Der Zug fährt los, in Richtung Neuenburg. Wir wollen uns die Ausstellung über die Fremden auf Schweizer Abstimmungsplakaten seit 1919 anschauen: «L’étranger à l’affiche». Abstimmung über das Hausiererverbot (1934); über Schwarzenbachs Überfremdungsinitiativen (1970er Jahre); die Mitenand-Initiative (1981) und über die erleichterte Einbürgerung für Secondos (2004) usw.: ein Jahrhundert Schweizer Migrationspolitik. Es ist eine Freiluftausstellung. Wir haben mit dem Historiker Hans Ulrich Jost abgemacht. Er wird mit work einen Spaziergang durch die Ausstellung machen – und kommentieren.
Kerzers im Berner Seeland zieht am Zugfenster vorbei. Schwarze Erde, hellgrüne Setzlinge in langen Reihen. Da läutet das Handy. Es ist work-Produzentin Bettina Epper: «Die Ausstellung gibt es nicht mehr. Es war ein Vandalenakt», sagt sie. Die Ausstellungsmacher hätten soeben ein Mail geschickt, die Plakate seien teils zerstört, teils gestohlen worden. «Brecht ihr ab?» Der Zug rollt. Saint-Blaise-Lac mit seinen Reben zieht vorüber. Zu spät, um umzukehren.



FREMDE FÖTZEL
Neuenburg am grauen See. Der Himmel weint, es regnet Fäden. Selbst das Begrüssungsplakat der Ausstellung hängt traurig in Fetzen. Leere Metallständer, so weit das Auge reicht. Hans-Ueli Jost steht unter seinem Regenschirm und schüttelt den Kopf: «Warum gerade diese Ausstellung?» fragt er. Dass man Plakate verschmiere, nun ja, aber dies: «ein systematischer Saubannerzug!».



Jost hat schon viel erlebt, in seiner eigenen Geschichte, aber auch in jener früherer Generationen: Aber so etwas … «Irgendwie typisch», sagt er und redet sich in Fahrt: «Mich erinnert das an eine leider weitverbreitete Art, wie in der Schweiz mit dem Fremden umgegangen wird: Nicht diskutieren, nicht lange fackeln, weg damit!»
Mit der Angst vor dem Fremden werde in der Schweiz stärker als in anderen Ländern gearbeitet. Auch vor dem Fremden im schweizerischen Inneren.

Jost: «Das läuft in der Schweiz seit langem: Im Ancien Régime, also in der alten Eidgenossenschaft vor 1798, waren die katholischen Luzerner für die protestantischen Berner fremde Fötzel. Vor der Gründung des Bundesstaates 1848 fürchteten sich die reichen Genfer Calvinisten vor der Einwanderung der armen Walliser, die Arbeit suchten. Man hatte Angst, diese würden zu Sozialfällen und müssten dann finanziell unterstützt werden. Heute heisst diese Angst ‹Einwanderung in die Sozialsysteme›. Selbst SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga politisiert damit.»

DIE GLUT
Wenn der pensionierte Geschichtsprofessor Geschichte erzählt, erzählt er Geschichten. Jost kann die Industrialisierung genauso zum Leben erwecken wie die hohen Herren zu Bern und die Spinnereiarbeiterinnen im Zürcher Oberland.
work: Hans Ulrich Jost, wie entsteht eigentlich Fremdenfeindlichkeit?
Hans Ulrich Jost: «Fremdenfeindlichkeit muss man sich vorstellen als Glut, die jederzeit zu Feuer aufflammen kann, weil gewisse politische Kräfte in diese Glut blasen. In der jüngeren Schweizer Geschichte waren das meist kleinere, konservative bis rechtsnationalistische Parteien, die die Angst vor dem Fremden schürten, um ihren Wahlkampf aufzumotzen. So konnten sie mehr Aufmerksamkeit erlangen. Bevor Christoph Blocher die SVP ab den 1980er Jahren modernisierte, war die Partei auf dem absteigenden Ast. Der fremdenfeindliche SVP-Kurs verhalf der Partei zu ungekannter Blüte. Dasselbe war in den 1970er Jahren auch James Schwarzenbach mit seiner Republikanischen Partei gelungen.
Das Erfolgsmuster ist einfach: Es ist vielleicht Krise, wirtschaftlich läuft es nicht gut, es herrscht Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit, kurz: Es bestehen reale Probleme in einer Gesellschaft. Da kommen diese politischen Brandstifter und sagen: Die Einwanderung ist an allem schuld. Die Ausländer sind an allem schuld. Der böse, gefährliche Ausländer ist an allem schuld. Er will uns unseren Reichtum wegnehmen. So argumentieren sie. Und spielen mit rassistischen Stereotypen. Der Jude, der Araber, aber auch: der böse Kommunist, der Bolschewik. Die böse Sowjetunion, die uns bedroht, die böse EU, die uns bedroht. Die Feindbilder wechseln, das Vorgehen bleibt.»

