur 24 Stunden ein 6-Zimmer-Haus auf, genauer: sie «druckte» es mit einem für den Bau entwickelten 3-D-Drucker. 100 Quadratmeter Wohnfläche. Schnee- und wetterfest. Für 10 000 Dollar. Wie das geht? So: apiscor. com/en/3d-printer. Schlechte Aussichten für Bauarbeiter.

LAGER AUF RÄDERN
Buch- und andere Händlerinnen kennen das Gefühl. Constanze Kurz, Sprecherin des Chaos Computer Club in Berlin, wunderte sich, dass ihre Bestellung beim Onlinehändler Amazon nach nur zehn Minuten eintraf. Sie fand heraus: Amazon fährt einen Teil seines Lagers in Camions herum. Nur: Welche von den 150 Millionen Artikeln, die der Konzern im Angebot hat, werden da geladen? Offenbar schafft es Amazon, aus vielen Daten über die soziale Struktur, Konsumverhalten, News, soziale Medien usw. herauszufiltern, wann in einer Ecke Berlins ein bestimmtes Buch oder Haustierfutter und Grillholz bestellt werden könnte.
Manche halten das für Fortschritt, wenn Computer schon mal eine Ware bereitstellen, von der wir erst morgen wissen werden, dass wir sie kaufen wollen. Oder wenn in Nachrichtenagenturen immer mehr News von Maschinen statt von Journalistinnen und Journalisten geschrieben werden. Oder wenn die Hälfte der weltweit verschickten Tweets nicht von Menschen stammen, sondern von «social bots», also von Computerprogrammen.

INSZENIERTE EUPHORIE
Für Bedenken ist gerade eine schlechte Zeit. Es herrscht Technikeuphorie. Die digitale Revolution ist angelaufen, die Industrie 4.0 wird gefeiert. Und inszeniert. Selbststeuernde Elektroautos sollen sämtliche Verkehrsprobleme lösen. Die Post macht massenweise Poststellen zu, lässt aber erste Paket-Drohnen fliegen. Mit einem Milliardenprojekt unter der Leitung der ETH Lausanne versucht die EU, das menschliche Gehirn digital abzubilden und zu verbessern. Das Ziel: die Verhaltenssteuerung ganzer Gesellschaften.
Automatisierung, auch digitale, kennen die Fabrikarbeitenden schon seit Jahrzehnten. Roboter ebenso. Digitale Techniken und das Internet haben etliche Berufsstände ausradiert. Umgekehrt haben diese Techniken die Uhrenindustrie gerettet und neue Berufe geschaffen.



Kann ich helfen? Im Zürcher Einkaufszentrum Glatt beantwortet künftig «Pepper» die Fragen von Kundinnen und Kunden.

WAS IST DIESMAL ANDERS?
Früher wurde einfach die herkömmliche Massenproduktion rationalisiert, beschleunigt und verbilligt. Das betraf vor allem die Industrie. Heute gehen die Konzerne daran, die gesamte Produktion, also die Arbeit, aber auch die Planung, die Verteilung, die Verwaltung und den Konsum völlig neu zu organisieren. Möglich machen das vernetzte Computer, die im Verbund gigantische Datenmengen speichern können. Algorithmen holen aus diesen Datenbergen wirtschaftlich nützliche Daten. Mit Sensorik, künstlicher Intelligenz, sensibler Robotik und dezentralen Prozessen werden die Herstellung und die Arbeit 4.0 hochgradig flexibilisiert. Und alles wird zu hochkomplexen System verknüpft.
Manches daran ist reizvoll. Man könnte sich vorstellen, dass die Digitalisierung und die Robotik stumpfsinnige, schwere oder gefährliche Arbeit überflüssig machen. Ökologische Gewinne sind möglich durch einen sparsameren Ressourceneinsatz, knapp gehaltene Warenflüsse, kürzere Wege, neue Verkehrs- und Transportformen. Die vierte industrielle Revolution könnte auch für eine starke Reduktion der Arbeitszeit genutzt werden. Und eine global schnell wachsende Bewegung probt heute in «FabLabs», demokratisch organisierten Hightech- Werkstätten, mit freier Software und Hardware (3-D-Drucker) sogar die gemeinschaftliche Produktion ausserhalb kapitalistischer Gewinnzwänge und Besitzverhältnisse. Industrielle Revolutionen bauen nie nur die Wirtschaft um. Weil sie neue Arbeits- und Konsumformen erzwingen, stellen sie die ganze Gesellschaft auf den Kopf, bis zum Leben der Einzelnen und zur Politik.

