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Ein guter Drittel aller Schweizerinnen und Schweizer leiden unter Stress am Arbeitsplatz. Krankheiten wie Burnout und Depression verursachen jedes Jahr Kosten von über 4 Milliarden Franken. Tendenz weiter steigend. Jetzt geben die Sozialpartner unter dem Patronat des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) Gegensteuer. Die Arbeitsinspektorate der Kantone sollen bei der Kontrolle von Betrieben besonders aufmerksam auf den Schutz der persönlichen Integrität der Arbeitnehmenden schauen.
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Erika Jung (Name von der Redaktion geändert) arbeitet wieder gerne. Leute um sich haben, das Gefühl, gebraucht zu werden, die Struktur im Alltag – das alles tut ihr gut. Ausserdem hat sich die Stimmung auf der Station aufgehellt. Nur der Stress, damit hat sie immer noch ihre liebe Mühe: «Es ist, als würde mein Körper die Belastung speichern, statt sie abzubauen.»
Die 40jährige Pflegeassistentin hat eine schwierige Zeit hinter sich. Man sieht es ihr an, wenn sie spricht, und hört es, wenn sie schweigt. Stockend erzählt sie, wie es sie aus der Bahn warf: «Kein Mensch ist unendlich strapazierbar. Es gibt bei jedem diesen Punkt, über den hinaus einfach nichts mehr geht.» Sie senkt den Blick. Wischt mit der Hand über das Gesicht. Schaut in die Ferne. «Und bei mir war der Punkt halt auch einmal erreicht.»

IMMER SCHNELLER; IMMER MEHR Damals stand noch Jungs frühere Chefin der Abteilung in einer Poliklinik des Inselspitals vor. Sie schaute allen ganz genau auf die Finger: hier ein Rapport, der nicht auf die Minute pünktlich ausgefüllt war, dort ein Besteck, das noch sterilisiert werden musste, ein Schemel, der statt unter dem Tisch neben einem Bett stand. Ausserdem herrschte grosser Spardruck. Erika Jung: «Das ging so weit, dass dem Putzpersonal verboten wurde zu plaudern, obwohl es die Zeit vielleicht einmal erlaubt hätte. Und zwar einfach, indem es noch mehr Arbeit aufgebürdet bekam.»
Je mehr Stress «die Pflege» hat, desto eher überlässt sie der Assistenz zusätzliche Aufgaben. Und mit jeder Stufe, die der Druck nach unten durchgereicht wird, potenziert sich sein Gewicht. Immer den Sucher in der Tasche, hetzt Jung durch die Abteilung. Sobald er piept, muss sie rennen. Ein Strudel reisst an der Pflegefrau: «Hol mir, bring mir, such das, versorg dies!» Gegen zwanzig Menschen wirbeln um sie herum. Immer schneller, immer lauter. Und mehr als zwei Wochen am Stück Ferien gibt es nicht. Sie ist jetzt bei einer Stunde Überzeit pro Tag. Will sie mal kompensieren, macht ihr die Chefin ein schlechtes Gewissen. Ihre Arbeit müssten dann halt die anderen auch noch erledigen. Jung erklärt: «Das ist ja das Absurde. Einerseits wird im Gesundheitswesen gespart. Andererseits wird bestraft, wer einmal nicht mehr kann.»

DER ZUSAMMENBRUCH Es kommt ein Tag, an dem sie ihrem kranken Vater hätte beistehen sollen. Sie will freimachen. Darf nicht. Jung erscheint trotzdem nicht zur Arbeit. Sie fragt: «Was hätte ich anderes tun sollen?» Danach muss sie zusätzlich zu ihren Aufgaben auch noch eine Assistentin einarbeiten. Da ist er, der Punkt. Sie bricht zusammen. Verspannungsschmerzen am ganzen Körper, taube Füsse, Ohnmachtsanfälle. Die Freizeit reicht nicht mehr zur Erholung. Statt auszugehen, Freunde zu treffen, verkriecht sie sich immer mehr. Sie schläft nur noch. Kocht kaum. Greift zu Fertiggerichten. Nimmt zu. Wenn sie nach einem oder zwei Tagen wieder zur Arbeit erscheint, ist sie ausgelaugt vom Schlaf und versehrt vor Einsamkeit.
Hat sich denn niemand auf der Abteilung gegen die Zustände gewehrt? Einzeln oder als Kollektiv? Gab es keine Anlaufstelle? «Einmal hatten wir eine Supervision», sagt Jung. «Allerdings in Anwesenheit der Chefin. Statt die Missstände aufs Tapet zu bringen, wurden sie unter den Teppich gekehrt und nur Nebensächlichkeiten besprochen. » Vielleicht auch, weil alle wissen, dass es nicht mehr lange dauert, bis die Chefin in Pension geht. Doch Erikas Abwärtsspirale dreht weiter. Eine Kieferhöhlenentzündung. Kopfweh. Erbrechen und Muskelbrennen.
Dann hat die Chefin ihren letzten Arbeitstag. Die Pflegedienstleitung ernennt eine Frau aus den Reihen des Personals zur neuen Stationschefin. Während alle Atem holen, bleibt die Depression an Erika Jung kleben: «Mir war sogar, als würde sie sich hinter dem nachlassenden Druck nur noch freier ausbreiten können.» Doch der neuen Chefin bleibt das Martyrium nicht verborgen. Mehrere Male nimmt sie die Pflegeassistentin zur Seite. Fragt nach: «Was ist los mit dir? Was bedrückt dich? Kann ich etwas tun für dich?» Sie rät ihr, sich einem Arzt anzuvertrauen, der sie ordentlich krank schreiben solle. Sie weist sie auch immer wieder darauf hin, dass das Inselspital mit der Personalberatung eine vertrauliche Anlaufstelle habe. Jung nimmt stattdessen erst mal drei Wochen unbezahlten Urlaub. Bei 3300 Franken Nettolohn für ihre 80-Prozent- Stelle. Sie verschläft die ganze Zeit buchstäblich.

