work: Sie sind ein erfolgreicher
Industrieller, Herr
Hayek. Aber man sagt uns
seit Jahren, die Industrie
sei in der Schweiz ein
Auslaufmodell.
Nicolas G. Hayek: Das ist grosser
Quatsch. Seit vier Jahrzehnten
behaupten Banker und Betriebswirtschafter,
die Zeit der Handarbeit
sei vorbei. Wir sollen
zur Dienstleistungsgesellschaft
werden. Zum reinen Denkplatz.
Dagegen habe ich mich immer
mit aller Vehemenz gestemmt.
Denn es ist ein grosser Irrtum.
Ohne Produktion gibt es keinen
Denkplatz. Ohne Produktion
sind wir vielleicht noch immer
reich, für eine gewisse Zeit, aber
wir sind dann ein abhängiges
Land ohne eigene Kultur. Unsere
grösste Stärke ist doch, dass
wir Hand und Kopf zusammenarbeiten
lassen.
Manche Vertreter der
Unternehmerverbände behaupten,
bei den Löhnen
hier könne man gar nicht
mehr produzieren.
Wer das sagt, ist kein Unternehmer.
Klar, kann man hier keine
Plasticsäcke machen. In den Produkten
muss schon etwas von
unserem Wissen stecken. Ein
zusätzlicher Wert.
Also keine billige Massenproduktion
mehr?
O doch! Wir bauen jedes Jahr
viele Millionen Swatch-Uhren.
Das ist Massenproduktion.
Wichtig ist, dass in der Swatch
manches steckt, was genau so
nur wir können. Als ich in die
Uhrenindustrie kam, wollten
die Banken die Industrie aufgeben.
Mein Auftrag war, Käufer
zu finden, zum Beispiel Japaner.
Das war nach der grossen Krise
der 70er Jahre. Einige Manager
wollten weiter produzieren –
aber nur noch in Asien. Sie hatten
mit der Auslagerung schon
begonnen. Es war ein grosser
Kampf, die Produktion hierzubehalten
und neu aufzubauen.
Der Chef eines japanischen
Uhrenkonzerns hat mir damals
geraten: Macht Käse, Schokolade
und betreibt Banken. Wir
machen den Rest. Später kam er
nach Basel und hat sich dafür
entschuldigt.
Industrielle Produktion
in der Schweiz,
trotz hohen Kosten?
Selbstverständlich. Sicher spielen
die Kosten eine zentrale Rolle.
Aber unsere grössten Kosten
sind nicht die Leute. Sie sind
etwas ganz anderes als Kosten:
Sie sind der wichtigste Aktivposten.
Ihr handwerkliches Können,
ihr Sinn für die innere Harmonie
eines Produkts, für die
Schönheit sind ein wichtiger
Input der Uhrenindustrie. Was
geschieht, wenn eine Firma die
Kosten senken will? Sie lässt
Berater kommen, meist jene
einer grossen amerikanischen
Firma. Die sind jung, sehen gut
aus, reden amerikanisch und
haben eine Menge Diplome von
Harvard oder St. Gallen. Aber sie
haben eines nicht gelernt: Unternehmer
zu sein. Wenn du einen
Esel nach Salzburg schickst,
macht das aus ihm noch keinen
Mozart. Und ein Kamel wird
auch in Harvard kein Henry
Ford.
Also streichen sie
Arbeitsplätze…
Das ist einfach. Das kennen sie.
Personal weg, Kosten weg. Viel
schwieriger ist es, die Kosten zu
senken, wo es etwas bringt und
wo man nicht die Grundlage
der Produktion zerstört: das
Wissen und Können der Mitarbeitenden.
Mit Verbesserungen
beim Produkt. Beim Material. In
der Organisation der Arbeit.
Was würden wir verlieren,
wenn dieses Land keine
Maschinenschlosser oder
Uhrmacher mehr hätte?
Eine riesige Menge Kultur. Wir
würden unsere Lebensform verlieren.
Nicht Geld. Im Moment
reden alle nur noch von Geld.
Wir würden viel mehr verlieren.
Unsere Kultur der Kreativität.
Der Innovation. Der guten Arbeit.
Der Verbesserung unserer
Lebensqualität. Wir müssen unseren
Werkplatz unter allen
Umständen verteidigen. Er ist
das Wichtigste. Wichtiger als
der Finanzplatz.