DIE ROTE GEFAHR
Wir spannen einen nassen, zerrissenen Plakatlappen auf. Ein Schwarm schwarzer Mücken fliegt auf. Es regnet immer noch.



Das Plakat von 1934 zeigt Hausierer, die eine ängstliche Frau bedrängen. Sie sind keine Schweizer, obwohl es doch meist Schweizer aus armen Verhältnissen waren, die damals hausierten. Sie sind Fremde: der deutsche Jude, ein Orientale usw.

Jost: «Hausierer wurden schon seit langem wie Fremde behandelt, auch wenn viele von ihnen Schweizer waren. In der Krise der 1930er Jahre sollte in Basel ein Hausierverbot das Kleingewerbe schützen. Dies bot fremdenfeindlichen Kreisen einmal mehr die Gelegenheit, die Ausländer anzuschwärzen.»

In der Zwischenkriegszeit zeigten rechte Kreise den bösen Fremden auch gerne als Kommunisten. Sie beschworen die rote Gefahr, Stalin als roten Teufel, der die Schweiz bedroht.

Jost: «Der Antikommunismus war seit der russischen Revolution ein beliebtes Propagandamittel von rechts. Stellte man eine Abstimmung oder eine Person in die kommunistische Ecke, hatte sie schon halb verloren. Das zieht sich eigentlich bis heute durch, auch die SVP operiert mit den ‹Linken und Netten› als Feindbild. Und schon Gotthelf tat es. Der Roman ‹Jakobs Wanderungen› des Emmentaler Dichters von 1846/47 ist nichts anderes als ein antikommunistisches Pamphlet. Da kommen kommunistische Intellektuelle vor, die den Handwerksburschen Jakob ideologisch verführen wollen. Sie sind beschrieben als angsteinflössende Ausländer, mit komischen Kleidern und Schweinsborsten im Gesicht. Gotthelf schrieb wörtlich ‹Schweinsborsten›! »

DER EIDGENÖSSISCHE LUMPEN
Wo das Fremde naht, ist das Schweizerkreuz nicht fern. Linke wie rechte Plakate zeigen das Kreuz, die Schweizer Fahne.



Ein riesiges Schweizerkreuz bildet den von weither sichtbaren Hintergrund für eine dramatische Szene auf einem Plakat von 1919: Ein doppelköpfiger Drache, ein kommunistisches Monster, bedroht die Schweiz. Eine Stadt steht schon in Flammen. Da schwingt der mutige Urschweizer in der Hirtenbluse sein Schwert. Der Plakat-Slogan: «Klauen weg! Die Schweiz den Schweizern.»



Und die Schweizer Fahne ziert sowohl das SVP-Plakat zum Minarettverbot von 2009 (3) als auch das «Schafplakat» zur SVP-Ausschaffungsinitiative 2007. Aber auch von Mitte bis links kämpfen die Parteien im Namen des Schweizerkreuzes.



Auf dem Anti-Schwarzenbach-Plakat gegen die dritte Überfremdungsinitiative von 1974 sind sechs Männlein als Menschenpyramide aufgestellt. Fünf von ihnen im Sennenlook: Sennentschopen mit Schweizerkreuz, Sennenkäppli mit Schweizerkreuz. Nur einer in der untersten Reihe trägt Gelb und Schnauz: Der «Gastarbeiter». Die politische Message: «Wenn die Pyramide fällt, fällst Du auch. Nein zur Überfremdungsinitiative!»



