DER GLOBALE PLAN Alcan ist bei einem bösen sozialen Foul ertappt worden. Der Konzern hält viel von sich: «Integrität, Verantwortungsbewusstsein, Vertrauen, Transparenz, Teamwork». Alcan gilt an Managementschulen als Vorbild und vergibt selbst einen Preis für Nachhaltigkeit. Die andere Wahrheit steht in dem vertraulichen Alcan- Strategiepapier, das work vorliegt. «Den weltweit führenden Aluminium- und Verpackungskonzern schaffen», ist es überschrieben, und so ist der Ton. Einen «globalen Plan» zeichnet hier das Management, den man «von den Medien fernhalten » müsse («minimise media exposure»). Mit den einzelnen Gewerkschaften soll «getrennt verhandelt werden, um die sozialen Kosten zu optimieren» und eine «europäische Mobilisierung » zu verhindern. Und nebenbei stehen in dem Dokument zwei Überraschungen: Nicht mehr nur 2200 Arbeitsplätze sind aufgeführt, die in Westeuropa abgebaut werden sollen, sondern, langfristig und ohne Zeitangabe, 5140 Jobs. Und in der Schweiz waren nicht die Walliser Werke Siders/Chippis im Visier, sondern die Alcan-Töchter in Neuhausen SH und Zürich. Klar wird in dem 29-seitigen Dokument, worum es auch im Wallis geht: Der Weltkonzern Alcan (69000 Mitarbeitende, 470 Firmen in 56 Ländern) wird neu sortiert und in Kriegsformation aufgestellt, um den anderen Weltkonzern, Alcoa, niederzuringen. Europa ist dabei ein Nebenkriegsschauplatz. Die Schlacht wird vor allem in Asien geschlagen, in Südafrika und in Australien. Ein Mitglied der Siderser Personalkommission hat sich das Dokument angeschaut: «Das ist ein globaler Plan, aber bei jeder Fabrik wollen sie andere Gründe nennen, damit der Plan nicht auffällt. Jetzt weiss ich nicht einmal mehr, ob wir hier wirklich Verluste machen. Wir haben es geglaubt.» Auch hier verrät Alcan, in einem anderen Dokument, die Wirklichkeit. Der Eisenbahnmarkt schwächelt zwar – aber nur um ein paar Prozent. «Nach 2001», schreibt Alcan, «haben unsere Konkurrenten stark in die grossen Profile investiert. Das hat die Margen unter Druck gesetzt.» Keine Nachfragekrise also, sondern Überproduktion. Verdrängungswettbewerb. Kein Wunder, hatte die Direktion Anweisung, Brian Fredericks und Rob Johnston von IMF-FIOM nicht in die Fabrik zu lassen – und auch Unia-Gewerkschafterin Blanc-Kühn war unerwünscht. Man traf sich mit der Betriebskommission in einem Saal in der Nähe, samt Simultanübersetzerinnen. Eine ungewohnte Situation, nicht nur wegen der Sprachbarriere. Es war für die meisten der erste Kontakt mit internationalen Gewerkschaften.
INDUSTRIELLE STRATEGIEN Frederiks und Johnston sprachen von der Notwendigkeit, eine europäische Industriepolitik zu erzwingen. Von industriellen Strategien. Das ist neu in den Gewerkschaften. Mit dem Vorschlag der Unia, die Konversion ins Spiel zu bringen, eröffnen sich jetzt neue Möglichkeiten. Blanc-Kühn und Bitz werden in der ersten Oktoberwoche in Montreal sein, zusammen mit Alcan- und Alcoa- Betriebsräten aus 40 Ländern. Man wird die Konzerne durchleuchten, die Strategien analysieren und vor allem: Gegenstrategien entwickeln. Am Tag nach dem Besuch der Gewerkschafter verwarf Michel Jacques erst einmal den Konversionsvorschlag der Unia und inszenierte eine kleine Nötigung: Man werde wohl auch die Aluminiumschmelze von Steg schliessen, wenn beim Strompreis nichts passiere, sagte er (siehe rechts). Derweil beschied der Bundesrat Jean- Noël Rey, man mische sich nicht in die Angelegenheiten von Alcan ein. Nationalrat Rey zu work: «Es ist bizarr, dass sich die Schweiz weigert, eine Industriepolitik zu verfolgen.» Immerhin: Die Konversion ist noch nicht vom Tisch. Es könnte der Anfang eines Walliser Aluminium-Clusters sein. Der Staatsrat will sie dieser Tage beraten.
work, 29.09.2005


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