TECHNIK IST NEBENSACHE
Dabei stellt sich ein fundamentales Problem. Die Technikeuphorie täuscht: Technik bestimmt den digitalen Umbau kaum. Gemacht wird im Kapitalismus nicht, was möglich oder für das Gemeinwohl sinnvoll wäre, sondern nur, was innert weniger Jahre rentiert. Die Besitzenden investieren weniger denn je in die reale Wirtschaft. Vor 30 Jahren setzten sie im Schnitt noch mehr als 20 Prozent des Umsatzes für die Weiterentwicklung ein. Heute liegen die Investitionen bei jämmerlichen 3 Prozent.
Ging es bei früheren industriellen Revolutionen noch um Massenproduktion für Massenkonsum (was Kaufkraft erforderte), zielt der laufende digitale Umbau auf die Verbilligung und die Verdrängung von Arbeit. Die Hälfte aller Arbeitenden könnten durch einen Roboter ersetzt werden, behaupten reisserische Studien von diversen Universitäten und Think-Tanks. So müssen etwa Banker, Bürokräfte, Kassierinnen, Magaziner, Buchhalterinnen mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, ihren Job zu verlieren. Die Digitalisierung werde in der Schweiz bis 100 000 Stellen kosten, meldete der Kaufmännische Verband. Die meisten davon im tertiären Bereich, in jenem Sektor, der in den vergangenen Jahrzehnten am stärksten wuchs.

GEWERKSCHAFTEN PARAT
An einer Tagung für Personalvertretungen des Unia-Sektors Industrie unter dem Titel «Die vielen Gesichter der Digitalisierung » sagte der Ökonom Sergio Rossi (Uni Freiburg) im März: «Ich gehe davon aus, dass die vierte industrielle Revolution viel mehr Arbeitsplätze zerstört, als sie neue schafft.» Ein Grund dafür: «Es gibt keinen quartären Sektor, in den die Arbeitenden ausweichen könnten. » Gesellschaftlich ist das hochexplosiv. Rossi plädiert dafür, dass die Wirtschaft systemisch neu gedacht werden müsse. Unter anderem sollten erhöhte Steuern auf dem Kapital «die Mittel bereitstellen, um die Betroffenen im Wirtschaftsleben zu halten».
Derweil wappnen sich die Gewerkschaften für harte Auseinandersetzungen. Unia und Syndicom wollen beide im Herbst digitale Strategien publizieren. Schlimme Beschäftigungsprognosen halten sie für Versuche, den Druck auf die Arbeitenden zu erhöhen (siehe Text «Digital brutal vs. Digital sozial). Manuel Wyss von der Unia Industrie: «Die Digitalisierung ist gestaltbar. Wir nehmen die Herausforderung an.


