Stolz steht Stadtpräsident Denis de la Reussille im Park der Le-Corbusier-Villa hoch über Le Locle und sagt: «Wir sind eine linke Stadt, und wir haben Erfolg.» Der 51jährige Kommunist regiert seit zwölf Jahren in der Uhrmacherstadt. Die Linke seit 1912. Im französischsprachigen Jura gab es eine lange anarchistisch-revolutionäre Tradition. Als 1912 das Proporzwahlrecht eingeführt wurde, kam die Linke in Le Locle an die Macht. Zum Fototermin hat der Stapi ein Bild von Che Guevara mitgebracht, dessen Leidenschaft er bewundert. Mit dieser Leidenschaft will er sich für seine Stadt engagieren. Le Locles spröder Charme erschliesst sich erst auf den zweiten Blick. Nach dem Brand von 1833 wurde die Stadt schachbrettartig neu aufgebaut, die Häuser zur Sonne gerichtet. In den Fassaden Fenster an Fenster: Das Bedürfnis nach Licht für die Uhrmacher prägt das Stadtbild. Le Locle ist die erste Siedlungsgründung im Neuenburger Jura und gilt als dessen Mère-Commune, Muttergemeinde. Die ganze Stadt steht auf Pfählen wegen des sumpfi gen Untergrunds. 2009 wurden Le Locle und La Chaux-de-Fonds in die Unesco-Weltkulturerbe- Liste aufgenommen. Wegen ihres einmaligen Stadtbildes, das als «urbanisme horloger» bekannt ist.
Auf das Weltkulturerbe ist de la Reussille fast so stolz wie auf die Erfolge seiner Regierung: «Seit sieben, acht Jahren haben wir ausgeglichene Rechnungen. In den vergangenen Jahren haben wir jährlich fast 15 Millionen Franken netto investiert. Und auf unsere 10 500 Einwohnerinnen und Einwohner kommen allein in der Industrie 8000 Arbeitsplätze. » Die drei industriellen Standbeine der Stadt sind Uhrenindustrie, Mikro- und Medizinaltechnik. «Cité de la précision»: Stadt der Präzision, verkünden Infotafeln am Ortseingang.

KOMMUNISTISCHE MEHRHEIT Handfeste Erfolge sind de la Reussille umso wichtiger, als Le Locle in den Städterankings des Wirtschaftsmagazins «Bilanz » regelmässig das Schlusslicht bildet. Gleichzeitig gilt die Stadt als linkste Gemeinde der Schweiz. Seit hundert Jahren wird sie rot regiert. Wie das fünf Kilometer nordöstlich gelegene La Chaux-de- Fonds. Anders als dort, wo die SP die Mehrheit hat, sind es in Le Locle aber die Popistes (Parti Ouvrier Populaire, POP, in der Deutschschweiz Partei der Arbeit, PdA). Im fünfköpfi gen Gemeinderat stellen sie drei Sitze, je einen Sitz haben SP und FDP. Und das in einer Stadt, in der Luxusuhren hergestellt werden, die teils weit über 100 000 Franken pro Stück kosten. Ulysse Nardin, Montblanc und Zenith, um nur einige der Edelmarken zu nennen. Im güns tigeren Segment stammen Uhren von Tissot und Zodiac aus Le Locle. Der Stapi hat kein Problem mit den Edelmarken. Wichtig sei doch, dass Arbeitsbedingungen und Löhne stimmten. Er selbst ist Gewerkschaftsmitglied, «seit ich achtzehn Jahre alt war». Erst beim Smuv, jetzt bei der Nachfolgegewerkschaft Unia.
Im Café Lux kostet der Tagesteller mit Salat am Mittag 13 Franken. Für die REACH (sprich: riches, Reiche) einen Franken weniger. Ein Witz, denn REACH, das sind Pensionierte (retraités), Studenten (étudiants), Lehrlinge (apprentis), Arbeitslose (chômeurs) und Behinderte (handicapés), erklärt Wirtin Anne Knellwolf (53). Sie will, dass sich alle einen Restaurantbesuch leisten können. Darum gibt es auch jeden Montagabend das Fondue für 11 statt 19 Franken. Annes Mann François Knellwolf (53) hat das «Lux» vor sechs Jahren gekauft. Unfreiwillig. Eigentlich wollte er nur den Parkplatz. Für Autos der Bewohner der Lofts, die er in einer alten Fabrik gebaut hat. Doch der war ohne das Café und das leer stehende Kino nicht zu haben. Inzwischen ist das «Lux» ein Treffpunkt geworden. Mit Bowlingbahn und Konzertlokal. Knellwolf ist kein Popiste. Er hätte lieber einen gemischteren Gemeinderat. Trotzdem sagt er voller Stolz: «Wir haben in Le Locle keinen McDonald’s und keine SVP.»