ES GEHT SCHON... Erika Jung kommt auf die Abteilung zurück, zusätzlich beladen mit Schulden: zum unbezahlten Urlaub kommen die Kosten für einen Wohnungswechsel, ausserdem Akupunktur- und Shiatsu-Behandlungen und andere von der Krankenkasse nicht gedeckte Kosten. Da will ihre Chefin der Not nicht länger zuschauen. Am Anfang fühlt sich Jung bedrängt, da ihre Vorgesetzte entschieden meint: «Wir brauchen dich hier. Aber so geht es nicht weiter!» Sie akzeptiert keine Ausflüchte mehr, kein weiteres «Es geht schon».
Jung ist so weit, das Kriseninterventionszentrum KiZ zu beanspruchen. Drei Wochen wird sie ambulant behandelt, vier Wochen stationär. Sie geht zur psychosomatischen Beratung, findet dank ihrem Hausarzt einen guten Psychiater, bekommt Medikamente und erscheint nach 14 Wochen Abwesenheit wieder an ihrem Arbeitsplatz.
Doch die Chefin wartet nicht einfach ab, wie sich die Dinge entwickeln. Stattdessen überzeugt sie Jung davon, sich endlich an die Personalberatung zu wenden. Ihre Probleme sind ja nicht aus der Welt. Allein die Schulden: Bei 3300 Franken Lohn, fixen Gesundheitskosten von 530 Franken im Monat, der Miete – wie soll da das chronisch überzogene Konto wenigstens wieder gegen null kommen? Und wie soll gleichzeitig der Notwendigkeit einer Arbeitspensumreduktion Rechnung getragen werden?
Der Termin bei der Personalberatung steht: Schon nach dem ersten Gespräch mit einer der zwei zuständigen Sozialarbeiterinnen in diesem Dienst, der allen über 7800 Mitarbeitenden des Spitals jeder Hierarchiestufe offensteht, sieht Erika Jung, dass es für die eine oder andere Schwierigkeit eben doch eine Lösung gibt. So kann sie mit Hilfe eines Fonds für ein halbes Jahr auf 60 Prozent reduzieren, ohne beim Lohn Einbussen hinnehmen zu müssen. In weiteren Gesprächen bietet ihr die Sozialarbeiterin eine Schuldenberatung an und kommt schon nach kurzer Zeit auf einige Vorschläge, wie Jung ihr Budget ohne Einschränkungen bei der Lebensqualität entlasten könnte: indem sie zum Beispiel bei der Krankenkasse das Hausarztmodell wählt und indem sie einsieht, dass es günstiger kommt, wenn sie selber kocht, anstatt Fastfood zu essen. Und erst noch gesünder ist.
Auch Jungs Chefin hat eine Idee entwickelt: «Wie wäre es, die eine oder andere administrative Tätigkeit auf der Abteilung zu übernehmen und dafür die Pflegearbeit etwas zu reduzieren? »

FERIEN AM MEER Mit jedem Tag geht es Erika Jung jetzt besser. So hat sie ihre Freude am Kochen wiederentdeckt. Hie und da lädt sie sogar jemanden zu einem Pilaw-Gericht oder «Penne alle cinque pi» ein, um sich zusätzlich zu motivieren. «Ich brauche aber Zeit dazu. Ich muss die Sachen erspüren können.» Es wird noch ein wenig Geduld brauchen, bis sie wieder an ein Konzert gehen und tanzen kann, ohne innert Kürze vor Müdigkeit zitternd die Übung abbrechen zu müssen.
Zwei Anschaffungen hat sie auch schon gemacht: einen Akkubohrer und eine Schleifmaschine. Denn: «Ich restauriere fürs Leben gern alte Möbel.» Und abends liest sie jetzt vor dem Einschlafen in einem Krimi oder einem Geschichtsbuch. Ja, sie befindet sich auf dem Weg der Besserung. Und bald schon kann sie sich vielleicht den Traum erfüllen, den sie als ihr Fest feiern wird: «Ferien am Meer!»

work, 17.09.2015