Am Reclaim-Democracy-Kongress war Meyers Workshop über Demokratie und Feminismus brechend voll. Die Frauenpower mobilisiert jetzt auch in der Schweiz. Von Sabine Reber (Foto: zvg)

work: Katrin Meyer, der Frauenmarsch gegen Trump in Washington war ein richtiger Volksaufstand. Wie beurteilen Sie diesen Erfolg der Frauen?
Katrin Meyer: Der Women’s March war ein Meilenstein in der Geschichte des Feminismus. Denn nun kommen die Forderungen der Frauen zusammen mit ökologischen, kapitalismuskritischen und mit antirassistischen Anliegen. Geschlechtergerechtigkeit und soziale Gerechtigkeit lassen sich nicht mehr so einfach trennen. Wer für Frauenrechte einsteht, muss auch für die Rechte der Gefl üchteten und der ökonomisch Ausgebeuteten einstehen.

Und diese neue Frauenbewegung entstand wegen Donald Trump?
Nein, es gibt schon seit vielen Jahren eine neue Generation von Feministinnen, die viel offener sind und sich in einem breiteren Kontext engagieren. Die ältere Generation der weissen Feministinnen hat sich ja teilweise selbst widerlegt durch ihre Islamkritik, die den weissen Nationalismus bestärkt hat und zur Rechtfertigung von Ausgrenzung und Krieg verwendet wurde. In den USA ist die neue Frauenbewegung ganz klar aus dem Black Feminism entstanden. Diese Frauen sind seit zwanzig, dreissig Jahren aktiv. Nun werden sie endlich breiter wahrgenommen. Denn Trump steht für eine Gesellschaft, die sich entsolidarisiert: America first, meine Familie first, ich first. Eine Gesellschaft kann aber letztlich nur solidarisch funktionieren.

Alle zeigen jetzt mit dem Finger auf Trump, ist die Schweizer Politik denn besser?
In der Schweiz haben wir seit zwanzig Jahren mit rechtskonservativer Politik zu tun. Wir sind eines der ersten Länder, das einen nationalistischen Rechtsrutsch erlebt hat. So haben wir nun eines der inhumansten Asylgesetze in Europa. Wir brauchen gar keine Mauer mehr zu bauen! Punkto Sozial- und Bildungsabbau sind wir auch bereits durch ein hartes Sparregime gegangen. Dabei werden besonders viele Frauen, ebenso wie Männer mit Migrationshintergrund, in die Armut getrieben.

Dann liegt es also auch bei uns nahe, dass Menschen und insbesondere Frauen mit und ohne Migrationshintergrund gemeinsam auf die Strasse gehen?
Unbedingt! Die Ausländerfeindlichkeit in der Schweiz ist ja unschlagbar. Inzwischen ist es in weiten Kreisen normal geworden, über Menschen ohne Schweizer Pass in herabwürdigendster Weise zu reden. Und das sind genau die gleichen Kreise, die ebenso erniedrigend über Frauen reden.

Wo sehen Sie einen Unterschied zwischen Trumps Amerika und der Schweiz?
Trump spricht alles direkt aus, den Frauenhass, den Rassismus, den Egoismus, und er wurde trotzdem oder sogar deswegen gewählt. Bei uns läuft es diskreter und vordergründig etwas zivilisierter ab, aber das ist in vielen Bereichen eine Täuschung.


*Katrin Meyer ist Privatdozentin für Philosophie und Lehrbeauftragte für Gender Studies an der Universität Basel. Den Feminismus-Workshop am Reclaim- Democracy-Kongress bot sie zusammen mit Kollegin Andrea Zimmermann an, ebenfalls Genderforscherin an der Uni Basel.

work, 17.02.2017