Man versprach ihnen die Aufenthaltsbewilligung und liess sie dafür gratis chrampfen. Doch jetzt wehren sich Yusuf * und seine Kollegen. Von Sabine Reber

Heute lacht Yusuf über seine Naivität: «Anfangs glaubte ich, in der Schweiz sei es normal, ohne Lohn zu arbeiten, um die Aufenthaltspapiere zu bekommen. Meine Kollegen aus dem Asylheim haben das ja auch gemacht. »
Der sympathische junge Mann kommt aus dem Sudan, hat eine Aufenthaltsbewilligung F und hofft, in der Schweiz bleiben zu dürfen. Darum sucht er Arbeit. Im Dezember 2014 begleitete er einen Kollegen zum Genfer McDonald’s Plainpalais und wurde dem Chef der Geschwisterfirmen Top Clean Multiservices S. à r. l. und Top Clean Reinigungen GmbH vorgestellt. Diese putzten im Auftrag der Franchisegesellschaft Gemacona SA, die neun McDonald’s-Filialen in Genf betreibt.

KEINE PAUSEN. Für Yusuf tönte das Angebot verlockend: «Der Chef hat mir versprochen, wenn ich zwei Wochen zu Ausbildungszwecken und danach noch drei Monate gratis arbeite, könne er für mich ein Permis B beantragen und wegen des Arbeitsvertrages schauen.»
Am nächsten Abend um 23 Uhr habe er mit Putzen angefangen. «Es war sehr streng, wir haben jeweils bis morgens um 7 oder 8 Uhr durchgearbeitet. Pause hatten wir keine.» Auch über die Feiertage habe er gearbeitet: «Vom 19. Dezember 2014 bis 22. Januar 2015 hatte ich in 40 Tagen gerade mal vier Tage frei, die übrige Zeit habe ich nonstop gechrampft.» Und alles ohne Lohn.
Yusuf beklagte sich nicht. Denn er habe geglaubt, der Chef könne ihm erst einen Lohn zahlen, wenn er die Aufenthaltsbewilligung B habe. Und die müsse er sich eben zuerst einmal durch Gratisarbeit verdienen. Ein Kollege aus dem Asylheim klärte ihn auf: «Wenn der Chef dir bis jetzt keinen Vertrag und keinen Lohn gegeben hat, wird er es wohl nie tun.»
Der Mitbewohner habe ihn zum Büro der Unia in Genf begleitet. Und Yusuf zog einen Schlussstrich: «Ich habe meine Kollegen informiert, und wir haben alle aufgehört, bei Top Clean zu arbeiten!»

KEIN EINZELFALL. Die Genfer Unia-Sekretärin Camila Aros, die Yusuf betreut, weiss von acht ähnlichen Fällen, drei Betroffene haben Lohnklagen eingereicht. Doch sie hat nicht viel Hoffnung: «Wir befürchten, dass sich Top Clean mit einem Konkurs vor den Zahlungen drückt. Das Konstrukt mit den Geschwisterfirmen kommt uns dubios vor.» Im Fall von Yusuf wird sich der Chef aber nicht der Verantwortung entziehen können. «Der Fall wiegt so schwer, dass wir zusätzlich bei der Staatsanwaltschaft Strafanzeige wegen Wuchers erstattet haben», sagt Unia-Frau Camila Aros, «denn es ist schlicht inakzeptabel, wie schamlos Notlage und Unwissenheit von Yusuf ausgenutzt wurden.» 6868 Franken Lohnnachzahlung fordert der Flüchtling. Nachdem er Anzeige erstattet habe, sei ein Mann im Asylheim aufgetaucht, erzählt Yusuf: «Er hielt mir 3000 Franken vor die Nase und forderte, dass ich die Anzeigen zurückziehe. Aber das hab ich abgelehnt.» Er sagt: «Jetzt falle ich auf keinen Bschiss mehr herein! Ich hoffe einfach, dass ich bald einen bezahlten Job finde. Es muss in der Schweiz doch auch anständige Patrons geben.»

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Das sagen Top Clean und McDonald’s
Aglaë Strachwitz, Pressesprecherin von McDonald’s Schweiz, die in diesem Fall auch für die Franchisegesellschaft Gemacona spricht, kann die Vorwürfe gegenüber McDonald’s nur schwer nachvollziehen. Man habe keinen direkten Bezug zur Firma Top Clean, diese sei lediglich eine Lieferantin gewesen.

BEENDET. Nach der Untersuchung der Unia habe sich Gemacona dazu entschieden, den Vertrag mit Top Clean zu beenden, da «Top Clean nicht alle durch die Untersuchung aufgeworfenen Fragen zu unserer Zufriedenheit beantworten konnte». Der Anwalt von Top Clean wollte sich auf Anfrage von work nicht zu den Vorwürfen äussern. (sr)

work, 21.01.2016