Mit Schweizer Fähnli und Fondue- Caquelon warben 2004 auch die Secondos für die erleichterte Einbürgerung. Im Caquelon schwimmt kein Käse. Es ringeln sich die Spaghetti.

Hans Ulrich Jost, wie kam das Schweizerkreuz in die Politik?
Hans Ulrich Jost:
«Mit dem Aufkommen des Nationalismus, also relativ spät. Doch nach dem Ersten Weltkrieg wird das Schweizerkreuz plötzlich sehr wichtig, ja heilig. Es symbolisierte die Sonderstellung der Schweiz, die Schweiz als europäischen Sonderfall. Und wer sich darüber lustig macht, begeht ein kleines Verbrechen. 1932 gab es in Lausanne einen aufsehenerregenden Prozess gegen einen Linken, der die Schweizer Fahne öffentlich als eidgenössischen Lumpen betitelt hatte. Er wurde sofort verurteilt.»

Als Vaterlandsverräter? «Beinahe. Zumindest aber für die Beleidigung der Fahne, des Vaterlandes. Ab den 1930er Jahren kommt von rechtsbürgerlicher Seite der Begriff der ‹Heimat› ins Spiel und die Verteidigung der Heimat. Der Patriotismus also. Ein Patriot ist ein Schweizer, alle anderen sind unschweizerisch. ‹Schweizerisch› und ‹unschweizerisch› werden zu Kampfbegriffen in der geistigen Landesverteidigung. Als ‹unschweizerisch› galt das Hochdeutsche. Dies als Abgrenzung zum Nationalsozialismus.
Schweizerisch war, wie das Volk sprach, also Dialekt. Es gibt mehrere Schweizer Filmklassiker, in denen der Böse perfektes Bühnenhochdeutsch redet. Auch Kaugummi, Lippenstift und Zigaretten galten als unschweizerisch. Es gab sogar mal ein Buch, das Bergwanderungen ohne Kaugummi, Lippenstift und Zigaretten anpries.»

Als unschweizerisch galten auch die Linken, oder?
«Ja, wer beispielsweise das kommunistische ‹Vorwärts› abonniert hatte, war kein echter Schweizer. Auf derselben Klaviatur der Ausgrenzung Andersdenkender spielt heute die SVP mit ihrem Wahlslogan: ‹Schweizer wählen SVP›. In dieser Logik sind alle, die nicht SVP wählen wie zum Beispiel die ‹Heimatmüden›, auch das eine Wortprägung Blochers, keine Schweizer.»

DAS KREUZ MIT DEM KREUZ
Auf unseren Schirmen spielen schwere Regentropfen Jazz. Das schwarze Schaf der SVP hängt lumpig vom Ständer. Jetzt kommt auch noch Wind auf. Unser Spaziergang ist wie eine archäologische Ausgrabung: Wo hat es noch Überreste von Plakaten?
Jost sagt, die Sache mit der Linken und dem Schweizerkreuz sei immer heikel gewesen. Die Linke war einerseits in Opposition zum bürgerlichen Staat. Deshalb lehnte sie auch dessen Symbole ab. Sie wollte nicht nationalistisch sein, sondern internationalistisch. Und solidarisch. Doch irgendwann tauchte die Frage auf: Warum sollen nur die Bürgerlichen diese Symbole tragen? Die Schweiz gehört schliesslich nicht nur ihnen.

Jost: «Ende der 30er Jahre trugen Gewerkschaften und Sozialdemokraten erstmals eine Schweizer Fahne am 1. Mai mit sich. Die bürgerliche Presse reagierte heftig und sprach von einem Skandal, dass sich die Linke wage, das heilige Symbol am roten 1. Mai mitzutragen. Das zeigt zweierlei: Erstens konnte die Linke den Klassenfeind mit dem Schweizerkreuz provozieren. Es war also ein gutes Propagandamittel. Und zweitens: Die Linke begann, das Schweizerkreuz umzudeuten. Das Fondue-Caquelon mit dem Schweizer Fähnli und den Spaghetti auf dem Secondo-Plakat zeigt es exemplarisch: Spaghetti bedeuten heute schon Heimat in der Schweiz.»



