Schon im Asylheim mag der Syrer nicht untätig auf den Asylentscheid warten. Er hilft bei einem Coiffeur aus. Das ändert sein Leben. Von Christina Scheidegger (Foto: Daniel Rihs)

Feuerzeug und Faden gehören genauso zum Handwerkszeug von Kadar Hadji wie Schere, Kamm und Tondeuse. Der 30jährige Syrer führt den Salon Kings Coiffeur in Thun. Die Wände sind rot gestrichen, drei massige, lackschwarze Coiffeurstühle stehen vor den Spiegeln. Der Fernseher läuft, der Musiksender MTV spielt «Big Fat Hits». An den Wänden stehen Sessel für die wartende Kundschaft. Alle in Rot und Schwarz.

NUR FÜR MÄNNER Termine auf Voranmeldung gibt es bei Hadji nicht. Die Kunden kommen vorbei, trinken einen Kaffee und warten, bis sie die Haare geschnitten bekommen. 25 Franken kostet das. Wer die Haare zusätzlich gewaschen haben will, legt noch einmal 5 Franken drauf. Rasieren und Augenbrauenzupfen sind für jeweils 15 Franken zu haben. Frauen frisiert der Mann mit dem sorgfältig gestutzten Bart nicht. Hadji grinst und erklärt in flüssigem Hochdeutsch: «Dafür habe ich keine Nerven. Ich kann nicht zwei Stunden lang das gleiche Haar schneiden.»
Dafür kann er Augenbrauen zupfen mit Faden. Gesichtshaare entfernen mit Wachs. Und die feinen Härchen rund um die Ohren mit dem Feuerzeug wegbrennen. Auf den Fotos auf der Facebook-Seite des Salons sieht man, dass sich die Frisuren vieler Kunden ähneln. An den Seiten kurz geschoren, die Haare oben auf dem Kopf länger, nach hinten frisiert. Darauf angesprochen, lacht Hadji. Das stimme, sagt er. «Aber ich mache halt, was die Kunden wollen.»
Ein junger Mann betritt den Laden. Hadji entschuldigt sich bei der Journalistin, da sei er gefragt. Der Kunde lasse sich die Haare nur von ihm schneiden.

DORT, WO KRIEG IST Eine Lehre hat Hadji nicht gemacht, er ist ein Selfmademan. Vor sechs Jahren, noch vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs in seiner Heimat, kam der kurdische Syrer in die Schweiz. Hadji: «Ich war gegen das Asad-Regime. Deswegen hatte ich viele Probleme und musste das Land verlassen. » Damals hätten ihn die Leute hier gefragt, wo Syrien überhaupt liege. Nun wüssten sogar kleine Kinder: Das ist dort, wo Krieg ist.
2010 landet Hadji in Basel, nach einigen Wochen kommt er in den Kanton Bern. Zuerst ins Asylheim in Oberdiessbach, dann nach Walkringen. Einfach nur auf den Asylentscheid warten mag Hadji nicht. Er hilft in der Küche, beim Putzen. Vermittelt zwischen den Asylsuchenden, wenn es Streit gibt. Er spricht Arabisch und Türkisch.
Er hilft auch bei einem Coiffeur in Bern aus. Immer wieder geht er in den Salon, putzt, schaut zu. Ohne Lohn am Anfang. Dann fängt er an, seinen Freunden gratis die Haare zu schneiden. Und der Chef freut sich, dass er viele Kunden in den Laden bringt. Später bekommt Hadji die Niederlassungsbewilligung C. Und eine Festanstellung in einem anderen Salon. 25 bis 30 Kunden pro Tag bedient er, schneidet, rasiert, zupft. Das wird ihm zu viel: «Ich hatte kaum Zeit, mal eine Pause zu machen», erzählt der 30jährige. Auch deshalb habe er sich nach einem eigenen Geschäft umgesehen.
Ein Kunde erzählt ihm von einem Ladenlokal in der Thuner Altstadt, das zu haben sei. Viele Leute hätten ihm abgeraten, sich selbständig zu machen, das sei ein zu grosses Risiko. Doch Hadji ist überzeugt: «Wenn man etwas will, dann funktioniert es auch.» Mit etwas Erspartem und viel Hilfe von Freunden eröffnet er Anfang 2016 den Kings Coiffeur. Hadjis jüngerer Bruder Sulaiman (20) hilft im Salon. Er und die Eltern kamen vor einem Jahr auch in die Schweiz. Sie flüchteten vor dem Krieg. Brüder und Eltern leben zusammen in einer Wohnung in Kehrsatz BE. Weitere Geschwister sind immer noch in Syrien: Ein Bruder kämpft mit den kurdischen Truppen gegen die IS-Terroristen. Ob er noch lebt, wissen sie alle nicht. «Das ist hart», sagt Sulaiman.

NIE VERGESSEN Auch deshalb sieht die Familie ihre Zukunft in der Schweiz. In zwei, drei Jahren will Hadji den Schweizer Pass beantragen. Im Moment hat er mit seinem Salon zu viel zu tun. Trotzdem geht er regelmässig nach Oberdiessbach ins Asylheim. Er schneidet den Männern die Haare, erzählt seine Geschichte. Das ist ihm wichtig: «So erinnere ich mich daran, wo ich herkomme. Und sehe, wo ich heute bin.»

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Syrerinnen und Syrer in der Schweiz
Seit Beginn des Bürgerkriegs im März 2011 hat die Zahl der Syrerinnen und Syrer in der Schweiz zugenommen. Ende Februar 2016 waren es rund 15 000 Personen, davon etwa 10 000 Asylsuchende und vorläufig Aufgenommene. Das zeigen Zahlen des Bundesamts für Statistik und des Staatssekretariats für Migration.

TRANSPORT. Meistens seien es Männer und Familien, die in die Schweiz kämen, sagt Ashti Amir. Er ist Präsident des Vereins Syriaid und lebt seit 15 Jahren in der Schweiz.
Von den Syrerinnen und Syrern in der Schweiz arbeiteten viele in der Transportbranche, in der Gastronomie, im Reinigungsdienst oder als Coiffeusen und Coiffeure, erklärt der Exilsyrer. Er kenne aber auch viele Akademiker, zum Beispiel Ärztinnen und Ärzte, die in der Schweiz keinen Job fänden. Denn kaum ein Arbeitgeber stelle jemanden mit einer befristeten Aufenthaltsbewilligung ein, sagt Ashti Amir: «Da muss etwas geschehen.»

work, 7.04.2016