Doch so wie es scheint,
geht es in der Wirtschaft
nur noch um schnelles
Geld…
Spieler, Geldjongleure und Spekulanten
zerstören den Reichtum,
den wir geschaffen haben.
Diese angelsächsische Kultur ist
dominant geworden. Die Logik
des schnellen Profits. Profit ohne
Wert. Richtige Unternehmer,
starke Frauen und Männer sind
jene, die Dinge realisieren. Die
Arbeit, Produkte, Innovation,
Schönheit, Sinn schaffen.
Gerade die hochrentable
Swatch Group muss doch
die Gier der Finanzspekulanten
wecken?
Eines Abends hat mich der Chef
eines US-Funds angerufen: «Wir
sind die Grössten, wir verwalten
so und so viel Dutzend Milliarden,
und ich habe eine gute
Nachricht für Sie: Wir haben
gerade beschlossen, für 300 Millionen
Dollar Aktien von Ihnen
zu kaufen.» – «Gut für Sie, habe
ich geantwortet, Sie sind ein kluger
Anleger.» – «Moment», sagte
er, «da ist natürlich eine Bedingung!
» – «Welche Bedingung?» –
«Dass Sie uns versprechen, den
Börsenwert der Swatch-Aktien
im nächsten Jahr zu verdoppeln.
» – «Wenn Sie eine Garantie
wollen», habe ich ihm gesagt,
«dann bekommen sie eine: Ich
garantiere Ihnen, dass sich der
Wert der Aktien nicht verdoppeln
wird.» Denn das hätte ja bedeutet,
dass wir die Arbeit nur
noch auf möglichst viel Gewinn
ausrichten. Dass wir nicht mehr
investieren, nicht mehr forschen
und dass wir Leute entlassen. Er
war entsetzt: «Sie sind wahnsinnig,
Sie haben gerade 300 Millionen
verloren!» – «Nein, sagte ich,
die Swatch hat gar nichts verloren, und übrigens war der Börsenwert
der Aktien nie ein Massstab
für den Wert einer Firma.
Der Börsenwert ist ein Beschiss.»
Er hat mich ein «fucking fool asshole
» genannt und aufgelegt.
Was machen Sie, um solche
Angriffe abzuwehren?
Zuerst habe ich von den Banken
damals 51 Prozent der Aktien
gekauft. Mit diesem Hayek-Pool
haben wir immer die Mehrheit.
Dann gehe ich auf jeden Hedge-
Fund los, der auch nur in die
Nähe kommt. Die wissen das.
Sie wagen es nicht mehr.
Bezahlen Sie Ihre Manager
auch mit Aktien?
Ja, warum?
Weil ein Hedge-Fund
keine Mehrheit braucht,
um eine Firma zu plündern.
Und weil Ihre Manager
dem Hedge-Fund bei
einem Angriff helfen
könnten, denn das steigert
kurzfristig den Wert
der Aktien, macht sie also
schlagartig reich.
Das ist schon richtig. Aber wir
haben hier eine Firmenkultur.
Sehen Sie, mein Sohn wollte
Filme machen. Er ging nach
Paris, um das zu lernen, und er
hat mit seinen Filmen auch Preise
gewonnen. Aber dann hatten
wir 100 Millionen Swatch verkauft,
es gab ein grosses Fest,
und er hat gesehen, wie die Kultur
dieser Firma ist. Nick wollte
unbedingt in der Firma arbeiten.
Jetzt hat er seit einigen Jahren
die operationelle Führung.
Sie machen eine halbe
Milliarde Umsatz pro
Monat. Und doch könnten
die Banken und Finanzjongleure
Druck auf Sie
machen, noch mehr aus
Ihren Arbeitenden herauszuholen.
Ich sorge dafür, dass die Banken
keine Chance haben, die Swatch
Group unter Druck zu setzen.
Wir haben keine Schulden. Und
wir behalten immer genug Cash
in der Firma. Das hat uns etwa
2009 in der Krise erlaubt, keine
Mitarbeitenden zu entlassen. Es
hat uns viel gekostet. Aber dieses
Geld haben wir in diesem
Jahr mehr als wieder zurückgewonnen.
Erstens, weil die Mitarbeitenden
gesehen haben, dass
wir sie nicht einfach wegwerfen.
Sie haben sich sehr stark für die
Firma eingesetzt. Und zweitens,
weil wir auf Lager produziert haben.
