Güter bringen und Kleider «Sonst verrecken sie!» sammeln reicht nicht. Zu diesem Schluss kamen Unia-Gewerkschafter nach einem Einsatz auf der Balkanroute.

Eine Delegation der Unia Genf war gerade im Flüchtlingscamp in Šid an der serbisch-kroatischen Grenze, als Österreich seine Grenze schloss. Die Gewerkschafter erlebten die Verzweiflung der Geflüchteten hautnah. Zurück in der Schweiz, kontaktierten sie Politiker und Prominente und lancierten einen nationalen Appell: Die Schweiz soll möglichst schnell 50 000 Flüchtlinge aufnehmen.
Alessandro Pelizzari, Regionalleiter Unia Genf, erzählt vom gewerkschaftlichen Hilfseinsatz im Februar: «Im Lager waren vor allem Familien oder Frauen mit Kindern. Es waren Menschen aus allen sozialen Schichten, die die 1000 Euro für eine Überfahrt mit dem Gummiboot überhaupt auftreiben können. Unsere Aufgabe war es, bei der Essensausgabe zu helfen und uns um die Kinder zu kümmern.» Die Unia-Leute hätten bewusst keine Bilder von sich mit den Flüchtlingen gemacht. «Wir wollen uns nicht auf Kosten von Menschen in Not inszenieren. » Stattdessen zeigt Pelizzari Fotos von Zeichnungen.



Viele der Kinder im Lager seien so traumatisiert gewesen, dass sie kaum mehr geredet hätten. Also haben die Gewerkschafter mit ihnen gezeichnet: «Das muss man sich vorstellen, diese Menschen waren seit vielen Wochen unterwegs, sie haben die schrecklichsten Dinge erlebt. Die Kinder waren verstört, und alle, alle haben sie Kriegsszenen gezeichnet.» Das bestätigt auch Per Johansson, der bereits im Januar mit einer Delegation der Unia Zürich in Šid im Einsatz war.

HERZZERREISSEND. Pelizzari ist erschüttert darüber, dass die EU versucht, diese Menschen als Wirtschaftsfl üchtlinge abzutun. Allen vor Ort sei klar gewesen, dass die Menschen in den Flüchtlingslagern aus dem Krieg kamen: «Dennoch hebeln die europäischen Staaten das internationale Recht auf Asyl aus.»
Unia-Mann Alessandro Pelizzari hat mit eigenen Augen gesehen, wie sich der Entschluss Österreichs, die Grenzen zu schliessen, auswirkte: «Da war eine unglaubliche Gewalt. Die Menschen wurden regelrecht nach Ethnien aussortiert. Jene aus Afghanistan sonderten sie ab, um sie zurückzuschicken. Wir haben die Familien, die wir kennengelernt hatten, dann nochmals gesehen, aber wir konnten nur kurz durch einen Zaun hindurch mit ihnen reden. Viele haben geweint, es war herzzerreissend.»

ENORME WUT. Als Helfer fühle man sich ganz ohnmächtig, erzählt Pelizzari: da sei eine grosse Trauer gewesen, die Verzweiflung auch, nichts ausrichten zu können.
Aber bald sei bei ihnen Zorn gegen die «Stacheldrahtfraktion» unter den europäischen Regierungen aufgekommen. Unia-Mann Pelizzari: «Wir verspürten eine enorme Wut gegenüber der Festung Europa, die aus purem Opportunismus und unter dem Druck rechtsradikaler Bewegungen diese Menschen auf der Flucht wie Vieh behandelt.»
Zurück in der Schweiz, sei allen klar gewesen, dass es nicht reiche, Kleider zu sammeln und Hilfsgüter zu bringen. «Wir müssen politisch tätig werden», sagt der Unia-Mann, sonst ändere sich die Situation nicht. Mit dem Appell sei nun ein erster Schritt gemacht. (sr)

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Den Appell unterzeichnen: https://goo.gl/lHHdfS

work, 7.04.2016