KURZE LÜGEN
Das Spaghetti-Fondue-Plakat ist, neben dem Mitenand-Plakat der Gewerkschaften, eines der träfsten linken Plakate in der Ausstellung. Es bringt die Botschaft auf den Punkt. Das gelingt anderen Plakaten von links nicht. Im Vergleich zu den SVP-Hammer-Affichen wirken sie oft harmlos, abstrakt stilisiert, intellektuell abgehoben. Warum?

Jost: «Die Plakatsprache der Linken war möglicherweise weniger aggressiv, weil sie sich als Trägerin des Humanismus im 20. Jahrhundert sah. Sie machte sich für die Sozialpolitik stark, für Solidarität, für den Menschen. Typisch für diese Haltung ist Max Frischs Ausspruch: ‹Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.› Und die Linken wollten sich immer vom rechten Populismus abgrenzen.»

Die Linken hätten zwar auch ihre Stereotype gepflegt: zum Beispiel den stumpenrauchenden, dicken Kapitalisten im Nadelstreifenanzug. Doch sie haben ihn nie als Ungeziefer dargestellt, das man zertreten und ausrotten müsse. So, wie es die radikale Rechte mit ihren Gegnern macht.

Jost: «Die radikale Rechte sprach immer eine aggressive Plakatsprache. Das tut auch die SVP: Auf ihren Plakaten wird geschlitzt, zertrampelt, marschiert, gehetzt und gedroht.»

Der Walliser SVP-Politiker Oskar Freysinger habe das sehr schön gesagt: Eine gute Lüge, kurz formuliert, wirke viel besser, als eine lang erzählte Wahrheit.

Jost: «Das ist auch das Prinzip der SVP-Plakate. Die Linke hingegen steht in der Tradition der Aufklärung. Sie will erklären und aufklären. Wo klare, kurze Botschaften gefragt sind, kann das zum Handicap werden.»

BEI DEN LEUTEN
Auf einmal steht Ausstellungsmacher Francesco Garufo neben uns. Auch er ist Historiker. Und zurzeit ein wenig gestresst. Der Sohn italo-spanischer Einwanderer kommt vorbei, um Fotos der Zerstörung zu schiessen. Für die Polizei. Er will eine Klage gegen Unbekannt einreichen. Und er muss einen neuen Ausstellungsort suchen. Neue Plakate in Auftrag geben. 2009 im Abstimmungskampf über das Minarettverbot hatten er und Christelle Maire vom Forum für Migrations- und Bevölkerungsstudien die Idee zur Ausstellung. Es folgten anstrengende Jahre der Umsetzung: Sponsoren suchen, Originalplakate beschaffen usw. Sie wollten mit ihrer Ausstellung nicht ins Museum. Sie wollten auch keine virtuelle Ausstellung im Internet machen. Garufo: «Wir wollten die Plakate in ihrem natürlichen Umfeld zeigen, also draussen und nahe bei den Leuten.»
Gerade rechtzeitig vor der nächsten Abstimmung zu einem noch schärferen Asylgesetz am 9. Juni. Und im Vorfeld der fremdenfeindlichen Initiativen «gegen Masseneinwanderung» der SVP und «Stop der Überbevölkerung» der Ecopop. Jetzt müssen Garufo und Maire wieder von vorne anfangen. Jedenfalls fast. .............................................................................................................
L’étranger à l’affiche: www.letrangeralaffiche.ch.
Die Freiluftausstellung über das Fremde auf Abstimmungsplakaten in Neuenburg ist zurzeit geschlossen, da sie von Vandalen zerstört wurde. Die Ausstellungsmacher werden sie aber sobald als möglich wiedereröffnen. In Neuenburg bleibt sie noch bis zum 1. September. Dann reist sie in andere Schweizer Städte. Geplant ist auch ein Katalog zur Ausstellung. Wer genügend Geduld hat, kann auf der Internetseite auch alle 52 Plakate anschauen. Sie werden wechselnd eingespielt.

Plakate: Plakatsammlung der Schule für Gestaltung Basel, Bibliothèque De Genève, Nationalbibliothek Bern

work, 23.05.2013