Jetzt haben wir diese produzierten
Uhren gut verkauft.
Zerstört der Finanzplatz
die Industrie?
Jedes Unternehmen ist gefährdet,
wenn es an der Börse kotiert
ist. Die Börse ist ein Teufelsort.
Ich würde gerne die ganzen
Swatch-Aktien kaufen und aus
der Börse aussteigen. Aber es
würde mich einige Milliarden
kosten, und ich hasse es, bei
einer Bank Schulden zu machen.
Weil mich das erpressbar
machen würde. Es ist falsch,
dass die Börse allein den Banken
gehört. Das will ich ändern.
Erinnern Sie sich, was mit Sulzer
oder Oerlikon passiert ist?
Banken haben den Funds dabei
geholfen, diese alten grossen
Schweizer Industrieunternehmen
zu kapern.
Wie kann man das
verhindern?
Ich möchte erreichen, dass Industrieunternehmen
die Börse
kaufen können. Dann könnten
wir die Regeln ändern. Wir sollten
verbieten, dass jemand Aktien
von einem Betrieb kaufen
darf, von dem er keine Ahnung
hat. Die grosse Mehrheit der
Investoren weiss nicht einmal,
was der Betrieb produziert, dessen
Papiere sie gerade gekauft
oder verkauft haben. Wenn jemand
eine Wohnung kaufen
will in einem Haus, das Ihnen
gehört, und der passt nicht in
das Haus, verkaufen Sie ihm die
Wohnung auch nicht. Wir sollten
sehr aufpassen, dass nicht
alle Schweizer Unternehmen,
die an der Börse kotiert sind,
von Funds kontrolliert werden,
die keinen Bezug mehr zur
Produktion und zur Schweiz
haben. Aber es gibt da noch
etwas, das ist dringender.
Was denn?
Das Problem der Grossbanken,
die so riesig sind, dass wir sie
immer retten müssen, was auch
immer die tun. Sie sind too big
to fail. Wenn wir dieses Problem
nicht lösen, geht die Schweiz
kaputt. Als die UBS im Oktober
2008 mit über 50 Milliarden
gerettet werden musste, habe
ich Parteien, Parlamentariern
und Unternehmen einen Brief
geschrieben. Viele haben reagiert
und mir gesagt, dass sie
meine Sorge teilten.
Am Ende trafen Sie sich
aber nur mit dem SP-Chef
Christian Levrat und mit
Christoph Blocher von der
SVP.
Die Banken haben Druck auf die
Unternehmer gemacht. Sie
haben damit gedroht, dass der
Kredit knapp wird, wenn wir sie
zu höheren Eigenkapitalreserven
und zu mehr Sicherheit und
Ehrlichkeit zwingen. Viele Unternehmer
fühlten sich eingeschüchtert.
Aber ich glaube, wir
kommen zu einer Lösung.
Wie das?
Langsam sind auch die Banken
bereit zu verhandeln. Sie sagen,
dass sie einverstanden sind,
mehr Eigenkapital aufzubauen.
Aber Levrat ist ein misstrauischer
Kerl. Und er hat recht
damit. Es nützt nichts, wenn
jetzt alle sagen: Ja, das machen
wir. Es muss Stück um Stück
Gesetz werden. Im Parlament.
Die bürgerliche Mehrheit
im Parlament hat bisher
jede Regulierung der
Banken und der Finanzspekulation
abgelehnt.
Alle taten, was die Banken wollten.
Doch ich denke, dass wir
heute an einem Wendepunkt
sind. Immer mehr Leute verstehen,
dass wir zurückfinden
müssen zur Produktion. Zur
Produktion von echtem Wert,
zur Innovation, zum Kreativen.
In diesem Land und seinen
Arbeitenden stecken enorme
Möglichkeiten.
Aber wir haben nicht einmal
eine Industriepolitik.
Bundesrat und Parlament wollen
keine. Und die Kontrolle der
Finanzwirtschaft über die Industrie
zerstört den Werkplatz. Wir
brauchen jetzt grundlegende Reformen
des Finanzsystems. Das
habe ich schon in meiner Rede
vor der Economiesuisse im
Herbst 2008 gefordert, sechs
Wochen vor der UBS-Rettung.
Wir müssen in der Schweiz ein
System erfinden, dass den kleinen
und mittleren Unternehmen
erlaubt, sich ohne die Banken
zu finanzieren. Ein System,
in dem die KMU nicht gezwungen
werden, möglichst schnell
viel Cash auszuschütten.
