«Wahrscheinlich haben Sie gedacht, lieber Herr Schneider-Ammann, die Gelegenheit sei günstig. Schliesslich herrscht Krise, und die Menschen haben Angst. Ein guter Moment, meinen Sie, um die Rechnung für die Krise an die Arbeitenden weiterzuleiten. Sie wollen die Arbeitszeit noch flexibler haben, was konkret eine Erhöhung bedeutet. Und Sie wollen das Rentenalter auf 67 Jahre erhöhen. Nicht mit uns, Herr Schneider-Ammann.
Gerade erst haben wir den Gesamtarbeitsvertrag für die Maschinenindustrie verlängert. Nur ein paar Tage später stellen Sie Forderungen. Was würden Sie sagen, wenn ich heute die 35-Stunden-Woche verlangen würde?

ABWIEGELN. Sehr spät beginnen Sie, den starken Franken zu beklagen. Effektiv ist er für die Mehrheit der Betriebe der Exportindustrie ein riesiges Problem: Innerhalb weniger Wochen sind die Schweizer Produkte 10 Prozent teurer geworden. Das wird Tausende von Arbeitsplätzen kosten. Ihre erste Reaktion, Herr Schneider-Ammann, war: abwiegeln. Die Unternehmen müssten jetzt ins Fitness gehen und sich an einen Eurokurs von Fr. 1.30 gewöhnen. 10 Prozent höhere Preise mit Fitness bewältigen – das ist unmöglich! Was würden Sie sagen, wenn wir 30 Prozent höhere Löhne fordern würden? Das hätte etwa 10 Prozent höhere Preise zur Folge.
Aber statt Massnahmen gegen die Spekulation auf einen überteuerten Franken zu verlangen, wollen Sie das Problem nun offensichtlich auf die Arbeitnehmenden abwälzen. Mit dem Rentenalter 67! Dies, wo doch bereits heute nur noch ein Bruchteil der Arbeitenden über 62 von den Unternehmen beschäftigt wird.

NICHTS TUN. Kein böses Wort verlieren Sie gleichzeitig über die Banken und Devisenspekulanten. Dabei hätten Sie dazu allen Grund. Die haben die globale Krise zu verantworten und auch die derzeitige Euro- Baisse herbeigewettet. Die Finanzwirtschaft zerstört die Realwirtschaft. Das ist die Wahrheit, das ist ein Skandal. Weil die bürgerlichen Parteien nichts dagegen tun, insbesondere auch nicht Ihre FDP, prüft die Unia jetzt die Lancierung einer Initiative für eine Abzockersteuer.

MEIN VORSCHLAG IM INTERESSE DES WERKPLATZES SCHWEIZ: Drängen wir die gierigen Finanzmächte zurück! Sorgen wir für einen Wechselkurs, der Unternehmen eine Chance lässt, die in den Euroraum exportieren. Verstärken wir die Zukunft der Industrie durch eine Ausrichtung auf den ökologischen Umbau. So wie es die Unia mit dem Pakt für eine produktive Schweiz vorgeschlagen hat.


Freundliche Grüsse

Renzo Ambrosetti

work, 1.07.2010