Mit Widerstand in der Schweiz hatten die Alcan-Manager nicht gerechnet. Entlassungen? Kein Problem: «Normale Prozedur. Schlüsselpolitiker und Beamte in Kontaktliste aufnehmen. » So steht es in einem vertraulichen Strategiepapier des Alcan-Managements vom September 2004. Auf 29 Seiten wird der weltweite Umbau der Gruppe skizziert, inklusive der Streichung von 2200 Jobs in Westeuropa. Den Belgiern wird da schon mehr Kampfgeist zugetraut als den Schweizern: «Starke Macht der Verwaltung und der Gewerkschaften», steht da. In Frankreich sei gar «spezielle Aufmerksamkeit notwendig: Potentielle Kosten von sozialen Massnahmen einberechnen. » Das war hierzulande offenbar nicht angesagt. So kann man irren. Kaum hatte der Multi im Juni den Abbau von 110 Stellen in Siders VS und die Stilllegung eines Aluminiumpresswerks verkündet, platzte den Metallern der Kragen. Sie traten spontan in den Ausstand und schlugen, jeder, jede, einen Nagel in die hölzerne Matze, Symbol des sozialen Konflikts. Im fernen Montreal hat man das wohl richtig als Kriegsbeil verstanden. Worauf die Nummer drei von Alcan, Michel Jacques, ins Wallis eilte. Dort liess ihm Fabienne Blanc- Kühn, in der Unia für Industrie zuständig, Folgendes zu Ohren kommen: «Hier gilt, auch und gerade für einen Weltkonzern wie Alcan, der Gesamtarbeitsvertrag. Sie haben ihn verletzt. Es gab keine Vorwarnung. Es gab keine Konsultationen. Wir weisen Ihren Plan zurück.» Seither gab es Demos, Unterschriftensammlungen, Proteste. SP Nationalrat Jean-Noël Rey schaltete den Bundesrat ein (der freilich verhielt sich wie von Alcan erwartet). Und die Unia beschritt neue Wege im Arbeitskampf: Blanc-Kühn legte Alcan und der Walliser Regierung ein Abkommen über die Konversion von Stellen auf den Tisch (siehe unten). Sie und Bernard Bitz, der im europäischen Betriebsrat des Konzerns sitzt, schmiedeten ein Bündnis mit den Kolleginnen und Kollegen im deutschen Singen. Dort will Alcan 300 Jobs im Presswerk und in anderen Abteilungen streichen. Schliesslich machte die Unia den Konflikt vollends international: Mitte September kamen zwei Vertreter der Internationalen Metallarbeitergewerkschaft IMF-FIOM nach Siders.



DER GLOBALE PLAN Alcan ist bei einem bösen sozialen Foul ertappt worden. Der Konzern hält viel von sich: «Integrität, Verantwortungsbewusstsein, Vertrauen, Transparenz, Teamwork». Alcan gilt an Managementschulen als Vorbild und vergibt selbst einen Preis für Nachhaltigkeit. Die andere Wahrheit steht in dem vertraulichen Alcan- Strategiepapier, das work vorliegt. «Den weltweit führenden Aluminium- und Verpackungskonzern schaffen», ist es überschrieben, und so ist der Ton. Einen «globalen Plan» zeichnet hier das Management, den man «von den Medien fernhalten » müsse («minimise media exposure»). Mit den einzelnen Gewerkschaften soll «getrennt verhandelt werden, um die sozialen Kosten zu optimieren» und eine «europäische Mobilisierung » zu verhindern. Und nebenbei stehen in dem Dokument zwei Überraschungen: Nicht mehr nur 2200 Arbeitsplätze sind aufgeführt, die in Westeuropa abgebaut werden sollen, sondern, langfristig und ohne Zeitangabe, 5140 Jobs. Und in der Schweiz waren nicht die Walliser Werke Siders/Chippis im Visier, sondern die Alcan-Töchter in Neuhausen SH und Zürich. Klar wird in dem 29-seitigen Dokument, worum es auch im Wallis geht: Der Weltkonzern Alcan (69000 Mitarbeitende, 470 Firmen in 56 Ländern) wird neu sortiert und in Kriegsformation aufgestellt, um den anderen Weltkonzern, Alcoa, niederzuringen. Europa ist dabei ein Nebenkriegsschauplatz. Die Schlacht wird vor allem in Asien geschlagen, in Südafrika und in Australien. Ein Mitglied der Siderser Personalkommission hat sich das Dokument angeschaut: «Das ist ein globaler Plan, aber bei jeder Fabrik wollen sie andere Gründe nennen, damit der Plan nicht auffällt. Jetzt weiss ich nicht einmal mehr, ob wir hier wirklich Verluste machen. Wir haben es geglaubt.» Auch hier verrät Alcan, in einem anderen Dokument, die Wirklichkeit. Der Eisenbahnmarkt schwächelt zwar – aber nur um ein paar Prozent. «Nach 2001», schreibt Alcan, «haben unsere Konkurrenten stark in die grossen Profile investiert. Das hat die Margen unter Druck gesetzt.» Keine Nachfragekrise also, sondern Überproduktion. Verdrängungswettbewerb. Kein Wunder, hatte die Direktion Anweisung, Brian Fredericks und Rob Johnston von IMF-FIOM nicht in die Fabrik zu lassen – und auch Unia-Gewerkschafterin Blanc-Kühn war unerwünscht. Man traf sich mit der Betriebskommission in einem Saal in der Nähe, samt Simultanübersetzerinnen. Eine ungewohnte Situation, nicht nur wegen der Sprachbarriere. Es war für die meisten der erste Kontakt mit internationalen Gewerkschaften.

INDUSTRIELLE STRATEGIEN Frederiks und Johnston sprachen von der Notwendigkeit, eine europäische Industriepolitik zu erzwingen. Von industriellen Strategien. Das ist neu in den Gewerkschaften. Mit dem Vorschlag der Unia, die Konversion ins Spiel zu bringen, eröffnen sich jetzt neue Möglichkeiten. Blanc-Kühn und Bitz werden in der ersten Oktoberwoche in Montreal sein, zusammen mit Alcan- und Alcoa- Betriebsräten aus 40 Ländern. Man wird die Konzerne durchleuchten, die Strategien analysieren und vor allem: Gegenstrategien entwickeln. Am Tag nach dem Besuch der Gewerkschafter verwarf Michel Jacques erst einmal den Konversionsvorschlag der Unia und inszenierte eine kleine Nötigung: Man werde wohl auch die Aluminiumschmelze von Steg schliessen, wenn beim Strompreis nichts passiere, sagte er (siehe rechts). Derweil beschied der Bundesrat Jean- Noël Rey, man mische sich nicht in die Angelegenheiten von Alcan ein. Nationalrat Rey zu work: «Es ist bizarr, dass sich die Schweiz weigert, eine Industriepolitik zu verfolgen.» Immerhin: Die Konversion ist noch nicht vom Tisch. Es könnte der Anfang eines Walliser Aluminium-Clusters sein. Der Staatsrat will sie dieser Tage beraten.

work, 29.09.2005