Die Gewerkschaft Unia hat
deshalb einen Produktionsfonds
und einen Pakt
für eine produktive
Schweiz vorgeschlagen.
Es ist ein Vorschlag, über den
wir diskutieren sollten.
Derzeit findet eine Art
industrieller Revolution
statt. Cleantech verändert
unsere Art zu arbeiten, zu
konsumieren, zu leben.
Verpasst die Schweiz nicht
gerade den Anschluss an
diese neuen Industrien?
Sie werden noch staunen, was
hier alles wächst. Läuft es gut,
bringen wir schon in wenigen
Monaten einen neuen Motor,
die Brennstoffzelle. Also eine
neue Form der Energieerzeugung.
Die Schweiz ist immer
noch ein Industrieimperium.
Wir sind besser als andere. Wir
haben hier enorme Vorteile.
Sehr viele KMU. Ein gutes Klima
zwischen den Sozialpartnern.
Einen Haufen Geld. Und vor allem
ein Lehrlingswesen, um das
uns alle Welt beneidet. Die Franzosen
und andere Länder hätten
das gerne. Sie fragen uns, wie es
funktioniert. Wir müssen dieses
Lehrlingswesen bewahren, wir
müssen es weiter verbessern
und ausbauen. Manche wollen
es schwächen. Unsere beste Industriepolitik
ist: dass wir den
Werkplatz für Maschinenbau,
Elektronik, Uhren, Energie zu
100 Prozent pflegen.
Aber es sind deutsche und
andere ausländische
Unternehmen, die mit den
Entwicklungen der ETH,
des Bieler Technikums,
der Uni Neuenburg im
Bereich der Sonnenenergie
Geld machen und
Arbeit schaffen.
Die Vorstellung ist falsch, dass
wir hier unsere eigenen guten
Ideen nicht umsetzen. Mit den
Solarzellen ist die Sache so:
Die Deutschen haben den Konsum
subventioniert. Deshalb ist
ihre Photovoltaikindustrie sehr
schnell gewachsen. Aber heute
sind diese Unternehmen in grossen
Schwierigkeiten. Warum?
Sie bauen Solarzellen mit niedrigem
Wirkungsgrad. Und diesen
Markt rollen die Chinesen
gerade auf. Wir haben weiterentwickelt.
Denn wir wollen
Zellen mit 40 Prozent Wirkungsgrad.
Das kann bisher nur
die Nasa, aber mit sehr teuren
Materialien. Wir werden sie mit
erschwinglichem Material bauen.
Weil wir hier das Wissen
haben. Nur diese Zellen sind
langfristig rentabel. Nur mit diesen
Zellen kann man auf den
Märkten bestehen. Oder nehmen
wir ein anderes Projekt, an
dem wir gerade mit Hochdruck
arbeiten: eine effiziente Batterie,
etwa für Elektroautos. Batterien
für Elektroautos kosten
50000 Franken, halten 200 Kilometer
und brauchen fünf Stunden,
um aufgeladen zu werden.
Wir bauen jetzt eine Batterie,
die nur noch 10000 kosten soll,
700 Kilometer fährt und in einer
halben Stunde wieder voll ist.
Was heisst: Wir bauen?
Ich bin kein Mann leerer Versprechungen.
Wir haben eine
Holding gegründet, Belenos. Ich
habe viel eigenes Geld reingesteckt.
Wir arbeiten mit anderen
Unternehmen zusammen.
Läuft das, wie wir es denken,
kauft die Autoindustrie der
Welt bald bei uns die Motoren.
Und alle kaufen die Brennstoffzelle.
Und natürlich werden wir
in der Schweiz produzieren.
Das ist Hayek! Aber wo sind
die anderen? Die Bahnindustrie
wurde zerstört,
Oerlikon ist am Ende,
Sulzer, ABB und all die
grossen Industrieunternehmen
sind verkauft.
Traurig. Wir haben eine lange
Periode erlebt, da gab es kaum
noch Unternehmer. Alle wollten
an der Wall Street Geld verdienen,
statt Wert zu schaffen.
Wir sehen nicht, dass das
heute anders wäre.
Sie irren sich. Seit der Krise, seit
2008, sind wir Unternehmer
zurück. Schauen Sie um sich.
Überall wächst die neue Industrie.
work, 1.07.2010


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