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Digital brutal vs. Digital sozial

Arbeitgeber wollen die beginnende vierte industrielle Revolution für einen Kahlschlag an sozialen Errungenschaften und Gewerkschaften nutzen. Von Oliver Fahrni

Technische Umbrüche, das erzählen erfahrene Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, sind harte Zeiten. Nicht nur Produktion und Arbeit werden neu organisiert. Jetzt wird auch das Kräfteverhältnis zwischen Arbeitenden und Kapital für die nächsten Jahrzehnte ausgemarcht.
Im Herbst legen die Gewerkschaften Syndicom und Unia ihre Strategien zur Digitalisierung vor. Und dies sind die fünf dringendsten Herausforderungen:

1. ARBEITSZEIT. Arbeitgeber und ihre Politiker wollen die Arbeitszeitkontrolle schleifen oder sogar jede Arbeitszeitbegrenzung fallenlassen (work berichtete). Sie begründen die Entgrenzung der Arbeitszeit mit «technischen Notwendigkeiten», die eine hohe Flexibilität notwendig machten. Im Parlament könnten sie damit durchkommen. Unsinn, sagt Luca Cirigliano vom Gewerkschaftsbund: «Sie müssen gestoppt werden.» Unia-Industriechef und SP-Nationalrat Corrado Pardini will das Recht der Angestellten verankern, ausserhalb ihrer Arbeitszeit das Internet abzustellen: «Freizeit ist eine elementare Notwendigkeit und ein Grundrecht.» In Frankreich zwingt das Arbeitsgesetz die Firmen, um 22 Uhr ihre Leitungen stillzulegen.

2. ARBEITSVERTRAG. Im «Digitalen Manifest» fordern Unternehmer, die Unterscheidung zwischen Festangestellten und Auftragnehmenden fallenzulassen. Es wäre ein Freipass für die Auslagerung der Arbeit an rechtlose Heimarbeitende. Ein Rückfall ins 19. Jahrhundert. Und eine offene Tür für Scheinselbständigkeit und die Plattform-Ökonomie à la Dumpingfahrdienst Uber. Plattform-Ökonomie ist Augenwischerei: Tatsächlich ist Uber ein weltweit operierender Monsterkonzern. Unia wie Syndicom denken darum über ein innovatives Arbeitsstatut in der Verfassung nach. Bei Syndicom läuft es unter dem Arbeitstitel «Recht auf Arbeit». Die Idee dahinter: ein universeller Arbeitsvertrag für alle, die gegen Lohn Arbeit entrichten.

3. ÜBERWACHUNG. An digitalisierten Arbeitsplätzen werden immer mehr versteckte Instrumente eingesetzt, welche die Arbeitenden kontrollieren und steuern sollen (Stimmkontrolle, Arbeitsfortschrittskontrolle, Emotionskontrolle usw.). Das erhöht den Stress und setzt, kombiniert mit anderen persönlichen Daten (Abwesenheiten, Krankheiten, Berichte der Vorgesetzten), Arbeitende diskriminierenden Massnahmen aus.
Gewerkschaftliche Gegenwehr: obligatorische Meldung jeder Kontroll- und Steuerungstechnik, Einführung nur per sozialpartnerschaftliche Übereinkunft. Und, elementar, findet Unia-Mann Corrado Pardini: «Das Recht auf die eigenen Daten und ausgebaute Mitbestimmungsrechte in der Jobgestaltung. »

4. QUALIFIKATION. Weil die Anforderungen an die Arbeitenden im digitalisierten Kapitalismus ständig wechseln und wachsen, muss ein Recht auf Weiterbildung in jeden Gesamtarbeitsvertrag (oder sogar ins Gesetz). In den Entwürfen von Syndicom heisst dieses Recht «Bildungskonto».

5. DIE JOBS. Die Gewerkschaften müssen eigene industriepolitische Strategien entwerfen und diese durchsetzen. Sie sollen Massenentlassungen verhindern und sinnvolle digitale Anwendungen in innovativen Geschäftsfeldern unterstützen (Stichwort dazu: Reindustrialisierung). Etwa mit dem Unia-Produktionsfonds, der solche Projekte mit billigem Kredit finanziert. Aber in der Diskussion ist weit mehr: Übernehmen Maschinen /Roboter die Rolle lebendiger Arbeit in der Wertschöpfung, soll der Wertschöpfungsprozess besteuert werden, um soziale Absicherung zu garantieren.

work, 12.04.2017