Nun geht’s auch bei uns los mit den Frauenprotesten gegen Trump und die hiesigen Frauenfeinde. Von Sabine Reber (Fotos: Brian Allen/ Voice of America, Parlamentsdienste)

Das Pussyhat-Fieber aus den USA greift auch hierzulande um sich. Was dort mit dem Frauenmarsch gegen die Hasspolitik von Donald Trump begann, weitet sich zu einer neuartigen Frauenbewegung aus (siehe Interview mit Katrin Meyer). Die Pussypower-Bewegung. Zur Erinnerung: «Pussy» nennt Frauengrapscher Trump die Vagina. In einem Video prahlte er, er könne jede Frau haben, ihnen sogar zwischen die Beine grapschen: Grab them by the pussy. Gegen Trumps Vergewaltiger-Mentalität protestierten die Muschis zu Hundertausenden und schlugen zurück. Mit dem Wort, das Trump so verächtlich ausspuckt: Pussy. Pussy heisst aber auch Kätzchen, deshalb trugen die Frauen an ihren Protestmärschen selbstgestrickte Pussyhats. Diese pinkfarbenen Mützen mit Katzenöhrchen machen jetzt auch in der Schweiz Furore. Als Protestsymbol gegen eine frauenfeindliche, rassistische und unsoziale Politik. Auf den sozialen Medien kursieren verschiedenste Modelle und Strickanleitungen.

STRICKEN FÜR SOLIDARITÄT
Landauf, landab wird plötzlich gestrickt wie verrückt. Zum Beispiel Vivienne F. Herzog (74) aus Beatenberg BE. Zusammen mit ihrer Lismigruppe, aber auch mit einer Gruppe von Migrantinnen, um die sie sich schon lange kümmert, fertigt die Rentnerin Pussykappen. Von morgens bis abends würden ihre Nadeln klappern, erzählt sie: «An einem guten Tag schaffe ich vier Pussyhats.» Inzwischen hat sie bereits Hunderte gestrickt. Für die Rechte der Frauen und für einen guten Zweck: Den Erlös spendet sie der Flüchtlingsorganisation Schwizerchrüz von Michael Räber. Und sogar die Männer tragen neuerdings Pink. Jean Anderegg aus Grenchen SO erklärt: «Ich trage meinen Pussyhat aus Solidarität mit den Frauen. Die rechtsbürgerliche Politik schadet uns allen.» Und der Berner BDP-Politiker Kurt Hirsbrunner sagt: «Wir müssen ein Zeichen setzen gegen den um sich greifenden Hass.» An einer Pussyhat-Aktion im Berner Stadtparlament nahm auch er teil – und trug seine Katzenkappe zum Vollbart. Kein Wunder, trägt jetzt auch das Bundeshaus Pink: Auf der Website Make Switzerland Pink, die den Protest begleitet und sammelt, posten Fans allerlei Fotomontagen. Unter dem Slogan: «Stricken für Solidarität und Demokratie».

FEMINISMUS FÜR 99 PROZENT
Make Switzerland Pink verlinkt auch die aktuellen Diskussionen des Frauenprotests in den USA. Zum Beispiel das Manifest für einen «Feminismus für die 99 Prozent». Lanciert hat es eine Gruppe bekannter Feministinnen, Buchautorinnen und Forscherinnen um Angela Davis. Sie alle sind in der Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen verankert und schreiben: «Aus unserer Sicht reicht es nicht, gegen Trump und seine aggressive sexistische, homophobe und rassistische Politik zu sein. Wir müssen auch den neoliberalen Angriff auf die sozialen Errungenschaften und die Rechte der Arbeitnehmenden bekämpfen.» Der weisse Mittelschichtsfeminismus der letzten Jahrzehnte habe viele Frauen ausgegrenzt, Arbeiterinnen, Migrantinnen, farbige Frauen usw. Und er habe sich zu stark mit dem Kapitalismus arrangiert. Doch Gewalt «ist nicht nur häusliche Gewalt gegen Frauen, sondern auch die Gewalt der Märkte, Staatsgewalt gegen Flüchtende, diskriminierende Politik gegen Schwule und Lesben sowie institutionelle Gewalt gegen den Körper der Frau: Abtreibungsverbote, fehlender Zugang zum Gesundheitssystem». Es brauche eine neue, breitere Bewegung, fordern Davis und ihre Mitstreiterinnen und rufen für den internationalen Frauentag am 8. März zu einem landesweiten «Generalstreik» auf. In dreissig weiteren Ländern wollen die Frauen am Frauentag ebenfalls streiken. Das Motto: «Ein Tag ohne uns Frauen».

AUFRUF FÜR PINK
«Heraus zum 8. März» wollen die Pussyhats auch in der Schweiz. Angefeuert vom Frauenpower in den USA, ruft ein breites Bündnis zur Solidarität mit der internationalen Streikbewegung am Frauentag auf: «Die Schweiz darf nicht schlafen!» Mit dabei auch die Gewerkschaften. Unia- Geschäftsleitungsfrau Corinne Schärer begründet dies so: «Nicht nur die USA erleben derzeit mit Trump & Co. einen heftigen Rechtsrutsch. Die Schweiz hat Trump in der Gestalt der SVP schon lange. Und auch bei uns sind Sexismus und Frauenfeindlichkeit salonfähig geworden.» Die Unia wird Protestaktionen machen und ruft dazu auf, Frauen und Männer möchten am 8. März pinkig auf den Strassen und unübersehbar auftreten. Überall im Land! Zu einem weiteren Frauenmarsch in Zürich am 18. März rufen zwei junge Frauen via Facebook auf. Sie werden von den Gewerkschaften und den Juso unterstützt.

UNTERSTÜTZUNG FÜR FRAUEN
So viel Bewegung freut eine ganz besonders: Fast-Bundesrätin Christiane Brunner. 1991 führte sie den gloriosen Schweizer Frauenstreik an («Wenn Frau will, steht alles still!») – und ging damit in die Geschichte ein. Brunner sagt: «Wie wunderbar, dass sich die Frauen wieder bewegen! Dass sie nun ausgerechnet zu Wolle und Stricknadeln greifen für ihren Protest, amüsiert mich ungemein.»
Sie könne zwar nicht stricken, sagt die ehemalige SP- und Gewerkschaftschefin, aber sie werde gerne einen Pussyhat tragen. Jedenfalls wünsche sie den jungen Frauen toi, toi, toi: «In Gedanken bin ich ganz fest bei euch!»

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www.facebook.com/makeswitzerlandpink Streikmanifest von Angela Davis et al goo.gl/kPUrOn > Women’s March Zürich: www.facebook.com/womensmarchzurich > Unia-Website zum 8. März: www.unia.ch/8maerz

work, 17.02.2017