Er kenne Lissabon nicht besonders gut, sagt der Taxifahrer und programmiert die Adresse in seinem GPS. Seit einer Woche versucht er sich als Taxi in Portugals Hauptstadt. Mal schauen, ob er damit durchkomme, sagt er. Ende Jahr will er entscheiden. Klappt es nicht, muss er auswandern. Ein Cousin, der in der Schweiz lebt, hat ihn gewarnt: Auch dort sei es nicht einfach, Arbeit zu bekommen. Aber irgendwie muss er einen Weg finden, sein Leben zu verdienen.

DER MENSCH IST MIGRANT Rosana Vale, 24, hat den Sprung schon gewagt. Sie studierte in Portugal, bis die Schuhfabrik ihrer Mutter pleiteging. Ihr Studium durch Arbeit verdienen? Keine Chance. Keine Jobs. Und wenn sich doch ein Job fände: Der Mindestlohn liegt bei 485 Euro, die Studiengebühren allein betragen an die 100 Euro pro Monat. Studentin Vale ist ins Wallis gekommen, als «Zimmermädchen» in einem Hotel. 7 Tage, 12 Stunden pro Tag, rumkommandierende Chefin. «Ich wurde behandelt, als sei ich intellektuell minderbemittelt. Es war so demütigend. Deswegen bin ich nicht in die Schweiz gekommen.» Derzeit ist sie wieder auf Jobsuche, lernt Deutsch und studiert auf englisch.
Vale gehört wie Natacha Freitas zu den rund 1000 Portugiesinnen und Portugiesen pro Monat, die in die Schweiz einwandern. Mit 240 000 Personen stellen die Lusitanier inzwischen schon die zweitgrösste ausländische Bevölkerungsgruppe. Nach den Italienern. Die Schweiz hört Fado und trinkt Vinho verde.
Die beiden jungen Frauen tun das, was Menschen überall auf der Welt und zu allen Zeiten schon immer getan haben: Wenn die Zukunft vernagelt scheint, ohne Chancen und Möglichkeiten, wenn die einzige Aussicht nur noch das passive Erleiden von Armut oder Gewalt ist, ziehen sie aus, sich anderswo ein Leben aufzubauen. Um frische Chancen zu packen. Einen eigenen Weg zu suchen. Migration ist die stärkste Konstante in der Menschheitsgeschichte. Zwischen 1880 und 1890 wanderten 82 000 Schweizerinnen und Schweizer allein in die USA aus. Migration hat schon manches Problem gelöst, bevor es zu Kriegen und Bürgerkriegen kam. Dabei nehmen Migranten viel in Kauf. In Niederhasli ZH wohnen seit drei Wochen Fátima und Paulo Galhano, 25 und 30. Sie ist Betriebswirtschafterin. Er Doktor der Wirtschaftswissenschaften. Jetzt nehmen sie «jeden Job an». Eine «riskante Entscheidung» sei es gewesen, findet Paulo Galhano, aber «wir wollten nicht mehr mit ansehen, wie die Wirtschaft und die Leben der Menschen zerbröckeln».