INNOVATIVE IDEEN Gerade am Mittagessen im «Lux» ist auch Pietro Falce (41). Der italienischstämmige Neuenburger leitet gemeinsam mit Ophée del Coso(26) das Théâtre du Casino, das Rückgrat der lokalen Kultur. 350 000 Franken lässt sich das die Gemeinde jedes Jahr kosten. Del Coso und Falce sprudeln noch immer vor Begeisterung, obwohl sie die Co-Direktion schon vor sechs Jahren angetreten haben. Begeisterung über den Saal mit seiner hervorragenden Akustik und modernen Technik. Über die Freiheiten, die sie geniessen. Und über das interessierte und begeisterungsfähige Publikum. Rund die Hälfte der Plätze sind abonniert. Das Leitungsteam hat innovative Ideen. Sie habe immer wieder gehört: Ich würde ja gerne kommen – aber was soll ich dann mit den Kindern machen? sagt del Coso. Seither organisiert das Casino zusammen mit dem Roten Kreuz während aller Vorstellungen einen Gratis-Kinderhütedienst. Fierté et Fidélité, Stolz und Treue, wird den Loclois nachgesagt. Vielleicht sind sie das verbindende Element, mit dem die Stadt ihre Widersprüche leben kann, ohne zu zerreissen. Der Neuenburger alt Staatsrat Pierre Dubois pfl egte zu sagen, im Neuenburger Grossen Rat gebe es «Liberale, Radikale, Sozialisten, Popistes und Loclois». Loclois wie de la Reussille. Ein Kommunist, der «die Generationen weitsichtiger Unternehmer» rühmt, «denen das Kunststück gelungen ist, eine Prä zisionsindustrie zu entwickeln und zu erhalten». Loclois wie André Bernasconi, der Besitzer der Le Corbusier-Villa, wo der Fototermin mit de la Reussille stattfindet. Er war früher Arbeiter, wurde durch Heirat zum Patron. Auf die Büezer will der 91jährige nichts kommen lassen. Genauso wenig wie auf seine Stadt, die unten liegt. Im Loch (trou). – «Ein Trou? Nein! Ein Tal, ein Einschnitt, aber kein Trou!»

EIGENSTÄNDIGKEIT IST WICHTIG Wie man es nennt: das enge Tal, die steilen Hänge setzten Le Locles Ausdehnung klare Grenzen. Im Gegensatz zum über dreimal grösseren La Chaux-de-Fonds. So eng die Zusammenarbeit mit der Schwesterstadt ist, so sehr ist sie von Konkurrenzdenken geprägt. Den 1. Mai feiert man gemeinsam, jedes Jahr alternierend in einer der Städte. Das Technikum mit gut 1000 Studierenden ist in Le Locle, das Gymnasium in La Chaux-de-Fonds. Viele städtische Dienste werden gemeinsam betrieben. Aber anders als La Chaux-deFonds, wo man sich einer Fusion gegenüber aufgeschlossen zeigt, will in Le Locle davon niemand etwas wissen. Auch de la Reussille nicht. Ihre Eigenständigkeit ist den Loclois wichtig. Dazu gehört auch das eigene Unia-Büro an bester Lage. Selbst wenn es nur drei Tage die Woche besetzt ist. Zu tun gibt es genug, sagt Unia-Frau Sandrine Grezet. Die Krise habe viele Stellen gekostet, und sie glaube nicht, dass es für alle Entlassenen wieder Jobs gebe. Grezet weiss, wovon sie spricht. Über ein Jahr suchte sie selbst für den Wiedereinstieg vergeblich eine Stelle. Schliesslich kam sie über ein Beschäftigungsprogramm als Sachbearbeiterin zur Unia. De la Reussille sieht weniger schwarz. Know-how und Ingenieurschule würden Le Locle zum attraktiven Standort machen. Mittlerweile habe man mehrere industrielle Standbeine. Und vor allem im sozialen Bereich habe der Gemeinderat in den letzten Jahren viel verbessert: «Wir haben beispielsweise die kommunalen AHV-Ergänzungsleistungen verdoppelt.» Und trotz Investitionen in die Infrastruktur wurde sogar der Steuerfuss gesenkt. Positiv stimmen den Stapi auch Menschen, die sich für die Stadt engagieren. Wie François Knellwolf. Der plant schon sein nächstes Projekt. Es geht um das heruntergekommene Gebäude an der Grand-Rue 1. Hier wurde in der Nacht auf den 29. Februar 1848 die Schweizer Fahne gehisst und die Republik Le Locle ausgerufen. Das Startsignal für die Neuenburger Revolution. Knellwolf und seine Mit initianten wollen den Bau sanieren und ein Hotel einrichten. Dabei ist auch Céline Jeanneret (36). Sie betreibt seit sieben Jahren mit viel Liebe und Engagement ein Bed and Breakfast in der ehemaligen Uhrenmanufaktur Dubois. Jedes der fünf Zimmer ist anders eingerichtet und hat seinen eigenen Charme. Hôtelière Jeanneret könne dem Hotelprojekt eine Seele geben, glaubt Anne Knellwolf. Statt Konkurrenzdenken und Parteiengezänk zieht man am gleichen Strick. Statt zu ellbögeln nimmt man Rücksicht. Das ist das rote Geheimnis von Le Locle.

work, 26.04.2012