Beat Feuz wird Abfahrtsweltmeister – und das vife Schweizer Volk bodigt die USR III. Maurer, Bigler, Martullo & Co. haben verwachst. Von Clemens Studer (Foto: Jonas Zürcher)

St. Moritz GR, Sonntagnachmittag, kurz nach 14 Uhr. Der Emmentaler Beat Feuz reisst im Zielraum die Arme hoch: Superlauf, Weltmeister! Vor einigen Jahren war er als undiszipliniert und faul abgeschrieben.
Bern, Sonntagnachmittag, kurz nach 14 Uhr. Gewerbeverbandsdirektor Ulrich Bigler entgleist das Gesicht: Die Unternehmenssteuerreform III (USR III) kommt nicht zum Fliegen, der Absturz zeichnet sich bereits klar ab.
Der Weltmeistertitel von Beat Feuz ist der grösste Sporterfolg eines Schangnauers seit Erfindung der Dorfchronik. Das Nein zur USR III der grösste Erfolg der Linken seit Jahren. Am Ende des Tages stehen 59,1 Prozent Nein zu 40,9 Prozent Ja auf dem Resultatblatt. Trotz einer schrillen und millionenschweren Pro-Kampagne der Wirtschaftsverbände.

VOODOO-ANALYSEN
Wesentlich erstaunlicher als das Resultat waren die Analysen der Wahlverliererinnen und Wahlverlierer und der meisten Medienschaffenden. Von einer «Trumpisierung von links» war da die Rede. Von einem unreflektierten, trötzelnden, generellen Aufstand gegen «die Eliten», so, als hätte das Volk gar nicht nachgedacht vor dem Nein-Schreiben. Ausserdem sei die Vorlage halt «sehr kompliziert» gewesen, sprich: das Volk zu dumm, um die Wichtigkeit zu begreifen. Und überhaupt: Wer die Masseneinwanderungsinitiative (MEI) halt nicht umsetze, wie die SVP wolle, müsse sich nicht wundern. Das alles ist natürlich Mumpitz. Das sind Verliererausreden. Das ist Volksbeschimpfung. Zum Stichwort «zu kompliziert fürs Volk»: Die USR III war zwar eine Blackbox, doch die Absicht dahinter ganz einfach. Scheichs und andere Superreiche hätten (noch mehr) Steuergeschenke erhalten, dafür blechen sollten die Lohnabhängigen generell und der Mittelstand im besonderen. Das haben die Menschen sehr wohl verstanden und darum Nein gesagt.

Zum Stichwort «Rache für MEI-Umsetzung»: Das ist faktenfreie SVP-Umdeutung der Realität, die nicht gescheiter wird, wenn sie von Chefredaktoren wiedergekäut wird. Kurz nachdenken hilft auch hier ungemein: Das Volk stimmte am 12. Februar über drei Behördenvorlagen ab. Zwei kamen problemlos durch, darunter sogar eine Einbürgerungsvorlage. Auch das ein schöner Sieg!

DIE SOLLBRUCHSTELLE
Die richtige Interpretation der krachenden Niederlage der vereinten Rechten ist viel einfacher: Sie haben die Vorlage mutwillig überladen und daraus einen gigantischen Steuerbschiss gebastelt. Und sie haben die Schweizerinnen und Schweizer für dumm verkauft. Punkt. Da mochte gerade noch die Mehrheit der FDP-Wählenden mitmachen, wie Nachwahlumfragen deutlich zeigen. Von ihnen sagten 67 Prozent Ja zu diesem Bschiss. Bei allen anderen Parteien sagte die Mehrheit Nein. Auch bei der SVP. Und hier wird’s spannend. Denn hier liegt die Sollbruchstelle des neuen Rechtsblocks. Der wäre eigentlich so gedacht: Europapolitisch dürfen sich SVP und FDP inhaltlich unterscheiden, bei migrationspolitischen Fragen gibt’s Differenzchen, sozial- und wirtschaftspolitisch aber hält man zusammen. Doch genau hier macht die SVP-Basis nicht mehr mit: Sie will eine soziale Politik. Aber die SVP ist, anders als andere fremdenfeindliche Parteien in Europa, nicht sozial. Sie ist die Partei der Milliardäre und Banken.

FUNKTIONÄRE UND ANDERE VERSAGER
Sportlerinnen und Sportler wissen: Wenn man kein Glück hat, kommt meist auch noch Pech dazu. Das Pech der USR-III-Befürwortenden hat viele Namen. Schauen wir uns die wichtigsten an:
Die Economiesuisse: Der ehemalige «achte Bundesrat » hat unterdessen einen lausigen Ruf. Immerhin ist die Kasse noch gut gefüllt. Im Unterschied zum Reservoir glaubwürdiger Aushängeschilder. Wer zu Recht im Ruf steht, im Zweifel für die Abzocker zu votieren und abgehoben zu sein, ist wenig vertrauenswürdig in Steuerfragen.
Der Gewerbeverband: Unter dem evangelikalen Rechtsausleger Hans-Ulrich Bigler ist der SGV zur Pöbeltruppe und Fälscherwerkstatt mutiert. Ein Fake-Bild in Biglers Abstimmungszeitung wurde unterdessen gerichtlich verboten.
Die FDP: Ihr ehemaliger Bundesrat Hans- Rudolf Merz ist der Vater aller USR-Lügen. Und ihre Präsidentin Petra Gössi ist beruflich im Steueroptimier- Milieu unterwegs und trägt zu Recht den Übernamen «Panama-Petra». Noch Fragen zur Glaubwürdigkeit?
Die SVP: Von Milliardären finanziert und gesteuert, macht sie Wirtschafts- und Sozialpolitik für Reiche und Superreiche. Das merken manchmal auch jene ihrer Wählenden, die sie mit nationalistischen und rassistischen Parolen erfolgreich bedient.
Der Blocher-Clan: Die Kunstfertigkeit von Christoph Blocher, sich milliardenschwer als Büezer-Retter zu verkaufen, hat sich im Unterschied zu seinem Geld nicht vererbt. Nicht einmal die Standortgemeinde Domat-Ems folgte der als Bündner Nationalrätin amtenden Zürcherin Magdalena Martullo-Blocher.
Ueli Maurer: Dürfte unterdessen der Bundesrat mit der schlechtesten Erfolgsbilanz bei zentralen Geschäften sein. Pampig und demonstrativ desinteressiert gewinnt man keine Abstimmungen. Weder für Kampfflieger noch für Steuergeschenke. Seit Sonntag streiten sich diese Bruchpilotinnen und -piloten nun wie die Kesselflicker – hinter und vor den Kulissen. Das amüsiert auch SP-Legende Helmut Hubacher (90). Dass die Rechtsmehrheit im Bundeshaus «so gewaltig abschifft», hat er noch selten erlebt. Und schon gar nicht bei einer Steuervorlage. Hubacher, der vor der Abstimmung im grossen work-Interview eindringlich vor einem Ja zum Steuerbschiss gewarnt hatte goo.gl/8hePfq sagt jetzt: «Das Nein ist epochal und eine Superleistung!» Übrigens: Helmut Hubacher ist Bürger von Krauchthal BE. Das liegt im Emmental. Nur gerade 30 Kilometer Luftlinie von Beat Feuz’ Schangnau entfernt.

work, 17.02.2017