CAFE LISBOA, GENF Portugals Wirtschaft wird seit Monaten durch Euro-Spekulation und Sparpolitik langsam erstickt. Arbeitende, Staatsangestellte und Pensionierte werden geschröpft. Eine «Sparmassnahme» jagt die andere. Steuererhöhungen, Rentenkürzungen, Sozialabbau. Löhne im Keller, Service public kaputt. Tag für Tag verschwinden fast 900 Jobs. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 16 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit bei knapp 40 Prozent. Immer mehr sehen Auswanderung als einzigen Weg. 2011 sind zwischen 120 000 und 150 000 Portugiesinnen und Portugiesen ausgewandert. Vor allem nach Angola und Brasilien, beides ehemalige Kolonien Portugals. Aber auch in die Schweiz. Portugal ist schon lange ein Emigrationsland. Etwa ein Drittel aller Portugiesen leben im Ausland. In die Schweiz kamen die ersten in den 1970er Jahren. Einwanderer gehen dorthin, wo sie Arbeit finden, Leute kennen und sich schnell einleben können. In Genf zeugen Geschäfte wie Café Lisboa, Café Pessoa, Livraria Camões von der Präsenz der Portugiesen. Kein Wunder: etwa drei Viertel der in der Schweiz lebenden Portugiesen lassen sich in der Westschweiz nieder, denn Französisch lernen sie rasch. Hinzu kommt, dass sie oft Berufe ausüben, in denen sie die Sprache kaum brauchen. Rosa ist Putzfrau in Zürich, und sie konnte kein Deutsch lernen: »Ich arbeite ja immer alleine. Wenn ich komme, gehen die Leute weg. Mit wem soll ich da sprechen und die Sprache üben?»
Nach der Nelkenrevolution 1974, die Portugals Diktatur stürzte, hat das Land stark in die Bildung der Bevölkerung investiert. Jetzt wandern nicht nur Leute mit niedriger Qualifikation aus. Über Internetsuchportale werden in Portugal Arbeitnehmende fürs Ausland geworben: Gesucht werden hauptsächlich Ärzte, Ingenieurinnen, Informatiker.

DAS RÄTOROMANISCH RETTEN Auch in der Schweiz trifft man immer mehr Portugiesen mit guter Ausbildung. Viele kommen mit einem Vertrag, andere auf gut Glück: Wenn es sonst nicht klappen sollte, arbeiten sie halt, wie frühere Generationen von Zuwanderern, auf dem Bau, im Gastgewerbe, in der Reinigung oder in der Landwirtschaft. Sie lernen aber die hiesige Sprache schneller und sind über die neuen Medien besser vernetzt.
Portugiesen leisten einiges in der Schweiz: 25 Prozent der Arbeiter bei der Neat kamen aus Portugal. In der Pflege dürfte der Anteil noch höher liegen. In Graubünden sind die Portugiesen mittlerweile die stärkste Migrantengruppe. Da sie romanische Sprachen leichter lernen, wurde das Projekt «Piripiri» (Chilischote) im Engadin ins Leben gerufen. Ziel: Portugiesen sollen Rätoromanisch lernen. So helfen sie, die Minderheitssprache zu retten.

GEHEN? BLEIBEN? Dennoch gehört zum Image der Portugiesen: ein hoher Arbeitswille und eine geringe Bereitschaft zur Integration. Sie seien also Teil einer Parallelgesellschaft. Viele haben tatsächlich ein grosses informelles Netz von Landsleuten und Familienmitgliedern, die sich gegenseitig unterstützen. Vereine spielen eine wesentliche Rolle. Doch nicht nur als Treffpunkt, wo man die heimatlichen Bräuche pflegt, sondern auch für die Integration: es werden Informationen ausgetauscht, Sprachkurse angeboten, und die Zeitschriften dieser Vereine sind oft eine wichtige Informationsquelle für die Mitglieder. Überhaupt haben die Vereine eine zentrale Funktion in der Vernetzung und Unterstützung.
Früher kam man, um Geld zu verdienen, und wollte schnell zurück in die Heimat. Heute haben sich viele niedergelassen. Diejenigen, die gehen wollen, sind oft hin und her gerissen. Wie Rosa: ihr Mann hatte drei Herzinfarkte, kann nicht mehr auf dem Bau arbeiten. Seine Invalidenrente und das, was sie mit ihren Putzjobs verdient, reichen kaum zum Leben. In Portugal wäre es leichter. Aber die Kinder wollen bleiben. Bleiben kann sie kaum, gehen noch weniger. Rui Pacheco, Wirt in Bern, findet es schade, wenn die Menschen vor allem dran denken, nach Portugal zurückzugehen. «Dann leben die nur in der Zukunft und verpassen das Leben.»

work, 4.10.2012