Der Padre padrone ist tot. Nicolas G. Hayek ging 82jährig, aber in voller Schaffenskraft. Dass er das Interview nicht mehr absegnen konnte, ist schade. Denn der Retter der Uhrenindustrie hatte in dem frei geführten, fast dreistündigen Gespräch einige noch weit schärfere Dinge über die Banken und Schweizer Wirtschaftsführer gesagt. Wahrscheinlich hätte er sie schriftlich zugespitzt. Er stand zu seinem Wort. Aber ohne seine ausdrückliche Bestätigung wollen wir sie nicht abdrucken.
Auch so wird klar, was ihm mehr als alles andere zuwider war: Die Zerstörung des Werkplatzes durch die Banken. Die Verachtung der Geldmenschen für produktive Arbeit. Der religiöse Irrglaube des Establishments, Geld schaffe Geld. Und die sterile Unfähigkeit dieser Geldelite, irgendetwas zu schaffen. Diese Leute, sagte er mehr als einmal mit zorniger Verachtung, schöpfen keine Arbeit und keinen Wert. Ihr Tun ist im wahren Sinn sinnlos. Sie erfinden nichts. Sie bemühen sich nicht um Schönheit. Sie wissen nichts von der Erotik des Zusammenspiels von Kopf und Hand. Von Zupacken und Realisieren.

1001 STRATEGIEN. Dass hier einer als Visionär und Aufrührer sprach, der den grössten Uhrenkonzern der Welt mit 19 Marken und 24000 Arbeitenden geschmiedet hat, im Krisenjahr 2009 nicht zu Entlassungen griff und weltweit geehrt wird, muss die Wirtschaftsführer erst recht zur Weissglut treiben. Hayek war in diesen Milieus eher geduldet als akzeptiert. Das hat ihn «gezwungen», ein Buch über sein Leben zu schreiben. Er holte ein dickes Manuskript aus einem Aktenkoffer, um mir Bilder aus seiner libanesischen Jugend zu zeigen. Ich erhaschte einen Blick auf den Arbeitstitel: «Hopp Schwiiz!».
Früh schon hatte Hayek gelernt, nichts von Bankern zu halten. Ende der 70er Jahre holten sie ihn als Berater. Sie wollten nur eines: ihre Kredite wieder aus der Uhrenindustrie rausholen und die Industrie meistbietend verscherbeln. Hayek musste sein ganzes Vermögen einsetzen und 1001 Strategien, um ihnen die Uhrenkonzerne Asuag und Omega-SSIH abzutrotzen. Was ihn später nicht daran hinderte, den Bankenlobbyisten Josef Ackermann in einen seiner Verwaltungsräte zu holen. Es dient vermutlich der Sache.

SONNIGE AUSSICHTEN. Unser Gespräch war das zweite in wenigen Wochen. Zuvor hatte er eine kleine Industriedelegation der Unia um Corrado Pardini empfangen. Hayek wollte über den Unia-Vorschlag sprechen, dem Land einen Pakt für die Produktion zu geben. Auch beim Interview ein paar Wochen später ging es um den Werkplatz. Über die Uhrenindustrie wollten wir in einer «dritten Session» diskutieren. Er nahm sich gerne viel Zeit. Er war neugierig auf Menschen. Er mochte sie. Und er sonnte sich in ihrer Bewunderung. Die Bezeichnung Padre padrone nahm er an, auch in ihren negativen Seiten: Das Paternalistische, manchmal harte, war ihm eigen. «Die Industrie braucht einen Leitwolf», sagte er. Wolf war er. Während er Hayek-Anekdoten aus aller Welt zum besten gab oder Victor Hugo rezitierte, nahm er Anrufe entgegen. Und fällte, in zwei Augenblicken, Entscheide von Tragweite. Dieser Mann war immer äusserst zielstrebig unterwegs. Nur hatte er die Eleganz, dabei nicht auf eine seiner vielen Uhren zu schauen. Am Ende führte er mich hinten in sein Büro, wo zwischen Auszeichnungen, einem echten Salvador Dalí, Bildern mit Topmodel Cindy Crawford und einer Menge persönlichen Krams das kleine Modell einer Brennstoffzelle stand. Das war Hayeks letzte, besser: nächste Leidenschaft. So wie er viel Geld in die Uhren steckte, hat er jetzt eine grosse Industrieinitiative für eine neue Energieform gestartet. Den Wasserstoffmotor. Wasserstoffgewinnung durch supereffiziente Solarzellen zu Hause. Eine besonders leistungsfähige Batterie. Den ökologischen Antrieb. «Das wird 100000 neue Arbeitsplätze schaffen», sagte er. Bei jedem anderen möchte man zweifeln. Belenos, so heisst das Projekt, ist sein Vermächtnis an uns.

work, 1.07.2010