Viele Coop-Verkäuferinnen sind am Anschlag. Das zeigt eine neue Unia-Umfrage. Von Christian Egg (Foto: Ronald Schmid)

Monica Solagna sagt: «Noch vor ein paar Jahren waren wir hier zehn Leute mehr.» Die 42jährige Verkäuferin arbeitet in der Lebensmittelabteilung des Coop-City-Warenhauses am Marktplatz in Basel. Zusammen mit immer weniger Kolleginnen und Kollegen. «Die Chefs sagen, der Umsatz sei nicht so gut, wie er sollte, da müssten sie halt am Personal sparen.»

Die Folge: Die verbleibenden Verkäuferinnen müssen immer mehr Arbeit in der gleichen Zeit erledigen. Oft hasten sie von einem Ort zum anderen. Solagna arbeitet eigentlich an der Kasse: «Aber wenn’s mich irgendwo im Laden braucht, springe ich.» Dann füllt sie Regale auf, erledigt Bestellungen, bäckt Brot auf.

GROSSER DRUCK
Ihre Schichten sind lang. Sehr lang. Am schlimmsten sei der Donnerstag, wegen des Abendverkaufs. Da fängt sie um halb neun am Morgen an und ist um halb neun am Abend fertig. Ein Arbeitstag von zwölf Stunden. Auch wenn man die Pausen abzieht, bleiben mehr als zehn Stunden Arbeitszeit.

So geht es vielen Coop-Verkäuferinnen. Das zeigt eine aktuelle Umfrage der Unia. Gegen tausend Coop-Angestellte haben mitgemacht. Fast ein Drittel davon haben regelmässig Arbeitstage, die über elf Stunden dauern. 52 Prozent der Verkäuferinnen macht der Stress zu schaffen. Noch mehr, nämlich 67 Prozent, berichten von einem schlechten Arbeitsklima.

Natalie Imboden, Tertiärchefin bei der Unia, weiss aus Gesprächen mit den Verkäuferinnen: «In vielen Filialen ist der Druck gross. Das Betriebsklima und die Gesundheit leiden. Das muss sich ändern.» Überlange Arbeitszeiten und der Gesundheitsschutz sind deshalb aktuell Thema bei den Verhandlungen über den Coop-Gesamtarbeitsvertrag (siehe Spalte rechts). Für Imboden ist klar: «Coop ist gefordert.» Besonders nach den jüngsten Geschäftszahlen, die der Detailhandelsriese erst gerade veröffentlicht hat: Umsatz plus 5 Prozent, der Gewinn steigt auf 475 Millionen Franken, das sind 14 Prozent mehr als im Vorjahr.

IMMER AGGRESSIVER
Verkäuferin Solagna ist oft am Limit: «Nach so langen Arbeitstagen komme ich meist heim und kann einfach nicht mehr.» Zeit für ein Sozialleben bleibe kaum.

Richtig schlimm wurde es letztes Jahr im stressigen Weihnachtsgeschäft. Normalerweise könne sie mit aggressiver Kundschaft gut umgehen, sagt Solagna: «In der Regel gelingt es mir, sie zu beruhigen.» Doch im letzten Dezember schaffte sie das nicht mehr. Stattdessen ist sie selber immer aggressiver geworden. Dank guten Kolleginnen und viel Sport habe sie aus der Negativspirale herausgefunden. «Aber rückblickend muss ich sagen: Da war ich kurz vor einem Burnout.»

Coop-Sprecher Urs Meier schreibt, man halte sich an die im GAV verankerte 41-Stunden-Woche. Für «überforderte Mitarbeiter» gebe es mehrere Anlaufstellen, etwa die Personalabteilung oder den internen Sozialdienst. Zur Unia-Umfrage schreibt er, dass eigene Recherchen über die Arbeitszeiten und die Zufriedenheit der Angestellten ein anderes Bild ergäben. Der Personalbestand im Verkauf sei zudem «seit Jahren stabil». Was er nicht schreibt: Die Verkaufsflächen sind in den letzten fünf Jahren stetig gewachsen. Gleich viele Angestellte müssen also mehr Läden bedienen.

work, 17.02.2017