«SVP und Freisinn fordern mehr Krebs für Bauarbeiter»: Unter diesem Titel informierte work im März (5/04) über eine Motion der jüngsten Nationalrätin Jasmin Hutter (SVP). Darin forderte die Baumaschinenverkäuferin, die im elterlichen Geschäft als Marketingleiterin tätig ist, die Aufhebung der Ausrüstungspflicht von Baumaschinen mit Russpartikelfiltern. Sie seien zu teuer, technisch noch nicht ausgereift und ein Konkurrenznachteil auf dem Markt. 64 Nationalrätinnen und Nationalräte aus SVP und Freisinn, darunter der Baulobbyist Georges Theiler, Gewerbeverbandsdirektor Pierre Triponez, Ex-Talkmaster Filippo Leutenegger, Säulibauer Hermann Weyeneth und Christoph Mörgeli, unterzeichneten das Begehren.

Absolute Kehrtwende
Und siehe da: Hutter (gegen «Scheinasylanten», gegen «Staatskinder») findet auch Gehör im Bundesrat. Per Mitbericht empfiehlt SVP-Justizminister Christoph Blocher die Motion aus wirtschaftlichen Gründen zur Annahme. Dies gegen den Willen des für das Dossier zuständigen SPUmweltministers Moritz Leuenberger. Und auch entgegen allen bisherigen bundesrätlichen Stellungnahmen: Zweimal, im Dezember 2001 und im Juni 2002, stellte der Gesamtbundesrat fest, «dass der Einsatz von Partikelfiltern auf Baumaschinen im überwiegenden Interesse der Bevölkerung und der Arbeitnehmer auf Baustellen» liege und «sowohl technisch wie auch betrieblich möglich und wirtschaftlich tragbar» sei. Doch seit SVP-Chefdenker Blocher im Bundesrat sitzt, ist alles anders. «In einer Zeit des dringend benötigten Aufschwungs erachten wir das Ziel der Motion als sinnvoll», so der Mitbericht aus Blochers Departement. Die Ausrüstungspflicht für Partikelfilter erschwere den wirtschaftlichen Erfolg der ganzen Baubranche. Blochers Argumente sind unmenschlich, aber auch wirtschaftlich falsch. Unmenschlich: Russpartikel sind extrem gesundheitsschädigend und erzeugen Krebs. Das sagen renommierte Krebsspezialisten. Ohne Partikelfilter in Baumaschinen wird es in der Schweiz bis im Jahr 2020 1300 Tote mehr geben. Das sind jedes Jahr rund 100 Tote mehr. Diese Zahlen wurden nach der wissenschaftlich anerkannten Berechnungsmethode der Weltgesundheitsorganisation WHO erhoben. Wirtschaftlich falsch: «Die Einführung der Partikelfiltertechnik hat die Umsätze der Baubranche steigen lassen, neue Firmengründungen ausgelöst, neue Arbeitsplätze geschaffen und damit zum Wachstum beigetragen», sagt Friedrich Legerer, Sprecher des Arbeitskreises der Partikelfilterhersteller (AKPF), eines Zusammenschlusses weltweit führender Herstellerfirmen.

Filter funktionieren
Doch Zahlen und wissenschaftlich gesicherte technische und medizinische Erkenntnisse lassen Blocher und seine Baumaschinenlobbyisten kalt. «Sie gehen über Leichen, wenn es darum geht, den Profit zu maximieren », kommentiert GBIChef Vasco Pedrina. «Die Partikelfiltertechnik ist noch nicht ausgereift. Die Filter machen den Motor kaputt», weiss dagegen der Mitunterzeichner der Motion Hutter, FDP-Nationalrat und Berater der Batigroup, Georges Theiler, auf Anfrage. Dem Baufachmann scheint entgangen zu sein, dass sämtliche Baumaschinen im Schweizer Tunnelbau bereits heute mit Partikelfiltern funktionieren. Problemlos. «Wenn alles, was krebserzeugend ist, verboten werden müsste, könnten wir gar nicht mehr aus dem Haus», versucht SVP-Schreinermeister Toni Bortoluzzi ein Witzchen. Keinen Kommentar abgeben will Blocher selber. Der Entscheid des Bundesrates zur Motion Hutter stehe schliesslich noch aus.


Der Zürcher Arzt und Lungenspezialist Karl Klingler zu Russ und Gesundheit. Interview: Maria Roselli

Wie wirken sich Baumaschinen ohne Partikelfilter auf die Gesundheit von Bauarbeitern aus? Karl Klingler:Ohne Partikelfilter in Baumaschinen werden wir in der Schweiz bis im Jahr 2020 1300 Tote mehr haben. Jedes Jahr sind dies rund 100 Tote mehr. Diese Zahlen wurden nach der wissenschaftlich anerkannten Berechnungsmethode der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erhoben. Mit anderen Worten: Würde die Ausrüstung von Baumaschinen mit Partikelfiltern gestoppt, hätte das verheerende gesundheitliche Folgen für die Bauarbeiter. Russpartikel sind winzig klein und können, wenn sie eingeatmet werden, chronische Bronchitis, Herz-Kreislauf-Probleme und Krebs verursachen. Die Dieselpartikel lagern sich in den Atemwegen und in den Lungenblasen ab, wo sie Veränderungen im Lungengewebe hervorrufen. Besonders gefürchtet ist der Lungenkrebs.

Gibt es einen Grenzwert, unter dem Russpartikel von Dieselmotoren keine Gefahr für die Gesundheit der Menschen darstellen?
Nein, denn jeder Körper reagiert – je nach genetischer Veranlagung – anders auf die Emissionen. Gewisse Menschen erkranken deshalb schneller als andere. Das Einzige, was getan werden kann, ist, die Emissionen möglichst ganz zu verhindern.

Gegnerinnen und Gegner der Partikelfilter argumentieren, die Aufrüstung der Baumaschinen koste Milliarden und behindere die Konkurrenzfähigkeit der Baumaschinenindustrie.
Wenn wir schon mit Kosten argumentieren wollen, dann müssen wir von den Gesundheitskosten reden, die entstehen, wenn wir die Baumaschinen nicht aufrüsten. Diese betragen laut Buwal vier Milliarden Franken. Eher unscheinbar nehmen sich dagegen die 1,4 Milliarden Franken aus, die die Aufrüstung von Baumaschinen mit Partikelfiltern kostet.

Was halten Sie von einem Bundesrat, der im Wissen dieser Gesundheitsschäden und ihrer Folgekosten vorschlägt, aus wirtschaftlichen Gründen auf Partikelfilter zu verzichten?
Als Arzt erwarte ich vom Gesamtbundesrat, dass er das Volk vertritt und nicht die Baumaschinenhersteller. Es wäre ein absoluter Skandal und menschenverachtend, wenn der Bundesrat auf Druck von Christoph Blocher bereit wäre, aus wirtschaftlichem Kalkül rund 100 Tote pro Jahr mehr einfach in Kauf zu nehmen.

work, 9.09.2004