Erstmals verlief eine Aktionärsversammlung des Sanitärkonzerns Geberit nicht nach Drehbuch: Asterix und Obelix standen vor der Tür. Von Ralph Hug (Foto: Florian Aicher)

Da kommen sie daher, die Geberit-Aktionäre: Ältere in Trevira-Hosen, Junge mit Gel im Haar. Damen im Deux-pièces, Herren mit Krawatte, andere wieder im Schlabberlook. Einer sogar in Langhaartracht. Gratis-Pendlerbusse bringen sie vom Bahnhof Rapperswil-Jona SG zur Sporthalle Grünfeld. Dort hat es Platz für 1500 Leute.
Doch diesmal ist etwas anders. Die Aktionärinnen und Aktionäre müssen Spiessruten laufen. Vorbei an protestierenden Büezerinnen, Büezern und Gewerkschaftern aus Frankreich. Sechs Stunden lang sind diese aus dem Burgund an den Zürichsee gefahren, um laut zu sagen: «Wir wollen unsere Jobs behalten! Wir haben keine anderen. » Geberit will zwei Keramikwerke im Burgund und in der Champagne schliessen. Die Produktion soll nach Portugal und Polen verlagert werden. Dort sind die Löhne halb so hoch. Auch im deutschen Oberbayern soll ein Standort weg. Ein Klacks für einen Milliardenkonzern mit 30 Werken in 50 Ländern und 12 000 Mitarbeitenden. Doch für die französischen Büezer und ihre Familien sind die Jobs überlebensnotwendig. Die Region, in der sie leben, hat wenig Industrie, Arbeitsplätze sind Mangelware. Eigentlich sollten die Fabriken bereits zu sein. Doch die Betroffenen wehren sich, zusammen mit den Bürgermeistern und der «Intersyndicale», einer Allianz der vier französischen Gewerkschaften CFDT, CGT, CFTC und UNSA.



Wilde Gallier: «Geberit zieht an der Klospülung und bedroht 257 Jobs» – französische Büezer machen Druck in Rapperswil-Jona.

MORITURI TE SALUTANT
Nun sind sie plötzlich die mutigen Gallierinnen und Gallier, die gegen die mächtigen Römer kämpfen. Verkleidet als Asterix und Obelix, verteilen sie vor dem Sportzentrum Flyer. Darauf steht: Moriturite salutant. Das ist Latein und heisst: Die Todgeweihten grüssen dich. Todgeweiht? «Keineswegs!» meint Gewerkschaftsanwalt Ralph Blindauer. Er vertritt die Betroffenen im Konsultationsverfahren. Sein Optimismus ist unerschütterlich: «Die Manager haben Fehler gemacht», stellt er klar. Die französische Arbeitsbehörde hat im Januar das Verfahren gestoppt. Die zuständige Geberit-Tochter Allia muss es wegen Mängeln wiederholen. Ein erster Sieg. «Wir haben einige Monate mehr Zeit», freut sich Blindauer. Und die will er nutzen. Sein Credo lautet: Protestieren muss man dort, wo entschieden wird. Also vor der Geberit-Zentrale am Zürichsee.

SCHWARZE SCHUTZTRUPPE
Noch nie sahen die Aktionäre protestierende Arbeiter. Einige reagieren belustigt. Doch die meisten sind verunsichert, verstört, blicken weg, verweigern das Flugblatt. Sie sind wegen der Dividende gekommen, nicht wegen deren Opfern. Einzelne werden ausfällig: Die Franzosen sollten lieber mehr arbeiten, schimpfen sie. Ein fremdenfeindlicher Unterton ist unüberhörbar. Während die Aktionäre im Sportzentrum verschwinden, bleiben die Allia-Büezer an den Absperrgittern hängen: «Zutritt nur für Geberit- Aktionäre». Ausrufezeichen! Die Geberit- Chefs hatten offenbar Schlimmes befürchtet. Polizei und schwarzgekleidete Security-Leute der Seewache AG sind aufgeboten. Die Polizei hatte im Vorfeld gar versucht, der Unia jegliche Aktivitäten rund um die GV zu verbieten. Kein Zutritt auch für work. Man sei nicht angemeldet, meint ein PR-Mensch. Wie heisst es im neuen Jahresbericht? Der Konzern pfl ege eine «offene und transparente Informationspolitik ». Von wegen. Nur Hofberichterstattung ist erwünscht. Im Bericht gibt es noch mehr schöne Floskeln: «Geberit will Vorbild für ethisch einwandfreies und sozial verträgliches Wirtschaften sein.» Doch kann ein Konzern ein Vorbild sein, wenn er bei Supergewinnen zwei rentierende Werke dichtmacht? Und dies allein aus Gründen der Gewinnmaximierung?



So nicht: Der Zaubertrank des Allia-Obelix Bruno Bonnet heisst Solidarität.

ROBUSTE BRANDREDE
Einen kann Geberit nicht stoppen: Arno Russi. Der robuste Unia-Leiter aus Chur marschiert direkt in die Halle. Die Unia besitzt ein paar Geberit-Aktien. Und damit das Stimmrecht. Russi ergreift das Wort und geisselt die Firma als Jobkiller, die Arbeiterfamilien ins Elend stürze. Jetzt kann niemand mehr behaupten, vom Konflikt in Frankreich nichts zu wissen. Russi drückt Verwaltungsratspräsident Albert M. Bähny eine Petition mit 500 Unterschriften in die Hand. Doch eine Debatte fi ndet nicht statt. Nicht einmal eine Antwort habe er erhalten, sagt Russi: «Das ist nur eine Abnicker-Versammlung. Alle warten auf den Apéro.» Nach einer Stunde ist alles vorbei.
Schweigen und kassieren, lautet die Losung im helvetischen Volkskapitalismus. Und zwar klassenübergreifend. Die Zusammenkunft der Dividenden-Picker stimmte nicht nur freudig der Ausschüttung von rekordhohen 10 Franken pro Aktie zu – 20 Prozent mehr als letztes Jahr. Sie genehmigte auch den neuen Lohn von CEO Christian Buhl: 2,3 Millionen Franken pro Jahr. Das ist fast eine halbe Million mehr als letztes Jahr. Begründung für diese Abzockerei: «schrittweise Anpassung an den Markt». Man ist unter sich, man profitiert vom guten Geschäftsgang. Die einen mehr und die anderen weniger.
Und einige gar nicht!

work, 12.04.2017